[Patientenbezogene Ergebnismessungen in der medizinischen Ausbildungsforschung]
Marjo Wijnen-Meijer 1John Norcini 2
1 Technische Universität Dresden, Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, Institut für Didaktik und Lehrforschung in der Medizin, Dresden, Deutschland
2 Foundation for Advancement of International, Medical Education and Research, Philadelphia, USA
Zusammenfassung
Die Verwendung von patientenbezogenen Ergebnissen in der medizinischen Bildungsforschung hat in den letzten 25 Jahren an Bedeutung gewonnen, wird jedoch weiterhin nur unzureichend genutzt. Im Jahr 2001 enthielten weniger als 7% der Publikationen in der medizinischen Bildungsforschung patient:innenbezogene Ergebnisse, obwohl das Ziel die Ausbildung von hochqualifizierten Gesundheitsdienstleistern ist. Dieser Kommentar erörtert häufige Quellen von Patient:innenergebnisdaten, deren Anwendungen und Herausforderungen. Verwaltungsdatenbanken und Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) sind wichtige Datenquellen, wobei PROMs die direkten Berichte der Patien:innten über ihren Gesundheitszustand erfassen. PROMs sind besonders nützlich, wenn administrative Daten knapp sind, wie zum Beispiel in Europa. Sie können eingesetzt werden, um eine Vielzahl von Bildungswirkungen zu bewerten, einschließlich des Effekts der ärztlichen Erfahrung auf die Patient:innenzufriedenheit und Ergebnisse sowie der Fehlerquoten bei Diagnose und Behandlung.
Zu den Herausforderungen bei der Verwendung solcher Daten gehören die schwierige Identifizierung adäquater Ergebnisse und die Zuordnung der Ergebnisse zu einzelnen Anbietern angesichts patient:innenspezifischer Faktoren und der wachsenden Bedeutung der teambasierten Versorgung.
Infolgedessen sind große Patient:innenzahlen erforderlich, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Trotz dieser Herausforderungen bieten PROMs vielversprechende Ansätze zur Verbesserung der medizinischen Ausbildung, indem sie den Fokus auf das legen, was am wichtigsten ist – die Ergebnisse für die Patient:innen.
Schlüsselwörter
medizinische Lehrforschung, patientenbezogene Daten, patient-reported outcome measures (PROMs)
Einleitung
Im Jahr 2001 ergab eine Analyse von 599 Forschungsarbeiten in Fachzeitschriften der medizinischen Ausbildung, dass weniger als 7% der Publikationen patientenbezogene Ergebnisse berücksichtigten [1]. Da das Hauptziel der medizinischen Ausbildung darin besteht, Ärzt*innen auszubilden, die eine qualitativ hochwertige Versorgung bieten, war dieses Defizit auffällig und führte zu Forderungen nach einer Forschungsagenda, die bildungsbezogene Interventionen im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die Gesundheit bewertet [2]. In den letzten 25 Jahren hat dies ein wachsendes Interesse und die Nutzung klinischer Ergebnisse in der Bildungsforschung geschaffen. In diesem Kommentar werden wir die etablierten Informationsquellen über Patient*innenergebnisse beschreiben, Beispiele für ihre potenziellen Anwendungen in der Bildungsforschung aufzeigen und einige der Herausforderungen bei der Nutzung solcher Daten identifizieren.
Die häufigste Quelle für Informationen zu Patient*innenergebnissen sind administrative Datenbanken. Obwohl sie hauptsächlich zu Abrechnungszwecken entwickelt wurden, enthalten sie inzwischen ausreichend Informationen, um als Grundlage für Bewertungen der Versorgungsqualität zu dienen. In einigen Ländern sind diese Informationen anonymisiert und für Forschungszwecke verfügbar. In der Bildungsforschung wurden solche Daten genutzt, um Themen wie den Zusammenhang zwischen Arbeitsstunden und Prüfungsleistungen bei der Zulassung sowie deren Auswirkungen auf Patient*innenergebnisse zu untersuchen [3], [4].
