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GMS Zeitschrift für Audiologie — Audiological Acoustics

Deutsche Gesellschaft für Audiologie (DGA)

ISSN 2628-9083


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Kurzbeitrag

[Analyse der Ist-Situation und Verbesserungspotenziale des Neugeborenenhörscreenings in Deutschland unter Berücksichtigung verschiedener Geburtssettings]

 Romina Jasmin Frenzel 1,2
Susan Arndt 2
Stefan Dietsche 1
Oda von Rahden 1

1 Jade Hochschule Oldenburg, Technik und Gesundheit für Menschen, Oldenburg, Deutschland
2 Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Medizinische Fakultät, Freiburg, Deutschland

Zusammenfassung

Fragestellung und Zielsetzung: Ziel dieser Studie ist es, die Prozessabläufe und interdisziplinäre Zusammenarbeit im Neugeborenenhörscreening zu untersuchen, insbesondere in den stationären, ambulanten und außerklinischen Settings. Es wurden Herausforderungen sowie Verbesserungspotenziale identifiziert.

Methode: Die Studie basiert auf qualitativen Expert*inneninterviews mit am Screening beteiligten Fachkräften aus Kliniken, HNO-Praxen, Geburtshäusern sowie Trackingzentralen, um die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Akteur*innen zu erfassen und auszuwerten. Die Auswertung erfolgt im Rahmen einer qualitativen zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2022).

Ergebnisse: Die Ergebnisse von n=17 Interviews zeigen, dass der Ablauf des Screenings durch zeitliche Einschränkungen, personelle Engpässe und Koordinationsprobleme beeinflusst wird. Besonders im ambulanten und außerklinischen Setting treten logistische Herausforderungen und eine unzureichende interdisziplinäre Kommunikation auf.

Fazit: Eine optimierte Ressourcennutzung, regelmäßige Fortbildungen und eine bessere Koordination zwischen den Fachkräften könnten die Effizienz und Qualität des Screenings verbessern und die Zuverlässigkeit in allen Geburtssettings erhöhen.


Schlüsselwörter

Neugeborenenhörscreening, Bedarfsanalyse, Versorgungsstrukturen, Geburtssettings

Einleitung

Das Neugeborenenhörscreening wurde im Jahr 2009 in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen eingeführt [1]. Die Folgeevaluation (2017/2018) zeigt eine Screeningrate von 86,1%. Hierbei lassen sich erhebliche Unterschiede der dokumentierten Screeningraten zwischen den Bundesländern mit 29,5–99,7% (2018) erkennen. Nur 42,4% (2018) aller Geburtseinrichtungen erreichten die geforderte Screeningrate von über 95%. Die Refer-Rate liegt bundesweit bei 6,0% (2018) [2]. Die Refer-Rate ist der Anteil der gescreenten Neugeborenen, die das initiale OAE-/AABR-Screening nicht bestehen und zur Wiederholung oder weiterführenden Diagnostik überwiesen werden. Davon zu unterscheiden ist die Screeningrate (Coverage), die den Anteil aller Lebendgeborenen angibt, die überhaupt gescreent wurden. Eine erhöhte Refer-Rate bei unveränderter Coverage kann auf ungünstige Testbedingungen oder Abweichungen vom Protokoll hindeuten; eine geringe Coverage verringert die absolute Zahl der Überweisungen trotz unveränderter Rate. Ambulante und außerklinische Geburten stellen aufgrund der uneinheitlichen Vorgehensweisen im Versorgungsprozess eine besondere Herausforderung dar. Eine Analyse der Abläufe erscheint daher notwendig.

Fragestellung

Die Zielsetzung dieser Arbeit liegt in der Identifizierung und Analyse der Prozessabläufe des Neugeborenenhörscreenings unter Berücksichtigung der verschiedenen Geburtssettings ambulant, stationär und außerklinisch. Im Fokus stehen dabei die organisatorischen Rahmenbedingungen, die Abläufe des Testvorgangs bei Erst- und Zweittestung nach der Geburt sowie die Organisation der Meldung und das anschließende Tracking bei einem positiven Befund. Ein besonderes Augenmerk gilt der interdisziplinären Zusammenarbeit der beteiligten Akteur*innen. Es kann angenommen werden, dass diese Komponente den Ablauf des Screenings in relevanter Weise beeinflusst.

