[Nikolaus Ballenberger: Evidenzbasierte Assessments in der Muskuloskelettalen Physiotherapie]
Kristina Flägel 11 Oldenburg in Holstein, Deutschland
Bibliographische Angaben
Nikolaus Ballenberger
Evidenzbasierte Assessments in der Muskuloskelettalen Physiotherapie
Verlag: Elsevier Verlag GmbH, München
Erscheinungsjahr: 2025, Seiten: 488, Preis: 44,00 €
ISBN: 978-3-437-46003-6
Rezension
Das Buch „Evidenzbasierte Assessments in der Muskuloskelettalen Physiotherapie“ ist 2025 in seiner Erstauflage beim Elsevier Verlag erschienen. Der Herausgeber Prof. Dr. Nikolaus Ballenberger betont in seinem Vorwort die „(berufs)ethische und gesetzliche Verpflichtung und Verantwortung, die dem Patienten zustehende bestmögliche Versorgung zu gewährleisten“. Erforderlich dafür ist der Einsatz evidenzbasierter Assessments im klinischen Alltag, um unter anderem Fortschritte der Behandlung sichtbar zu machen. Das Buch listet folglich Assessments auf, welchen Studien mit ausreichender Qualität zugrunde liegen.
Der Aufbau des Buchs gliedert sich in einen Grundlagenteil, der von Prof. Ballenberger geschrieben wurde, und einen zweiten Teil, der die zur Verfügung stehenden Assessments verschiedener Körperregionen sowie klinische Vorhersageregeln (Clinical Prediction Rules, CPRs) und Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) umfasst. Autoren dieser Kapitel sind allesamt Studenten bzw. Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge der Hochschule Osnabrück.
Innerhalb der Einführung im Grundlagenteil wird die Bedeutung von Assessments für die evidenzbasierte Physiotherapie dargestellt. In den folgenden Kapiteln werden die Grundlagen geschaffen, um wesentliche Merkmale evidenzbasierter Assessments einschätzen zu können. So werden Unterscheidungsmerkmale von Assessments dargestellt, Fehlerarten inklusive ihrer Beziehung zu den Gütekriterien, Reliabilität und Validität inklusive statistischer Verfahren für die verschiedenen Arten von Reliabilität und Validität sowie die Übertragbarkeit von Studienergebnissen. Das sechste Kapitel des Grundlagenteils widmet sich der Erläuterung, wie die Empfehlungen für den klinischen Einsatz der im zweiten Teil des Buchs dargestellten Assessments getroffen wurden. Die Assessments wurden mittels einer zweistufigen systematischen Literaturrecherche ermittelt. Im ersten Schritt wurden Assessments zu einer bestimmten Körperregion, zu welchen wissenschaftliche Veröffentlichungen vorlagen, identifiziert, um in einem zweiten Schritt gezielt Studien zu den Gütekriterien dieser identifizierten Assessments herauszuarbeiten. Assessments wurden aufgenommen, sobald sie zur Abklärung spezifischer muskuloskelettaler Beschwerden bei Erwachsenen angewendet wurden und „potenziell Rückschlüsse auf pathologisch veränderte und/oder schmerzhafte Strukturen und/oder körperregionsspezifische Dysfunktionen zulassen“ (S.64). Darunter finden sich nicht nur alleinstehende Assessments, sondern auch Testbatterien, PROMs und CPRs. Assessments, welchen Studien mit hohem Verzerrungsrisiko zu Grunde lagen, sowie nicht praktikabel anwendbare, d. h. mit einem nicht akzeptablen Kosten- und Zeitaufwand für die physiotherapeutische Praxis verbundene Assessments, sind nicht Bestandteil des zweiten Teils des Buchs. Der klinische Nutzen der Assessments wird anhand von Schwellenwerten der positiven und negativen Likelihood-Ratio (LR+/-), Korrelationskoeffizienten nach Pearson, Spearman, Cronbachs Alpha, Intraklassen-Korrelationskoeffizient (ICC), Kappa, Effektstärke nach Cohen und Fläche unter der Kurve (area under the curve, AUC) bewertet. In die Stärke der Empfehlung für die Assessments fließt neben der Stärke der statistischen Parameter auch das Verzerrungsrisiko der zugrundeliegenden Studien ein. Eine starke Empfehlung für den klinischen Einsatz setzt mindestens zwei Studien mit geringem Verzerrungsrisiko und gegebenem klinischen Nutzen voraus.
