Der Tod in Venedig: Epidemiologie in Prosa
Emilio Gianicolo 11 Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Abteilung Epidemiologie und Versorgungsforschung, Mainz, Deutschland
Der Tod in Venedig: Epidemiologie in Prosa
Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ stellt eine Quelle der Inspiration für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und insbesondere Epidemiologen und Epidemiologinnen dar.
Nein, es geht hier nicht um das Hauptthema der Novelle, die homoerotische Liebe eines alternden und kränkelnden Schriftstellers in einer Lebenskrise für einen Knaben. Eine Liebe für den Entbehrten Tadzio, die sowohl Thomas Mann als auch Luchino Visconti in zwei Meisterwerken des 20. Jahrhunderts gemalt haben.
Es geht auch nicht um die Künstlerfurcht des Schriftstellers, nicht fertig zu werden, diese Besorgnis, die Uhr möchte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan und völlig sich selbst gegeben [, nicht mehr als bloße Grille von der Hand zu weisen war, hatte sein äußeres Dasein sich fast ausschließlich auf die schöne Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen Landsitz beschränkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte.] ([1], S. 11), die auch eine Furcht von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sein könnte.
Hier geht es um den Tod in Venedig, die Cholera, und die Glaubwürdigkeit der historischen Angaben, die in der Novelle Thomas Manns erwähnt werden. Es geht also um das Was, das Wann, das Wie viel und das Wo [2].
Was. In der Novelle befasst sich Thomas Mann mit der Reise Gustav von Aschenbachs nach Venedig und die Verbreitung der Cholera in der Stadt. Für Epidemiologinnen und Epidemiologen ist die Untersuchung der Cholera ein Meilenstein, da darauf eine ganze Disziplin gebaut wurde. John Snow, der als Anästhesist arbeitete, erbrachte durch epidemiologische Untersuchungen den Nachweis, dass die Ausbreitung der Cholera nicht auf Miasmen, d. h. auf schlechte Luftqualität zurückzuführen war, wie viele seiner Zeitgenossen damals dachten, sondern auf die Qualität des Trinkwassers [3].
Wann. Thomas Mann ließ sich zur Novelle durch eine Reise mit seiner Frau Katja an die Schauplätze des Textes im Mai 1911 inspirieren und begann sie zu verfassen. Ende Mai 1911 berichteten (nur) deutschsprachige Zeitungen über einen Österreicher, der an Cholera nach einer Reise in die Lagunenstadt, gestorben war [4], [5]. Historiker bestimmten, dass die italienische Regierung unter Giovanni Giolitti, wie ein moderner Bolsonaro oder Trumps Regierung bei der COVID-19-Pandemie, das Problem unter den Teppich kehrte, um wirtschaftliche Folgen zu vermeiden. Dagegen konnten die Società Veneta di Medicina (Deutsch: Medizinische Gesellschaft Venetos) und deren Vertreter, Professor Davide Giordano nichts ausrichten. Durch die Arbeit des Historikers Frank Snow(den) (nomen est omen) wissen wir, dass die Società Veneta di Medicina, um die Bevölkerung über die Verbreitung der Cholera und die präventiven Maßnahmen zu informieren, eine Broschüre schrieb, um diese unter der Bevölkerung zu verteilen. Eine solche edle Initiative wurde jedoch von der Prefettura (deutsch: Präfektur) energisch unterbunden und kostete Professor Giordano sein Amt [5], [6]. Er trat zurück.
Wie viel. Bei Thomas Manns ist zu lesen: „Die Zahl der Erkrankungs-, der Todesfälle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja hundert und mehr belaufen [, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf völlig vereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt. Warnende Bedenken, Proteste gegen das gefährliche Spiel der welschen Behörden waren eingestreut. Gewissheit war nicht zu erlangen.]“ ([1], S. 67).
Professor Giordano referierte in einem umfassenden Bericht über die Fälle, die in Venedig vom 22. Mai bis 2.11.1911 auftraten. Es gab 778 Fälle von Cholera, 605 davon wurden bakteriologisch bestätigt. 262 davon endeten tödlich [6], [7].
Wo. Obwohl auch andere italienische Städte, wie z.B. Neapel und Palermo, gleichzeitig genauso stark, wenn nicht sogar schwerer von der Seuche betroffen waren, war die Stadt Venedig, mit der berühmten Maske „Il medico della peste“ [8], der ideale Schauplatz für die Novelle. Es bleibt unklar, worauf sich die Zahlen, die in der Novelle von Thomas Mann und in dem Bericht von Professor Giordano aufgeführt werden, beziehen. Ob, z.B. in dem Bericht von Professor Giordano nur Einwohner Venedigs berücksichtigt wurden oder auch Touristen, wie der fiktive Schriftsteller von Aschenbach, der zur Erholung in die Stadt kam und dann Liebe und den Tod zugleich in Venedig fand, ist nicht bekannt.
Aus epidemiologischer Sicht bleiben noch weitere Fragestellungen, die nicht beantwortet wurden. Es wäre z.B. möglich mit aktuellen epidemiologischen Studiendesigns und statistischen Verfahren zu untersuchen, wie viele Todesfälle die Prefettura der Landstadt hätte vermeiden können, in einem kontrafaktischen und idealen Gegenszenario, bei dem die Empfehlungen der Società Veneta di Medicina befolgt und unterstützt und nicht behindert worden wären. Noch mehr möge dieser Beitrag Epidemiologinnen und Epidemiologen anregen, andere literarische Meisterwerke in den Kontext epidemiologischer und medizinhistorischer Fakten zu stellen.
Anmerkungen
Danksagungen
Ich bedanke mich bei Frau Silke Hennemann und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Literaturkurses der Volkshochschule Mainz für die inspirierenden Gespräche. Ich danke zudem Herrn Günter Schenk, Experte für das Thema Fastnacht und Karneval in Europa, für die Bücher zum Karneval in Venedig sowie für die Hinweise zur Herkunft der Maske „Il Medico della peste“. Schließlich bedanke ich mich bei der unbekannten Begutachterin für die Anregungen und Literaturhinweise.
Interessenkonflikte
Der Autor erklärt, dass er keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel hat.
Literatur
[1] Mann T. Der Tod in Venedig. Fischer Taschenbuch; 1912.[2] Fox MP, Murray EJ, Lesko CR, Sealy-Jefferson S. On the Need to Revitalize Descriptive Epidemiology. Am J Epidemiol. 2022 Jun 27;191(7):1174-1179. DOI: 10.1093/aje/kwac056
[3] Snow J. On the Mode of Communication of Cholera. Edinb Med J. 1856;1(7):668-670.
[4] Si Y. Eine realitätsbezogene Metapher: Cholera und epidemische Psychologie in Der Tod in Venedig. Literaturstraße. 2022;23(2).
[5] Rutten T. Cholera in Thomas Mann’s Death in Venice. Gesnerus. 2009;66(2):256-287.
[6] Snowden FM. Naples in the Time of Cholera, 1884-1911. 2010.
[7] Giordano D. Il colera a Venezia nel 1911. Aquila: Ministero dell’Interno, Direzione Generale della Sanità; 1911.
[8] Reato D. Maschere e travestimenti nella tradizione del carnevale di Venezia. Venezia: Arsenale Cooperativa Editrice; 1981.