Auf Grundlage dieser Zielsetzung ergeben sich folgende zentrale Forschungsfragen für die qualitative Erhebung:

  • Welche organisatorischen Rahmenbedingungen und Abläufe des Neugeborenenhörscreenings lassen sich im klinischen, ambulanten und außerklinischen Setting identifizieren?
  • Inwieweit wird ein interdisziplinärer Austausch zwischen den beteiligten Akteur*innen im Ablauf des Screenings realisiert, und wie variiert dieser je nach Geburtssetting?
  • Wie können die bestehenden Prozessabläufe und die Qualität des Screenings prospektiv optimiert werden, um die Zahl der nicht gescreenten und nicht dokumentierten Kinder zu reduzieren?

Methode

Im Rahmen des Forschungsvorhabens werden n=18 semi-strukturierte qualitative Expert*inneninterviews ab Dezember 2024 bis voraussichtlich April 2025 durchgeführt. Das Sampling orientiert sich am Konzept der theoretischen Sättigung [3]. Die Rekrutierung orientiert sich an einer systematisch entwickelten Sampling-Matrix mit dem Ziel, eine heterogene Stichprobe aus den unterschiedlichen geburtshilflichen Versorgungssettings im Bundesland Niedersachsen zu realisieren. Rekrutiert wird das am Prozess des Neugeborenenhörscreening beteiligte Fachpersonal, unter anderem Hebammen im klinisch-stationären Setting im Kreißsaal, Hebammen, die in der außerklinischen Geburtshilfe tätig sind, Hebammen mit Tätigkeitsschwerpunkt der Wochenbett-Betreuung, Fachärzt*innen mit Schwerpunkt Gynäkologie, medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte, medizinisch-technische Angestellte, Audiolog*innen, HNO-Audiologie-Assistent*innen. Die Zusammensetzung der Stichprobe ist in Tabelle 1 [Tab. 1] dargestellt.

Tabelle 1: Stichprobenmatrix der Interviewpartner*innen nach Geburtssetting, Berufsrolle und Regionstyp (vorläufig)

Die Datenanalyse findet als zusammenfassende, induktive Inhaltsanalyse nach Mayring [4] unter Nutzung der Software MAXQDA statt. Die Ergebnisanalyse findet parallel zu der fortlaufenden Interviewphase statt. Vorläufige Ergebnisse werden nachfolgend dargestellt mit dem Hinweis auf die noch laufende Datenerhebungsphase.

Ergebnisse

Die vorliegenden Ergebnisse basieren auf der Analyse von derzeit n=17 durchgeführten Expert*inneninterviews.

Die inhaltliche Strukturierung der Daten erfolgt auf Basis eines vorläufigen Kategoriensystems, das im Sinne der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring [4] iterativ entwickelt und kontinuierlich überprüft wird. Obwohl sich das Kategoriensystem noch im Entwicklungsprozess befindet, lassen sich auf Grundlage der bisher ausgewerteten Interviews bereits erste analytisch belastbare Aussagen ableiten. Insbesondere zeigen sich wiederkehrende inhaltliche Muster hinsichtlich struktureller Rahmenbedingungen, prozessualer Herausforderungen sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der verschiedenen Screeningkontexte. Das aktuelle Kategoriensystem bildet die Grundlage für die abschließende Kategorienentwicklung und wird nach Abschluss der Datenerhebung vollständig reflektiert, verdichtet und theoriebasiert validiert. Erste Ergebnisse werden entsprechend der entwickelten Haupt- und Subkategorien dargestellt.

Prozessabläufe und Prozessqualität

Im Rahmen der Analyse der Prozessabläufe des Neugeborenenhörscreenings wurden erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Geburtssettings festgestellt. Im stationären Setting wird das Screening überwiegend als standardisierter Prozess durchgeführt, jedoch beeinflussen zeitliche Restriktionen und personelle Ressourcen den Ablauf. Eine Interviewpartnerin berichtet dazu:

„Das Screening wird meistens direkt am ersten Tag nach der Geburt durchgeführt, aber wir haben auch oft wenig Zeit, weil die Stationen voll sind und wir noch viele andere Aufgaben zu erledigen haben“ (IP0125_01, Leitung Audiologie, Klinik).

