[Mehr als eine technische Lösung: Der lange Weg vom papierbasierten Logbuch zum E-Portfolio]
Harm Peters 1Ylva Holzhausen 1
1 Charité – Universitätsmedizin Berlin, Prodekanat für Studium und Lehre, Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre und evidenzbasierte Ausbildungsforschung, Berlin, Deutschland
Leitartikel
Seit 2013 sind die medizinischen Fakultäten in Deutschland verpflichtet, die Ausbildung im Praktischen Jahr (PJ) mithilfe fachspezifischer Logbücher zu strukturieren. Damit sollten die Ziele der Ausbildung im letzten Studienjahr transparent gemacht und gemeinsame Erwartungen über die verschiedenen klinischen Ausbildungsorte hinweg geschaffen werden. Zugleich sollten die Logbücher den Studierenden sowie den betreuenden Ärztinnen und Ärzten einen Rahmen für die ärztlichen Fertigkeiten bieten, die während des jeweiligen Ausbildungsabschnitts vermittelt werden sollen. In dieser Hinsicht haben Logbücher dazu beigetragen, das intendierte Curriculum in einer stark dezentral organisierten Phase der medizinischen Ausbildung sichtbarer zu machen.
Ein intendiertes Curriculum wird jedoch nicht automatisch zur gelebten Ausbildungspraxis. Die Studie von Gerstacker und Kolleginnen und Kollegen veranschaulicht diese Lücke für die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Ein erheblicher Anteil der Studierenden und betreuenden Ärztinnen und Ärzte gab an, überhaupt kein Logbuch zu verwenden. Dennoch bevorzugte die Mehrheit der Befragten eine digitale Version, und viele Studierende, die das papierbasierte Format nur selten nutzten, gaben an, es häufiger zu verwenden, wenn es elektronisch verfügbar wäre [1]. Zwar kann die Digitalisierung den Zugang erleichtern und die Nutzung möglicherweise erhöhen, doch betonen die Autorinnen und Autoren, dass der pädagogische Wert von mehr als einem Wechsel des Mediums abhängt. Sie fordern daher ein interaktives digitales Logbuch mit klaren Lernzielen. Daraus ergibt sich die wichtige weiterführende Frage: Wie kann sich ein Logbuch zu einem entwicklungsorientierten E-Portfolio weiterentwickeln, das Teil des klinischen Lernens wird, anstatt lediglich durchgeführte Tätigkeiten elektronisch zu dokumentieren? Der Unterschied liegt in der pädagogischen Ausrichtung. Traditionelle Logbücher halten vor allem fest, ob vorab ein definiertes Spektrum an ärztlichen Fertigkeiten durchgeführt wurde. Ein E-Portfolio sollte Nachweise über die Zeit hinweg miteinander verknüpfen und diese nutzen, um weiteres Lernen und weitere Entwicklung anzuleiten. Es sollte ein Gespräch eröffnen, anstatt lediglich einen Punkt abzuhaken. In diesem Editorial gehen wir dieser Frage aus vier miteinander verbundenen Perspektiven auf die Implementierung eines E-Portfolios nach: einem gemeinsamen Rahmen für anvertraubare professionelle Tätigkeiten (Entrustable Professional Activities, EPAs), den individuellen Lernwegen der Studierenden, der Art der Supervision durch die betreuenden Ärztinnen und Ärzte sowie der Nutzung von Portfoliodaten durch die Fakultäten zur curricularen Weiterentwicklung.
An der Charité haben wir kürzlich an den universitären Standorten und den angeschlossenen Lehrkrankenhäusern ein EPA-basiertes E-Portfolio für das Praktische Jahr eingeführt [2]. Unsere bisherigen Erfahrungen legen nahe, dass der Übergang von einem papierbasierten Logbuch zu einem E-Portfolio voraussichtlich ein langer Weg sein wird. Damit ein solcher Wandel über klinische Stationen und Ausbildungsorte hinweg konsistent umgesetzt werden kann, benötigen Studierende und betreuende Ärztinnen und Ärzte ein gemeinsames Verständnis sowie eine gemeinsame Sprache für professionelle Tätigkeiten, Supervision und Entwicklung.
