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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Gewusst wie
Forschungsmethoden

[Lehr-Lernkonzepte in den Gesundheitsberufen anhand von Dokumentenanalysen erforschen?]

Jan-Hendrik Ortloff 1
Manfred Fiedler 1
Nils Boelmann 1
 Daniela Schmitz 1

1 Universität Witten/Herdecke, Department für Humanmedizin, Witten, Deutschland

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie Dokumentenanalysen in der akademischen Ausbildungs- bzw. Lehr- und Lernforschung als Forschungsmethodik eingesetzt werden können. Dokumente sind von Forschenden unbeeinflusste Texte unterschiedlicher Herkunft, Art und Güte, die nicht für die Forschung selbst geschaffen wurden und dadurch als Objektivationen sozialer Wirklichkeit verstanden werden können.

Daher beinhalten sie forschungsrelevante Informationen, bei denen gleichzeitig bestimmte Entstehungsbedingungen unbekannt sind. In der akademischen Lehre sind Dokumente, wie etwa Prüfungsordnungen, die Praxis des Lehrens und Lernens häufig normierende oder strukturierende Texte und haben daher besondere Relevanz für akademische Ausbildungs- bzw. Lehr-Lernforschung.

Entscheidend für den Einsatz der Dokumentenanalyse ist das forschungsleitende Interesse. Dokumente werden dabei häufig als erste oder zusätzliche Datenquelle genutzt. Dokumentenanalysen sind dann meist Bestandteil eines Multimethodenansatzes bzw. werden vorbereitend auf weitere Forschungsschritte oder prüfend in Hinsicht darauf relevante Forschungsergebnisse in Hinsicht auf ihre Bedeutung eingesetzt. Die Zunahme nicht rein textlicher, multimodaler Dokumente lässt die Dokumentenanalyse als eigenständige Methode in der Forschung an Bedeutung gewinnen. Der Beitrag reflektiert die Methode anhand eines Fallbeispiels einer zweitstufigen Dokumentanalyse in Form einer Webseitenanalyse und einer textlichen Dokumentenanalyse.


Schlüsselwörter

Dokumentenanalyse, Website-Analyse, Hochschulforschung, Evaluierungsstrategie

1. Dokumentenanalyse als Forschungsmethode

Für die Gesundheitsversorgung sind Dokumente wie z.B. Expertenstandards oder Leitlinien von besonderer Bedeutung, da sie Orientierung für die Versorgungspraxis bieten sollen. Gleiches gilt für hochschulische Dokumente, wie z.B. Curricula oder Studien- und Prüfungsordnungen, welche die Praxis des Lehrens und Lernens im Studium zukünftiger Fachkräfte in unterschiedlicher Weise beeinflussen oder sogar normieren.

Für Dokumentenanalysen gilt, anders als bei den meisten qualitativen und quantitativen Erhebungsverfahren, dass Dokumente bereits vor dem Forschungsvorhaben vorliegen und unbeeinflusst und unbeeinflussbar vom Forschenden und der Forschung (non-reaktiv) als Träger von Informationen für einen eigenen Zweck geschaffen worden sind [1]. Diese Funktionalität von Dokumenten grenzt sie zum einen von forschungsgenerierten Texten bzw. multimodalen Daten, zum anderen von wissenschaftlichen Texten ab, die von Forschenden selbst geschaffen werden, deren Erschaffung unmittelbar der „Wissenspublikation“ [2] dienen.

Oft besteht ein enges Verständnis von Dokumenten in schriftlich-textlichem Format, wie etwa persönliche bzw. Egodokumente (z.B. Tagebücher), interne oder offizielle Dokumente von Organisationen [3]. In einem breiten Verständnis sind Dokumente jedoch vielgestaltig und bieten multimodale Zugänge für die Forschung: „Sie werden als Daten oder Trägersubstanzen von Inhalten verstanden; sie sind als Quellen kritisch zu lesen; wir begegnen ihnen als Spuren mit indirektem Verweischarakter, als Medien mit Vermittlungsfunktion, als mehrdeutige Zeichen oder als Widersacher mit eigener Logik – benannt werden sie dabei allgemein auch als Dinge, Objekte, Gegenstände, Zeug, Materialien, Container, Requisiten, Utensilien, Artefakte, Zeugnisse, Indizien, Symbole, Nomaden, Zeugen, Bürgen, Agenten, Aktanten, Akteure etc.“ [4]. Dokumente können insofern einen verbal-textuellen, visuellen, audiovisuellen, multimedialen oder hypermedialen Charakter aufweisen.

