[Vorstellung einer Langzeitstudie zur Erhebung der Lokalisationsfähigkeit bei neuimplantierten Cochlea-Implantat-Träger:innen mit verschiedenen Versorgungsformen]
Sarah Lewits 1Max Blümer 1
Alexander Elsholz 1
Katharina Schmidt 2
Mark Praetorius 1
1 Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Hamburg, Deutschland
2 Jade Hochschule, Institut für Hörtechnik und Audiologie, Oldenburg, Deutschland
Zusammenfassung
Diese prospektive Langzeitstudie untersucht die Entwicklung des Richtungshörens, des Sprachverstehens und der subjektiven Hörwahrnehmung bei erwachsenen Träger:innen von Cochlea-Implantaten während der Rehabilitation. Die Erhebung erfolgt über zwölf Monate hinweg mittels „Erfassung des Richtungshörens bei Kindern (ERKI)“ System (Auritec, Hamburg, Deutschland), Freiburger Einsilbertest und „Speech Spatial Qualities Questionnaire (SSQ12)“. Erste Ergebnisse zeigen signifikante Verbesserungen im Richtungshören nach acht und zwölf Monaten sowie im Sprachverstehen nach vier und zwölf Monaten. Die subjektive Hörwahrnehmung bleibt hingegen weitgehend unverändert. Bisher konnte keine signifikante Korrelation zwischen der subjektiven Einschätzung der Patient:innen und den audiologischen Ergebnissen nachgewiesen werden.
Zielsetzung
Das Richtungshören in der Horizontalebene beruht auf der Verarbeitung interauraler Cues, insbesondere der interauralen Zeitdifferenzen (ITDs) und der interauralen Pegeldifferenzen (ILDs). Bei Träger:innen von Cochlea-Implantaten (CI) ist die Fähigkeit zur Nutzung von ITDs eingeschränkt. Ursächlich hierfür sind die Zerlegung und Umwandlung des akustischen Eingangssignals durch die Sprachkodierungsstrategie, sowie die Unterschiede zwischen der elektrischen und der physiologischen akustischen Stimulation, welche mit einer verringerten Verfügbarkeit der temporalen Feinstruktur einhergeht. Infolgedessen sind CI-Nutzer:innen in besonderem Maße auf ILDs zur Schallquellenlokalisation angewiesen [1], [2].
Ziel dieser Langzeitstudie ist es, den Verlauf der Lokalisationsleistung, des Sprachverstehens sowie der subjektiven Hörwahrnehmung bei erwachsenen Patient:innen mit Cochlea-Implantaten (CI) während der Rehabilitation systematisch zu dokumentieren. Darüber hinaus sollen die Zusammenhänge zwischen diesen Bereichen analysiert werden.
Methoden
Die Datenerhebung beginnt zwei Wochen nach der ersten Anpassung und erfolgt in festgelegten Intervallen von zwei, vier, acht und zwölf Monaten. Das Richtungshörvermögen wird unter Anwendung des „Erfassens des Richtungshörens für Kinder (ERKI)-Systems“ [3] bestimmt. Das ERKI-Setup besteht aus dem modifizierten MAINZER-Kindertisch mit 32 virtuellen und 5 realen Schallquellen in einem Halbkreis. Für diese Studie wird der horizontale Lokalisationsbereich von ±75° in Schritten von 5° untersucht. Als akustischer Stimulus dient ein 300 ms langer Ausschnitt des ISTS-Sprachsignals /alors/ (70 dB SPL, ±3 dB Pegel-Roving), welcher an jedem Winkelpunkt in fünf separaten Trials dargeboten wird. Das Sprachverstehen wird im Rahmen des Freiburger Einsilbertests bei einem Stimuluspegel von 65 dB SPL erfasst. Zur subjektiven Einschätzung des Hörvermögens wird der „Speech Spatial Qualities Questionnaire (SSQ12)“ herangezogen, welcher die Subskalen „Speech“, „Spatial“ und „Qualities“ umfasst [4], [5]. Als Ausschlusskriterien für die Teilnahme gelten eine Taubheit auf der kontralateralen Seite sowie das Vorliegen psychiatrischer oder neurologischer Erkrankungen.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist die Datenerhebung der Studie noch nicht abgeschlossen. Die vorläufige Analyse basiert auf den Daten von zwölf erwachsenen Patient:innen, darunter sieben bimodal versorgte, drei mit einseitiger Taubheit sowie zwei bilateral mit Cochlea-Implantaten versorgte Personen, die die Studie bereits vollständig durchlaufen haben. Insgesamt wurden 48 ausgefüllte SSQ12-Fragebögen sowie 51 Testdurchläufe zum Freiburger Einsilbertest und zum Richtungshören ausgewertet. Die statistische Analyse erfolgte mit IBM SPSS Statistics (Version 29.0.2.0; IBM Corp., Armonk, NY, USA) unter Anwendung verallgemeinerter linearer gemischter Modelle (GLMM). Das Signifikanzniveau wurde auf p<0,05 festgelegt.
