[Repräsentation verschiedener Hautfarben in deutschen Pflegelehrbüchern]
Viola Marie Nagata 1Nils Ohde 1
Jan Kottner 1
1 Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Klinische Pflegewissenschaft, Berlin, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: Eine zentrale Aufgabe der professionellen Pflegepraxis ist die präzise Beurteilung von Hautveränderungen. Deren Erscheinungsbild variiert aufgrund des Melaningehalts je nach Hautfarbe. Für Pflegestudierende und -auszubildende ist es daher essenziell zu lernen, wie sich Hautveränderungen auf verschiedenen Hautfarben zeigen.
Ziel: Ziel dieses Kurzbeitrags ist es, den aktuellen Stand der Repräsentation verschiedener Hautfarben in deutschen Pflegelehrbüchern darzustellen. Die Forschungsfrage lautet: In welchem Ausmaß sind verschiedene Hautfarben in deutschen Pflegelehrbüchern repräsentiert?
Methoden: Es wurde eine systematische Analyse von zehn deutschen Pflegelehrbüchern durchgeführt. Die eingeschlossenen Abbildungen wurden gemäß der Monk-Hautfarben-Skala in zehn Hautfarben unterteilt. Die Kategorien A bis D wurden als hell, E bis G als mittel und H bis J als dunkel eingestuft.
Ergebnisse: Es wurden zehn Lehrbücher einbezogen und 475 Bilder analysiert. Einhundert Bilder (21,1%) zeigten Hautfarbe A, 118 (24,8%) B, 128 (26,9%) C, 94 (19,8%) D, 29 (6,1%) E, fünf (1,1%) F, eins (0,2%) G und keine H, I und J. Insgesamt zeigen 92,6% (n=441) helle Hauttöne und 7,4% (n=35) mittlere Hautfarben.
Schlussfolgerungen: In Abbildungen, die klinische Symptome und Hautkrankheiten darstellen, sind dunklere Hautfarben deutlich unterrepräsentiert. Diese Lücke in der Ausbildung kann zu einer verzögerten Identifikation von Symptomen, verspäteten Einleitung von Interventionen und möglicherweise zu Fehldiagnosen führen. Lehrbücher sollten überarbeitet werden, um eine breitere Darstellung von Hautfarben zu ermöglichen, und dunklere Hautfarben sollten in die Pflegeausbildung integriert werden, um diese Einschränkung auszugleichen.
Schlüsselwörter
Assessment, Ausbildung, Hautfarbe, Pflege
Hintergrund
Das systematische Assessment von Patient*innen und Pflegeempfänger*innen ist eine Kernaufgabe der beruflichen Pflege. Dazu gehört auch die Beurteilung des Hautzustands. Klinische Anzeichen wie Schuppenbildung, Papeln, Pusteln, Erosionen, Exkoriationen oder Erytheme können auf trockene Haut, Entzündungen oder die Entwicklung von Dekubitalulcera hinweisen [1], [2]. Um die Fähigkeiten zur Beurteilung des Hautzustands zu verbessern, ist eine entsprechende Ausbildung wichtig. Das Erkennen und Beurteilen von Hautsymptomen hängt unter anderem von der Pigmentierung der Epidermis ab und kann bei Personen mit einem höheren Melaningehalt besonders schwierig sein [3], [4], [5]. Daher sind Kenntnisse über die verschiedenen möglichen Erscheinungsformen von Dermatosen bei dunkler Haut für die klinische Beurteilung in der Pflege unerlässlich [6].
Lehrbücher werden von Pflegeauszubildenden, -studierenden und -lehrenden verwendet und dienen als grundlegende Ressourcen für die Ausbildung. Sie bieten die Möglichkeit, angehende Pflegefachpersonen mit den vielfältigen möglichen Erscheinungsformen von Dermatosen bei dunklen Hautfarben vertraut zu machen und so die Fähigkeiten für eine angemessene Behandlung von Patient_innen unabhängig von ihrer Hautfarbe zu fördern [7]. Studien aus Großbritannien und den USA haben jedoch gezeigt, dass dunklere Hauttöne in Fachzeitschriften und Lehrbüchern deutlich unterrepräsentiert sind [8], [9], [10].