Dies verdeutlicht die Herausforderungen im Ablauf des Screenings, insbesondere in Bezug auf Zeitdruck und personelle Engpässe. Im ambulanten Setting nimmt die Absprache mit den Eltern eine zentrale Rolle ein. Hierbei ist die Koordination mit den Eltern und der Zugang zu Ressourcen entscheidend, was im Vergleich zum klinischen Setting zu mehr Unregelmäßigkeiten im Ablauf führte. Im außerklinischen Setting, insbesondere bei Hausgeburten, stellt die Koordination zwischen Geburtshäusern (außerklinische Einrichtungen) und Ärzt*innen eine Herausforderung dar. Eine Interviewpartnerin erklärt:

„In einem Geburtshaus erfolgt die Durchführung des Screenings nicht direkt nach der Geburt. Es hängt eher davon ab, wann die Eltern Zeit für einen Termin beim Arzt finden und sich bereit dafür fühlen“ (IP0425_17, Hebamme, außerklinisch).

Räumliche und infrastrukturelle Bedingungen führen zu einer Verzögerung des Screenings und erhöhen die Unsicherheit im Ablauf.

Interdisziplinarität

Die Analyse zeigt, dass es in mehreren Fällen zu einer unzureichenden Kooperation und eingeschränkten Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen kommt, was potenziell den Screeningprozess beeinträchtigt. Im außerklinischen Bereich, insbesondere bei Hausgeburten und der Zusammenarbeit mit Hebammen, wurde häufig festgestellt, dass keine regelmäßige Kommunikation zwischen den Hebammen und den medizinischen Fachkräften besteht. Ein Facharzt aus der Phoniatrie und Pädaudiologie einer Klinik berichtete hierzu:

„…Ja, also das sind so Hausgeburten, Hebammen, da habe ich eigentlich keinen Kontakt. Dass mich jetzt eine Hebamme selber mal anrufen würde. Also das hatte ich noch nicht.“ (IP0125_05, Facharzt, Klinik)

Diese Feststellung verweist auf das Fehlen einer strukturierten Kommunikation zwischen den Hebammen und den medizinischen Fachkräften, was die Übergabe relevanter Informationen, wie etwa Auffälligkeiten bei der Geburt oder der Notwendigkeit für eine weitere Untersuchung, erschwert. Auch im klinischen Setting wurden Probleme in der Koordination zwischen Kliniken und niedergelassenen Praxen festgestellt, wobei durch Personalmangel und unzureichende Kommunikation wichtige Informationen über den Status des Neugeborenen nicht weitergegeben wurden, was zu Verzögerungen im Screening führen kann (IP0225_09, Facharzt, Klinik).

Problemfelder und Herausforderungen

Im stationären Setting führt der Zeitdruck und personelle Engpässe zu Verzögerungen im Screening-Prozess, insbesondere wenn andere Aufgaben die Durchführung des Tests behindern. Eine Interviewpartnerin berichtet hierzu:

„Es gibt immer wieder Probleme, wenn Eltern vor der Durchführung des Tests nach Hause gehen, und das Screening später nachgeholt werden muss.“ (IP0425_16, HNO-Audiologie-Assistentin, Klinik)

Im ambulanten Setting sind vor allem die Verfügbarkeit von Terminen und die Koordination mit den Eltern entscheidend. Oft verzögert sich das Screening aufgrund verspäteter Terminvereinbarungen oder fehlender Ressourcen. Im außerklinischen Setting, insbesondere bei Hausgeburten, sind räumliche und infrastrukturelle Einschränkungen sowie die Koordination zwischen Geburtshäusern und Fachärzten problematisch, was die Durchführung des Tests erschwert. Zusätzlich zeigen sich häufige Kommunikationslücken zwischen den beteiligten Institutionen, was zu unvollständiger Dokumentation und Fehlverfolgung von Screening-Ergebnissen führt. Technische Probleme mit Geräten sowie der Mangel an Fachpersonal und regelmäßiger Schulung erschweren ebenfalls die Durchführung des Screenings.