Grundsätzlich sind Dokumente dadurch gekennzeichnet, dass sie in ihrer jeweiligen Form Objektivationen sozialer Praktiken sind [4]. Im Rahmen der Ausbildungs- bzw. Hochschulforschung können sie demnach etwa die Intentionen von Bildungsangeboten und Regularien der Gestaltung des Lehr-Lernangebots zum Ausdruck bringen. Bei der Analyse von Dokumenten gilt es daher, den Entstehungs- und Verwendungszusammenhang als sozialem Kontext zu berücksichtigen. Gegenstand der Analyse können der Inhalt oder die Funktion bzw. der Verwendungszusammenhang, aber auch der Entstehenszusammenhang von Dokumenten sein.

In der wissenschaftlich-methodischen Diskussion findet das Verständnis von Dokumentenanalysen vergleichsweise wenig Beachtung [5]. Das ist auch deswegen verwunderlich, da bspw. Webseiten als digitale Dokumente etwa im Kontext von Big-Data [6] in Hinsicht auf quantitative Auswertungen vor allem in der Social-Media-Forschung bereits seit Jahren zur wissenschaftlichen und kommerziellen Praxis gehören. Dokumentenanalysen sind auch in der Lehr-Lernforschung der gesundheitswissenschaftlichen Fächer nicht grundsätzlich fremd, aber in Hinsicht auf die Methodendiskussion in der Forschung nur bedingt reflektiert. Wir wollen im Folgenden den Nutzen, aber auch die Grenzen der Dokumentenanalyse erörtern und anhand eines aktuellen Forschungsprojekts zur Analyse von Lehr-Lernkonzepten exemplifizieren (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Abbildung 1: Ablauf der Dokumentenanalyse

2. Dokumentenanalysen und hochschulische Ausbildungsforschung

2.1. Vorbedingungen von Dokumentenanalysen

Zu den Stärken von Dokumentenanalysen zählen forschungsökonomische Aspekte der Datenerhebung, wenn es sich um einfach zugängliche Dokumente, oft in großen Mengen via Internet handelt, die sich vom Schreibtisch aus analysieren lassen [7]. Darüber hinaus erlauben Dokumente direkte Einblicke in die darin dokumentierten Praktiken und teils Rückschlüsse auf gesellschaftliche Zustände oder Verhältnisse [4]. Oft besteht auch eine Vielfalt an Dokumenten, die vorhanden sind und nicht im Rahmen der Forschung hervorgebracht werden müssen.

Als Nachteil der Non-Reaktivität von Dokumenten sind mangelnde oder fehlende Einblicke in die Kontextbedingungen zu konstatieren, z.B. über die Autorenschaft bei Onlinedokumenten oder die Nutzung der Dokumente durch die Adressat*innen [7]. Auch die Zugänglichkeit zu Dokumenten kann eingeschränkt bis nicht zugänglich sein. Ein weiterer Nachteil liegt in der Aussagekraft der Dokumente, die für einen bestimmten Zweck angefertigt wurden, der sich nicht umfänglich mit dem Forschungsproblem deckt. Ausgehend vom Stand der Forschung reflektieren auch einige Autor*innen in ihren Studien den Einsatz der Methode Dokumentenanalyse und kommen zu dem Schluss, dass Limitationen im Zugang zu den Dokumenten, in ihrer Aktualität und Aussagekraft liegen. Insbesondere letzterer Aspekt zeigt sich mit Blick auf Fragestellungen der Ausbildungsforschung darin, dass eine Diskrepanz in den in Modulhandbüchern aufgelisteten Inhalten und der Lehr-Lernrealität bestehen kann [8], [9].