Die Forschung zur Darstellung von Hautfarben in Lehrbüchern und Fachzeitschriften ist neu und konzentriert sich bislang auf die medizinische Literatur [10]. Bislang untersuchte nur eine amerikanische Studie Pflegefachbücher [11]. Diese Studie ist die erste, die untersucht, inwieweit deutsche Pflegefachbücher die Symptomerkennung auf verschiedenen Hautfarben vermitteln (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]).
Tabelle 1: Ausgewählte Pflegelehrbücher
Methode
Zur Untersuchung der Repräsentation von Hautfarben in der deutschen Pflegeausbildung wurde eine Studie durchgeführt, die den Umfang verschiedener Hautfarben in Abbildungen von Hautsymptomen in deutschen Pflegelehrbüchern analysiert.
Für die Analyse wurden zehn Lehrbücher ausgewählt, die sich an Pflegeauszubildende und -studierende richten (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]). Um den aktuellen Stand der Darstellung genau widerzuspiegeln, wurden alle Lehrbücher in ihrer neuesten Auflage analysiert.
Anhand einer Liste von Stichwörtern wurden relevante Kapitel und Abbildungen identifiziert. Diese Liste umfasste wichtige dermatologische Symptome [12], häufige und spezifische Hautkrankheiten [13], [14], sowie Hauterscheinungen innerer Erkrankungen [15]. Zusätzlich wurden Symptome berücksichtigt, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausprägung auf dunklerer Haut besonders relevant sind – wie Zyanose, Dekubitus, Entzündung, Erythem und Ikterus [7]. Die in den ausgewählten Abbildungen dargestellten Hautfarben wurden anhand der Monk Skin Tone (MST)-Skala klassifiziert (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Dieses Klassifizierungsinstrument deckt ein breites Spektrum an Hautfarben ab [16] und umfasst zehn Kategorien: Vier helle (A bis D), drei mittlere (E bis G) und drei dunkle Hautfarben (H bis J) [17].
Abbildung 1: Monk Skin Tone Skala [16]
Ergebnisse
Insgesamt wurden 475 Abbildungen aus zehn Pflegelehrbüchern analysiert und gemäß der MST-Skala kategorisiert (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]). Darüber hinaus wurden die Abbildungen 48 Kategorien klinischer Symptome und dermatologischer Erkrankungen zugeordnet (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]). Die Ergebnisse zeigen, dass helle Hautfarben vorherrschen, ein Trend, der in allen Lehrbüchern zu beobachten ist. Insgesamt machten helle Hautfarben 92,6% (n 440) aller Abbildungen aus. Dunkle Hauttöne (H, I und J) waren in keinem der Lehrbücher vertreten, auch nicht in denen mit der höchsten Anzahl an Bildern. Dies deutet auf eine erhebliche Lücke in der visuellen Darstellung dunkler Haut hin. Mittlere Hautfarben waren mit 7,4% (n=35) der Bilder nur geringfügig vertreten. Besonders auffällig ist, dass von den 48 Kategorien klinischer Symptome und dermatologischer Erkrankungen 34 ausschließlich auf heller Haut dargestellt wurden.
Tabelle 2: Hautfarben je Lehrbuch (n, %)
Tabelle 3: Hautfarben je Kategorie
Diskussion
Fehlende Darstellungen dunkler Haut können die Kompetenz von Auszubildenden und Studierenden in Pflegeberufen zur Symptomerkennung auf dunkler Haut einschränken. Diese Lücke in der Ausbildung kann zu einer verzögerten Symptomerkennung und somit zu einer verspäteten Einleitung von Interventionen, sowie zu möglichen Fehldiagnosen führen. Wenn klinische Anzeichen wie Zyanosen, allergische Reaktionen oder Erytheme im Zusammenhang mit einem Dekubitus der Kategorie 1 nicht sofort erkannt werden, kann eine verzögerte Diagnose den Behandlungserfolg von Patient_innen beeinträchtigen.