Alternativ dazu haben Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) in den letzten Jahren zunehmend in der medizinischen Forschung und Praxis an Wichtigkeit erhalten. PROMs sind Berichte über den Gesundheitszustand eines Patient*innen, die direkt vom Patient*innen stammen und Symptome, Lebensqualität, funktionalen Status und weitere Aspekte umfassen können. PROMs basieren dabei auf standardisierten Fragebögen, die Daten von Patient*innen erheben. Diese Instrumente sind darauf ausgelegt, die subjektiven und objektiven Erfahrungen der Patient*innen systematisch zu erfassen und zu quantifizieren.
Beispiele
Im europäischen Kontext sind große administrative Datenbanken selten für Forschungszwecke verfügbar. Daher konzentrieren wir uns in unseren Beispielen auf die potenziellen Einsatzmöglichkeiten von PROMs.
Vergleich der Patientenzufriedenheit mit der Behandlung durch Ärzt*innen in der Ausbildung im Vergleich zu erfahrenen Ärzt*innen
Ein Vergleich der Patient*innenzufriedenheit und Behandlungsergebnisse zwischen Patient*innen, die von Studierenden/Assistenzärzt*innen unter Aufsicht behandelt wurden, und denen, die von erfahrenen Ärzt*innen behandelt wurden, zeigt die Bedeutung von PROMs. Insbesondere Studien auf interprofessionellen Ausbildungsstationen (ITW) haben gezeigt, dass die Patient*innenzufriedenheit, hinsichtlich Interaktion und Kommunikation, in diesem Umfeld höher ist als auf herkömmlichen Stationen, bei gleicher Versorgungsqualität [5]. Während das Vertrauen in klinische Entscheidungsfähigkeiten durch die Teilnahme an einem Ausbildungsprogramm auf einer ITW gesteigert wird, scheint es insbesondere bei den Kommunikationsfähigkeiten keine Unterschiede zwischen Studierenden mit und ohne Erfahrung auf einer ITW zu geben [6]. Der Artikel von Scheffer et al. zeigt, dass Patienten die Behandlung durch Studierenden unter Aufsicht positiv bewerten. Patienten schätzen die zusätzliche Zeit, die Studierenden für sie haben, sowie deren Art der Kommunikation und Empathie [7].
Vergleich der Fehlerquote zwischen Ärzt*innen in Ausbildung und erfahrenen Ärzt*innen
Ein weiteres Beispiel, das die Stärke von PROMs veranschaulicht, zeigt die Analyse, ob Studierende und Assistenzärzt*innen mehr Fehler bei der Verschreibung von Medikamenten oder der Diagnose machen als erfahrene Ärzt*innen und, was noch wichtiger ist, welche Fehler dies sind. Dies liefert nützliche Informationen über etwaige Schwächen im Curriculum. Ein gutes Beispiel ist die Studie von Kalfsvel et al. (2023), die den Einfluss der ärztlichen Erfahrung auf das Auftreten von Verschreibungsfehlern untersuchte [8].
Untersuchung der Auswirkungen der Einführung eines Curriculums auf patient*innenbezogene Ergebnisse (PROMs)
Ein weiteres potenzielles Anwendungsgebiet ist die Untersuchung der Auswirkungen der Integration von PROMs in das Curriculum für klinische Entscheidungsfindung bei Medizinstudierenden. Da PROMs in diesem Kontext noch nicht weit verbreitet sind, könnte dies eine wichtige und wegweisende Arbeit sein.
Leider konzentrieren sich Prüfungen in der medizinischen Ausbildung oft auf messbare Fakten und nicht auf klinisches Denken. Mündliche Prüfungen tendieren ebenfalls dazu, sich auf schnell verifizierbare Aspekte eines Themas zu konzentrieren, während Aspekte der Präsentation, gemeinsamer Entscheidungsfindung und Patient*innennutzens vernachlässigt werden. Ein mögliches Studiendesign könnte zwei Gruppen von Studierenden in der Endphase des Medizinstudiums vergleichen. Eine Gruppe würde spezifische Lernsituationen mit dem Einsatz von PROMs erhalten, die andere Gruppe ohne diese Verwendung. Am Ende des Medizinstudiums könnten die klinischen Entscheidungsfähigkeiten beider Gruppen bewertet werden.