2.2. Dokumentenanalyse und Ausbildungsforschung

Als Forschungsmethode werden Dokumentenanalysen heutzutage vielfältig angewendet. Im Kontext der Ausbildungsforschung von Gesundheitsberufen nutzten Bauer et al. [10] Dokumentenanalysen zur Analyse von Studien- und Prüfungsordnungen und frei zugänglicher Modulhandbücher der Humanmedizin, um den Umfang und die Integration von Lerninhalten zum wissenschaftlichen Arbeiten in Medizinstudiengängen zu erheben. Trojan et al. [11] analysieren Modulhandbücher im Hinblick auf Lerninhalte zur Evidenzbasierung in Bachelor- und Masterstudiengängen im Bereich Public Health. Erdwiens et al. [12] analysierten Modulhandbücher von Studiengängen der Sozialen Arbeit, in welchem Ausmaß Inhalte zum Themenfeld Digitalisierung vorgesehen sind.

Modulhandbücher als Dokumente sind abschließend als Modulbeschreibungen zu verstehen, die Auskünfte zu Inhalten, Qualifikationszielen, Lehr-Lernformen, Teilnahmevoraussetzungen und Arbeitsaufwand enthalten [8] und der akademischen Realität so nahe kommen [12]. Jedoch weisen Hohenstein et al. [9] darauf hin, dass es große Unterschiede in der Gestaltung von Curricula geben und der Konkretisierungsgrad von Modulhandbüchern variieren kann. Resümierend zum Forschungsstand der Anwendung von Dokumentenanalysen stellen wir fest, dass diese häufig vorbereitend für einen weiteren Methodeneinsatz, etwa qualitative Interviews, durchgeführt werden. Die Dokumentenanalyse ist dann eine explorative Vorstufe für weitere Erhebungen.

3. Grundsätze der Datenerhebung und -auswertung in Dokumentenanalysen

Dokumente sind durch den Forscher*innen unbeeinflusste Texte, die damit von sich aus Validität besitzen [13], weswegen sie häufig auch als natürliche Daten bezeichnet werden [3]. Im Forschungsinteresse kann es liegen, sie entweder in Hinsicht auf ihre Dokumenteneigenschaften, ihre morphologischen Besonderheiten zu typisieren und zu analysieren oder sie als Träger von Informationen, als Datenquelle zur Beantwortung einer Forschungsfrage und damit vor allem inhaltsanalytisch zu nutzen [1].

In beiden Fällen stellt die Auswahl der zu analysierenden Dokumente eine forschungsentscheidende Aufgabe dar. Im klassischen Sinne [14] geht es darum Einschlusskriterien zu entwickeln, die es ermöglichen, eine im Sinne der Beantwortung der Forschungsfrage theoretisch gesättigte Datengrundlage zu erreichen. Dies begründet sich nicht zuletzt darin, dass Dokumente immer zweckmäßig eingebunden sind und nicht kontextunabhängig verstanden werden können. Sie sind Ausdruck einer sozialen Praxis, haben eine Historie und eine Umwelt der Entstehung sowie der Weiterentwicklung [15], die Gestalt, Struktur und Inhalt eines Dokuments begründet.

3.1. Theoretischer Rahmen

Döring und Bortz [7] schreiben Dokumenten einen qualitativen Charakter zu, der über interpretierend-qualitative Datenanalysen zu erschließen ist. Wie in anderen qualitativen Erhebungsverfahren auch, ist für die Dokumentenanalyse der Rückbezug bzw. die Ausarbeitung eines theoretischen Rahmens grundlegend. Induktive Verfahren, wie offene Kodierung, eignen sich nur begrenzt für Dokumentenanalysen, da die Gefahr der Subjektivierung von Ergebnissen aufgrund des fehlenden Bezugs zu den forschungsleitenden Fragen bei der Entstehung der Dokumente im besonderen Maße besteht. Je nach Dokumententypus, z.B. einer Webseite, ist das Datenmaterial und der Forschungsgegenstand mit Blick auf das Forschungsinteresse unspezifisch im Dokument verteilt. Der theoretische Rahmen strukturiert gerade bei der Dokumentenanalyse in besonderem Maße das methodische Vorgehen, in dem es die Definition eines Kodierleitfaden ermöglicht, mit dem das Dokument systematisch analysiert werden kann.

Theoretische Konzepte können dabei aus dem spezifischen Kontext der Dokumente abgeleitet werden. Asdal und Reinertsen sprechen in diesem Zusammenhang von „Document Ethnograpy“ [15]. In der Regel leiten sie sich aber auch in der Dokumentenanalyse primär aus der Forschungsfrage ab und damit aus einem deduktiven Vorverständnis über das Forschungsfeld.