Im deutschen Kontext kann der EPA-Rahmen im Absolventenprofil des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM) eine solche gemeinsame Sprache und einen konzeptionellen Rahmen für das Praktische Jahr bieten [3]. EPAs beschreiben authentische Einheiten professionellen Handelns und verknüpfen die gezeigte Leistung mit dem erforderlichen Supervisionsgrad. Die ihnen zugrunde liegende Logik ist entwicklungsorientiert. Eine EPA ist nichts, was Studierende plötzlich entweder „haben“ oder „nicht haben“. Durch Beobachtung, aktive Beteiligung, Feedback und Übung können sie definierte professionelle Tätigkeiten zunehmend eigenständig und unter abnehmender Supervision ausführen.
Eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsamer konzeptioneller Rahmen sind jedoch nur der erste Schritt. Wenn die entwicklungsorientierte Logik des NKLM das Lernen an den vielen Ausbildungsorten des Praktischen Jahres prägen soll, muss sie in eine gemeinsame Infrastruktur übersetzt werden, über die Erwartungen, Beobachtungen und Lernfortschritte der Studierenden kommuniziert werden können. Der Medizinische Fakultätentag diskutiert derzeit die Entwicklung eines nationalen E-Portfolios für das Praktische Jahr. Ein solches Portfolio könnte ein gemeinsames Verständnis darüber schaffen, welche professionellen Tätigkeiten Studierende bis zum Ende des Praktischen Jahres auf welchem Supervisionsgrad ausführen sollen. Es würde den klinisch Lehrenden einen gemeinsamen Bezugsrahmen bieten und sie dabei unterstützen, angemessene Lerngelegenheiten für ihre Studierenden zu schaffen, Leistungen zu beobachten und Verantwortung sicher zu übertragen. In der heutigen klinischen Arbeitswelt mit wechselnden Teams, zahlreichen Krankenhäusern und vielen Supervisorinnen und Supervisoren darf ein solches gemeinsames Verständnis nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden.
Ein gemeinsamer Rahmen sollte zugleich nicht bedeuten, dass alle Studierenden identische Lernwege durchlaufen. Unsere Erfahrungen mit einem EPA-basierten E-Portfolio im Praktischen Jahr an der Charité verdeutlichen die Bedeutung individueller Lernwege [2]. Zu Beginn des Ausbildungsabschnitts berichteten die Studierenden über deutlich unterschiedliche praktische Vorerfahrungen. Einige hatten bestimmte Tätigkeiten bereits wiederholt und mit erheblicher Eigenständigkeit ausgeführt; während andere kaum Gelegenheit hatten, sie überhaupt zu erproben. Eine strukturierte Dokumentation innerhalb eines EPA-Rahmens macht diese Unterschiede zu einem Zeitpunkt sichtbar, an dem sie das weitere Lernen der Studierenden noch gezielt beeinflussen können. Betreuende Ärztinnen und Ärzte können die Zuweisung von Aufgaben und die Supervision anpassen, während die Studierenden Prioritäten für einen individuellen Lernplan bestimmen können. Auf diese Weise macht das E-Portfolio aus einer rückblickenden Dokumentation eine vorausschauende Unterstützung des Lernens. Es dokumentiert nicht nur das bisher Erreichte, sondern gibt auch Orientierung für die nächsten Lernschritte. Es kann Studierende dazu anregen, gezielt nach bestimmten Lerngelegenheiten zu suchen. Darüber hinhaus kann es Supervisorinnen und Supervisoren bei der Entscheidung unterstützen, wann eine direkte Beobachtung weiterhin erforderlich ist. Zudem ermöglicht es beiden Seiten zu prüfen, ob die Eigenständigkeit im Zeitverlauf zunimmt. Sein Wert liegt darin, Daten mit pädagogischem Handeln zu verbinden.