Ergebnisse
Im Vergleich zur Erhebung zwei Wochen nach der Erstanpassung zeigte sich beim Richtungshören eine signifikante Reduktion des Root Mean Square Error (RMSE) nach acht Monaten (t(36)=–3,114, p=0,033) sowie nach zwölf Monaten (t(35)=–3,432, p=0.016) (Abbildung 1 [Abb. 1]). Das Einsilberverstehen verbesserte sich signifikant nach vier Monaten (t(36)=3,334, p=0,018) und nach zwölf Monaten (t(36)=3,596, p=0,010) (Abbildung 2 [Abb. 2]). Die SSQ12-Gesamtwerte zeigten nach zwölf Monaten hingegen keine signifikanten Veränderungen (t(32)=2,143, p=0,398), ebenso wenig wie die Subskalen „Speech“ (t(32)=0,684, p=1,000) und „Qualities“ (t(32)=1,057, p=1,000). Für die Subskala „Spatial“ ergab sich ein Wert nahe der statistischen Signifikanz (t(32)=2,974, p=0,055) (Abbildung 3 [Abb. 3]). Ein signifikanter Zusammenhang zwischen Richtungshörvermögen, Sprachverständnis und subjektiver Wahrnehmung konnte bislang nicht festgestellt werden (Tabelle 1 [Tab. 1]).
Abbildung 1: Wurzel des mittleren quadratischen Fehlers (RMSE) der Schallquellenlokalisierung über die Monate. Gemessen mit dem „Erfassen des Richtungshörens bei Kindern (ERKI)“ System
Abbildung 2: Wortverständnis über die Monate im Freiburger Einsilbertest
Abbildung 3: Ergebnisse des „Speech Spatial Qualities Questionnaire“ (SSQ12) über die Monate
Tabelle 1: Pearsons-Korrelationsanalyse zu verschiedenen Zeitpunkten. r=0,0<0,1 (keine), r=0,1<0,3 (geringe), r=0,3<0,5 (mittlere)
Diskussion
Das Richtungshören zeigte im Verlauf der Erhebung sowohl intra- als auch interindividuelle Schwankungen, sodass nicht bei allen Patient:innen eine Verbesserung festgestellt werden konnte. Ein klarer Zusammenhang zwischen subjektiver Wahrnehmung und den Ergebnissen audiologischer Tests ließ sich nicht nachweisen: Während sich sowohl das Sprachverstehen als auch das Richtungshören signifikant verbesserten, blieb die subjektive Einschätzung, nach einem anfänglichen Anstieg nach zwei Monaten, über den weiteren Verlauf hinweg weitgehend konstant. Die Entwicklung des Sprachverstehens steht im Einklang mit früheren Studien und spiegelt insbesondere die für die Anfangsphase typische „Restaurationszeit“ wider, in der ein initialer Leistungsanstieg zu beobachten ist [6]. Zukünftige Analysen mit einer größeren Stichprobe sind geplant, um die bisherigen Ergebnisse weiter zu validieren und differenziertere Aussagen zu ermöglichen.
Anmerkungen
Konferenzpräsentation
Dieser Kurzbeitrag wurde bei der 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie präsentiert und als Abstract veröffentlicht [7].
Interessenkonflikte
Die Autor:innen erklären, dass sie keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Manuskript haben.
Literatur
[1] Aronoff JM, Yoon YS, Freed DJ, Vermiglio AJ, Pal I, Soli SD. The use of interaural time and level difference cues by bilateral cochlear implant users. J Acoust Soc Am. 2010 Mar;127(3):EL87-92. DOI: 10.1121/1.3298451[2] Zirn S, Angermeier J, Arndt S, Aschendorff A, Wesarg T. Reducing the Device Delay Mismatch Can Improve Sound Localization in Bimodal Cochlear Implant/Hearing-Aid Users. Trends Hear. 2019 Jan-Dec;23:2331216519843876. DOI: 10.1177/2331216519843876
[3] Plotz K, Schmidt K. Lokalisation realer und virtueller Schallquellen mit einem automatisierten Erweiterungsmodul am Mainzer-Kindertisch. Z Audiol. 2017;56(1):6-18.
[4] Noble W, Jensen NS, Naylor G, Bhullar N, Akeroyd MA. A short form of the Speech, Spatial and Qualities of Hearing scale suitable for clinical use: the SSQ12. Int J Audiol. 2013 Jun;52(6):409-12. DOI: 10.3109/14992027.2013.781278
[5] Cañete O. The 12-item Speech, Spatial and Qualities of Hearing Scale questionnaire: administration suggestions and guidance. Auditio. 2023;7:e0094.
[6] Hoth S. Der Nutzen von Verlaufsdiagrammen nach der Versorgung mit Cochlea-Implantat. Z Audiol. 2020;59(1):16-9.
[7] Lewits S, Blümer M, Elsholz A, Schmidt K, Praetorius M. Vorstellung einer Langzeitstudie zur Erhebung der Lokalisationsfähigkeit bei neuimplantierten CI-Träger:innen mit verschiedenen Versorgungsformen. In: Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.; ADANO, editors. 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen. Göttingen, 19.-21.03.2025. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2025. Doc211. DOI: 10/3205/25dga214