Die Kapitel zu den Assessments (Halswirbelsäule, Kiefer- und Kopfregion, Schulterregion, Ellenbogen, Hand, Lendenwirbelsäule, Iliosakralgelenk, Hüftgelenk, Kniegelenk, Fuß und Sprunggelenk, Clinical Prediction Rules, Patient-Reprted Outcomes) beginnen jeweils mit einer kurzen Einführung, einer Kapitelübersicht in Form der dargestellten Dimensionen (z. B. Haltung, Bewegungsausmaß und zervikale Instabilität im Kapitel „Halswirbelsäule“), der Evidenzlage, Empfehlungen, Besonderheiten und Praktikabilität der auf den folgenden Seiten dargestellten Assessments. Jedes Assessment wird in seiner Durchführung am Patienten beschrieben, Evidenz zur Validität und Reliabilität des Assessments in Form von Tabellen mit farblicher Kodierung ausführlich dargestellt und Empfehlungen zur Anwendung in Tabellenform und ggf. textbasierter Zusammenfassung gegeben. Jedes Kapitel enthält abschließend eine tabellarische Zusammenfassung der Empfehlungen zu den inkludierten Assessments, ggf. mit textbasierter Ergänzung. Häufig werden hier auch die nicht aufgeführten Assessments dargestellt und die Gründe des Ausschlusses thematisiert. Alle Assessments finden sich im umfangreichen Register wieder.
Das Buch ist insgesamt klar strukturiert und wissenschaftlich nachvollziehbar ausgearbeitet, indem die Methodik und Ergebnisdarstellung einheitlich umgesetzt wurden. Es bietet mit seinem Grundlagenteil eine umfassende Unterstützung für das Zurechtfinden in der wissenschaftlichen Welt von Assessments. Gewährleistet wird dies unter anderem durch Erläuterungen der verwendeten Begrifflichkeiten im englischen Sprachraum. Diskutabel ist sicherlich die Tiefe der dargestellten Grundlagen, wobei Prof. Ballenberger darauf hinweist, dass dieses Buch kein Ersatz für Fachbücher zur Entwicklung von Assessments und für statistische Methoden sein soll. Wesentlich ist, dass mit dem Grundlagenteil die Kapitel zu den Assessments allesamt nachvollziehbar sind. Hilfreich ist die anschauliche Gestaltung, z. B. durch das Heranziehen von Originalstudien zur Illustration verschiedener Sachverhalte wie statistischer Methoden der Kriteriumsvalidität. Die sorgsame Literaturarbeit sowie entsprechende Weiterverweise ermöglichen dem interessierten Leser tiefer in die Materie einzusteigen, wenn die Darstellung für diesen in den Grundlagen nicht ausreichen sollte. Auch die Einbindung von Qualitätsbewertungstools (z. B. Quality Appraisal of Diagnostic Reliability Studies) erfolgt im Grundlagenteil und unterstreicht damit den wissenschaftlichen Anspruch dieses Buchs.
Mit einer konsequenten Betonung von notwendiger Evidenz und von Stärkung des Selbstverständnisses und der Professionalisierung der Berufsgruppe der Physiotherapeuten ist dieses Buch dem Patienten und seiner bestmöglichen Versorgung gewidmet. Es wird dem Konzept einer evidenzbasierten Versorgung, bestehend aus externer Evidenz, interner Evidenz und Patientenpräferenzen umfassend gerecht: „[…] zur Erfassung des klinischen Verlaufs [ist] unbedingt auf die Patientenpräferenz zu achten, d. h., je nach klinischem Problem sind individuelle Prioritäten zu berücksichtigen. Während bei Herrn Müller die Schmerzsymptomatik im Vordergrund steht, hat für Frau Maier vielleicht die Verbesserung der Lebensqualität Vorrang“ (S.43).
Nicht zuletzt hebt dieses Buch hervor, wie viel Bescheidenheit uns als klinisch tätiges Gesundheitspersonal in der Behandlung von Patienten begleiten sollte, wenn wir hier schwarz auf weiß sehen, dass die Studienlage häufig sehr eingeschränkt ist. Prof. Ballenberger beschreibt dies passend: „[…] die Wahl der vermeintlich besten Assessments [ist] nie eine Garantie dafür, dass stets korrekte klinische Urteile und Entscheidungen getroffen werden. Als Therapeut muss man sich immer darüber im Klaren sein, dass jedes klinische Urteil und jede Entscheidung fehlerhaft sein kann“ (S.67).
„Evidenzbasierte Assessments in der Muskuloskelettalen Physiotherapie“ ist kein Buch, welches man aufgrund eines thematischen Interesses im Ganzen durchschmökert, sondern ein praktikabler Begleiter bei spezifischen Fragestellungen für den klinisch tätigen Therapeuten oder Mediziner, der sich um eine Weiterentwicklung seiner Patientenversorgung bemüht, für den wissenschaftlichen Mitarbeiter, der sich mit der (Weiter-)Entwicklung von Assessments auseinandersetzt bzw. den Einsatz evidenzbasierter Assessments in Studien plant, oder den Studierenden bzw. Auszubildenden in Gesundheitsberufen, der seinen Fokus auf eine bestmögliche Einschätzung des Bewegungsapparates seiner Patienten setzen möchte.
Interessenkonflikt
Die Autorin erklärt, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel hat.