Der ICN-Ethikkodex betont, dass Pflegefachpersonen durch ihre berufliche Praxis für Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Gesellschaft eintreten und damit ihre beruflichen Werte wahren müssen [18]. Diese Verantwortung ist besonders wichtig, da beruflich Pflegende eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung von Hauterkrankungen spielen [2], [19].
Pflegepädagog*innen tragen die Verantwortung, bestehende Defizite innerhalb der Gesundheitssysteme zu identifizieren und deren Überwindung aktiv zu fördern, daher sollten sie gezielt für die Darstellung von Symptomen auf verschiedenen Hautfarben sensibilisieren. Vergleichende Abbildungen mit dunkleren Hautfarben können die Ausbildung unterstützen, indem sie Unterschiede veranschaulichen, deren Normalisierung fördern und angehende Pflegefachpersonen gezielt in der Identifikation von Symptomen bei vielfältigen Hautfarben schulen [4]. Somit kann eine frühzeitige Sensibilisierung in der Ausbildung zur Förderung einer personenzentrierten Pflege beitragen. Es bleibt jedoch unklar, ob und inwieweit Pflegepädagog_innen dieses Thema derzeit behandeln, da bisher noch keine Studien zu diesem Thema durchgeführt wurden.
Diese Studie umfasste nur zehn Pflegelehrbücher und ist daher möglicherweise nicht vollständig repräsentativ für alle derzeit in der deutschen Pflegeausbildung verwendeten Lehrbücher. Darüber hinaus wurden aufgrund der Fokussierung auf Hautsymptome nicht alle Abbildungen aus den Lehrbüchern in die Analyse einbezogen.
Die Analyse der ausgewählten Pflegefachbücher zeigt eine signifikante Unterrepräsentation dunklerer Hauttöne in Abbildungen, die klinische Symptome und dermatologische Erkrankungen darstellen. Die Dominanz heller Hautfarben lässt vermuten, dass Pflegeauszubildende und -studierende möglicherweise nicht ausreichend auf eine diversitätssensible Pflege vorbereitet sind. Da Pflegefachpersonen routinemäßig Patient_innen mit einer Vielzahl von Hautfarben versorgen, kann dieser Mangel zu einer inadäquaten Versorgungssituation führen. Ein Mangel an visuellen Referenzen kann zu Unsicherheiten in der klinischen Praxis oder sogar zu Fehldiagnosen führen.
Vorangegangene Studien haben zu vergleichbaren Ergebnissen geführt, wobei die Darstellung dunkler Hautfarben den Hauptunterschied zur aktuellen Studie darstellt. Während 12,3% der Bilder in amerikanischen Pflegelehrbüchern [11], 1,1% bis 2,8% in amerikanischen Medizinlehrbüchern [20], [21] und 0,02% in deutschen Dermatologielehrbüchern [22] dunkle Hautfarben zeigen, fehlen diese in den analysierten deutschen Pflegelehrbüchern vollständig. Zur Bewältigung dieses Problems sollten Lehrbücher die Vielfalt der Hautfarben stärker berücksichtigen. Zudem sind weiterführende Studien sind erforderlich, um deren systematische Integration in die Pflegeausbildung zu evaluieren. Eine diversitätssensible Ausbildung ist unerlässlich, um eine sichere, gerechte und angemessene Versorgung aller Patient_innen und Pflegeempfänger unabhängig von ihrer Hautfarbe zu gewährleisten. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit von Lehrplanreformen, um eine gerechte klinische Kompetenz zukünftiger Pflegefachpersonen sicherzustellen.
ORCIDs der Autoren
- Nils Ohde: [0009-0001-5200-1019]
- Jan Kottner: [0000-0003-0750-3818]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
Literatur
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