Verbesserungspotenziale

Die Bedarfsanalyse zeigt mehrere Verbesserungspotenziale in den Bereichen Ressourcenmanagement, Fortbildung des Personals, Koordination und technische Ausstattung. Besonders im außerklinischen Setting wurden Technikmangel und personelle Engpässe als häufige Probleme identifiziert, die den Screening-Prozess verzögern. Eine zentrale Verbesserung besteht in der Fortbildung des Personals, um die Kommunikation mit den Eltern zu verbessern. Eine Hebamme aus dem außerklinischen Bereich bemerkt:

„…Vielen Eltern ist nicht klar, was wird da gemacht. Also da habe ich einfach durch Berichte der Eltern gelernt und konnte das weitergeben. Und da wäre sicher eine Weiterbildung, Fortbildung, Schulung hilfreich gewesen“ (IP0325_12, Hebamme, außerklinisch).

Diese Aussage verdeutlicht den Bedarf an regelmäßigen Schulungen, um das Wissen über den Ablauf des Screenings und die Aufklärung der Eltern zu fördern. Zudem zeigt sich, dass eine bessere Koordination zwischen den Fachkräften aus den verschiedenen Geburtssettings, insbesondere zwischen Hebammen, Ärzt*innen und audiologischem Personal, die Effizienz des Screenings steigern könnte.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse der Bedarfsanalyse verdeutlichen, dass der Ablauf des Neugeborenenhörscreenings in den verschiedenen Geburtssettings durch zeitliche Restriktionen, unzureichende interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie logistische und organisatorische Herausforderungen spürbar beeinflusst wird. Diese strukturellen und prozessbezogenen Rahmenbedingungen wirken sich auf die Qualität und Effizienz des Screenings aus und machen den Handlungsbedarf deutlich. Zur Sicherung und Weiterentwicklung der Versorgungsqualität sind eine verbesserte Koordination, eine flexibel gestaltete Ressourcenplanung sowie eine optimierte Terminorganisation essenziell. Ergänzend zeigt sich, dass gezielte Fortbildungsmaßnahmen für das involvierte Fachpersonal und eine effektivere Ressourcennutzung relevante Potenziale zur Prozessverbesserung bieten. Eine konsequente Umsetzung dieser Maßnahmen kann einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Qualitätssicherung und zur Stärkung der Versorgungssicherheit im Neugeborenenhörscreening leisten.

Anmerkungen

Konferenzpräsentation

Dieser Kurzbeitrag wurde bei der 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie präsentiert und als Abstract veröffentlicht [5].

Interessenkonflikte

Die Autor*innen erklären, dass keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel bestehen.


Literatur

[1] Gemeinsamer Bundesauschuss. Neugeborenen-Hörscreening. Zusammenfassende Dokumentation zum Normsetzungsverfahren. 2008 [last accessed 2024 Nov 11]. Available from: https://www.g-ba.de/downloads/40-268-759/2008-12-17-Abschluss-H%C3%B6rscreening.pdf
[2] Brockow I, Söhl K, Hanauer M, Heißenhuber A, Marzi C, Am Zehnhoff-Dinnesen A, Matulat P, Mansmann U, Nennstiel U. Neugeborenen-Hörscreening in Deutschland – Ergebnisse der Evaluationen 2011/2012 und 2017/2018 [Newborn hearing screening in Germany-results of the 2011/2012 and 2017/2018 evaluations]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2023 Nov;66(11):1259-67. DOI: 10.1007/s00103-023-03779-0
[3] Corbin J, Strauss A. Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. 1st ed. Weinheim/Basel: Beltz; 1990.
[4] Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 13th ed. Weinheim/Basel: Beltz; 2022.
[5] Frenzel RJ, Arndt S, Dietsche S, von Rahden O. Analyse der Ist-Situation und Verbesserungspotenziale des Neugeborenenhörscreenings in Deutschland unter Berücksichtigung verschiedener Geburtssettings. In: Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.; ADANO, editors. 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neuroontologen und Otologen. Göttingen, 19.-21.03.2025. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2025. Doc213. DOI: 10.3205/25dga213