Einbindung von Patient*innen in die medizinische Ausbildung
Neben der Integration von Patient*innenbefragungen spiegelt die wissenschaftliche Literatur das wachsende Interesse an der direkten Einbindung von Patient*innen und ihren Einschätzungen in die medizinische Ausbildung wider. In den letzten zehn Jahren ist eine zunehmende Zahl von Veröffentlichungen zu diesem Thema erschienen. Beispielsweise hebt eine systematische Übersichtsarbeit von Dijk et al. (2020) die Rolle der aktiven Patient*innenbeteiligung in der medizinischen Ausbildung im Bachelorstudium hervor [9]. Moreau et al. (2021) führten eine internationale Umfrage durch, die die Patientenbeteiligung in der medizinischen Bildungsforschung untersuchte und positive Ergebnisse erzielte [10]. Eine theoretische systematische Übersichtsarbeit von Bennett-Weston et al. (2022) betonte die Bedeutung der Patient*innenbeteiligung in der Gesundheits- und Sozialpflegeausbildung [11].
Herausforderungen bei der Verwendung von Patient*innenergebnissen
Trotz ihrer Attraktivität stehen der Verwendung von Patient*innenergebnissen mindestens drei Herausforderungen gegenüber [12]. Erstens hat sich die Forschung mit diesen Daten oft auf Krankenhauspflege und/oder Verfahren konzentriert, bei denen die Ergebnisse relativ leicht zu definieren sind. Ein großer Teil der Praxis findet jedoch in ambulanten Einrichtungen statt, in denen chronische Erkrankungen vorherrschen. In diesen Kontexten sind Patient*innenergebnisse schwerer zu identifizieren und sie entfalten sich oft über längere Zeiträume.
Zweitens sind Patient*innenergebnisse selten ausschließlich das Ergebnis der Intervention eines Gesundheitsdienstleisters. Die genaue Art der Probleme sowie die Schwere der Erkrankungen beeinflussen die Ergebnisse maßgeblich. Ebenso wirken sich Faktoren wie die Ressourcen der Patient*innen sowie ihre Fähigkeit und Bereitschaft, den Behandlungsempfehlungen zu folgen, auf die Erkrankung aus. Schließlich wird die Versorgung in der Regel im Team erbracht, was die Fähigkeit zur Zuordnung der Ergebnisse zu Einzelpersonen weiter erschwert.
Drittens hat die Mehrheit der Arbeiten zu Ergebnissen eine beträchtliche Anzahl von Gesundheitsdienstleistenden und Patient*innen einbezogen. Dies ist notwendig, um Faktoren zu berücksichtigen, die nicht vom Anbieter abhängen und die die Auswirkungen der Versorgung beeinflussen, sowie genügend Power zu generieren, um vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen.
Fazit
Die Integration von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) in die medizinische Ausbildung bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Qualität der Ausbildung und der Patient*innenversorgung zu verbessern. PROMs ermöglichen es, den Blickwinkel des Patienten in den Vordergrund zu stellen und somit die Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeiten von Medizinstudierenden zu fördern. Darüber hinaus haben PROMs das Potenzial, Patient*innen und ihre Meinungen direkt in die medizinische Ausbildung einzubeziehen. Trotz der bisher begrenzten verfügbaren Daten spricht die wachsende Zahl an Forschungsstudien für das Interesse und die Relevanz des Themas.
ORCIDs der Autor*innen
- Marjo Wijnen-Meijer: [0000-0001-8401-5047]
- John Norcini: [0000-0002-8464-4115]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
Literatur
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