Der Wert dieser Daten reicht über die einzelnen Studierenden hinaus bis auf die Ebene der medizinischen Fakultät [2]. Papierbasierte Logbücher bleiben in der Regel Sammlungen individueller Einträge. Durch die Zusammenführung von Daten über Studierende, Ausbildungsabschnitte und Ausbildungsorte hinweg kann ein E-Portfolio sichtbar machen, wie das Curriculum des Praktischen Jahres in der Praxis tatsächlich funktioniert. Es kann Aufschluss darüber geben, welche professionellen Tätigkeiten Studierende ausführen, auf welchen Supervisionsgraden dies geschieht, wo Erfahrungen voneinander abweichen und wo das intendierte Curriculum nicht durchgängig verwirklicht wird. Dies ermöglicht es den medizinischen Fakultäten, mit gezielten curricularen Anpassungen zu reagieren. Das E-Portfolio verbindet somit zwei Lernprozesse: Studierende lernen aus ihren Erfahrungen, und Fakultäten lernen aus den dokumentierten Erfahrungen der Studierenden, wie das von ihnen angebotene Curriculum in der Praxis umgesetzt wird.
Ein E-Portfolio implementiert sich nicht von selbst. Damit es sein pädagogisches Potenzial entfalten kann, muss es sich an den klinischen Arbeitsabläufen orientieren und nicht umgekehrt. Studierende benötigen eine Einführung und kontinuierliche Unterstützung dabei, um Feedback und Portfoliodaten zu nutzen und ihre eigenen EPA-basierten Lernverläufe in einem arbeitsintensiven klinischen Umfeld aktiv zu gestalten und zu steuern. Betreuende Ärztinnen und Ärzte benötigen Qualifizierung und Unterstützung bei direkter Beobachtung, Feedback und Anvertrauensentscheidungen. Die Implementierung sollte daher durch kurze Just-in-time-Qualifizierungsmöglichkeiten für Lehrende begleitet werden, die in die alltäglichen klinischen Arbeitsabläufe integriert sind: kurze EPA-Beschreibungen vor einer Beobachtung, Erläuterungen der Supervisionsgrade bei der Einschätzung der gezeigten Leistung, Impulse für narratives Feedback und Anregungen zur Vereinbarung des nächsten Lernschritts. Das E-Portfolio sollte außerdem ermöglichen, Beobachtungen und Beurteilungen der Leistungen von Studierenden zeitnah zum klinischen Kontakt zu erfassen und unmittelbar in die longitudinale Dokumentation der einzelnen Studierenden zu überführen. Die technische Implementierung mag Monate dauern; die kulturelle Verankerung in der täglichen klinischen Praxis wird voraussichtlich Jahre in Anspruch nehmen.
Der Übergang von papierbasierten Logbüchern zu einem national gemeinsam genutzten E-Portfolio für das Praktische Jahr in Deutschland wird voraussichtlich ein langer Weg sein: von der Dokumentation zur Entwicklung, von impliziten Erwartungen zu einem gemeinsamen curricularen Verständnis und von individuellen Aufzeichnungen zu institutionellem Lernen. Ein solches E-Portfolio wäre eine curriculare Infrastruktur, die in die tägliche klinische Praxis integriert werden sollte. Sein Potenzial wird sich nur dann entfalten, wenn es Medizinstudierende dabei unterstützt, in professionelle ärztliche Verantwortung hineinzuwachsen, klinisch Lehrende bei der Einbindung von Studierenden in die Patient*innenversorgung unterstützt und medizinische Fakultäten in die Lage versetzt zu verstehen, wie ihre Curricula in der Praxis tatsächlich funktionieren. Dies zu erreichen, erfordert mehr als eine technische Lösung.
ORCIDs der Autor*innen
- Harm Peters: [0000-0003-1441-7512]
- Ylva Holzhausen: [0000-0001-8710-8257]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
Literatur
[1] Gerstacker K, Engert J, Lükewille L, von Witzleben A, Budelmann L. Final-year logbooks in otorhinolaryngology in Germany – insights from a needs analysis and user experience study of final-year students and supervisors. GMS J Med Educ. 2026;43(6):Doc77. DOI: 10.3205/zma001871[2] Dohle NJ, Peters H, Holzhausen Y. Lehre im chirurgischen Tertial gestalten – Mit welchen praktischen Vorerfahrungen starten Studierende in das PJ? [Organize teaching in the surgical rotation -What practical experience do students starting the final year clerkship have?]. Chirurgie (Heidelb). 2026;97(7):567-574. DOI: 10.1007/s00104-025-02428-3.
[3] Medizinischer Fakultätentag der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM), Version 2.1. Berlin: Medizinischer Fakultätentag; 2026. Zugänglich unter/available from: https://www.nklm.de/