3.2. Inhaltsanalyse

Im deutschsprachigen Raum hat u. a. Mayring [14] im Rahmen seiner qualitativen Inhaltsanalyse einen Untersuchungsplan für Dokumentenanalysen in vier Schritten aufgestellt. Im ersten Schritt wird eine Forschungsfrage entwickelt, zu der passend im zweiten Schritt das zu analysierende Material bestimmt wird. Als dritter Schritt müssen Forschende die Güte und Angemessenheit der zu analysierenden Dokumente überprüfen. Mayring nennt dazu sechs Kriterien, um eine sog. Quellenkritik durchzuführen: Art und Herkunft der Dokumente, innere und äußere Merkmale, Intendiertheit der Dokumente und Nähe zum Gegenstand.

Ein konkretisierendes Vorgehen ist der READ Approach von Dalglish et al. [16]. READ steht für

  1. Ready your materials,
  2. Extract data,
  3. Analyse data und
  4. Distil your findings.

Im ersten Schritt wird passend zur Forschungsfrage Art und die Menge der einzuschließenden Dokumente festgelegt und ihre Zugänglichkeit geprüft. Abhängig von der Forschungsfrage und der Art der Dokumente wird im zweiten Schritt das Verfahren für die zu extrahierenden Daten festgelegt. Dalgish et.al. schlagen, etwa bei deduktivem Vorgehen, ein tabellarisches Vorgehen vor, indem wie in einer Kreuztabelle die untersuchten Dokumente horizontal gelistet und die zu findenden Kategorien vertikal eingetragen werden. Angelehnt an die Methodik der Grounded Theory sollen erste Hinweise und Ideen zur Theoriebildung in Memos festgehalten werden und dabei ggfs. das Vorgehen insbesondere in Hinsicht auf die Kategorienbildung angepasst werden. In Phase drei wird dieses Vorgehen abgeschlossen, im Sinne einer initialen Bewertung bzw. Theoriebildung. Dabei sind Fragen an die Güte und die Kohärenz der untersuchten Dokumente sowie die Datensättigung zu klären. Die Phase des Zusammenfassens und Strukturierens des in den Dokumenten Gefundenen beginnt, wenn die Forschenden feststellen, dass entweder die insgesamt eingeschlossenen Dokumente die forschungsrelevanten Kriterien suffizient abbilden können, oder wenn im Zeitverlauf nur noch sehr spezifische Kriterien bei der Analyse genutzt werden können, oder wenn die Forschenden abschließend meinen, befriedigende Antworten auf die Forschungsfrage und das zu untersuchende Phänomen gefunden zu haben.

3.3. Webseitenanalysen

Webseiten werden häufig in Hinsicht auf bestimmte Eigenschaften analysiert, die vor allem die Eignung für die vermeintlichen oder beabsichtigten Zwecke von Webseiten betrifft. Dazu gehört etwa Accessibility [17], also die Zugänglichkeit, insbesondere für Bezugsgruppen, oder die Angemessenheit der Gestaltung, das Customizing in Hinsicht auf die Nutzung durch die und die Kommunikation mit den bevorzugten Besuchern der Webseite (Usability, User/Respondents Experiences), wobei sich diese etwa Webseiten-Testverfahren bedienen, die häufig durch User-Surveys oder Questionnaires [18], [19] ergänzt werden.

Inhaltsanalysen von Webseiten beziehen sich hingegen überwiegend auf definierten Content von Webseiten also auf Teile bzw. Subdomains von Webseiten. Neben dem klassischen inhaltsanalytischen Vorgehen, wie es bei anderen Erhebungsverfahren häufig angewandt wird, kommen insbesondere bei großen Datenmengen bzw. komplexen Webseitenstrukturen, wie Webseiten mit Chatverläufen, Social Media Content oder Blogcontent alternative inhaltsanalytische Verfahren mit häufig digital-, programmbasierten Erfassungs- und Analysetools zum Einsatz [20], die meist quantitativ orientiert sind.

3.4. Quantitative Analyse

Eine weitere bedeutende Methodik ist die quantitative Inhaltsanalyse. Dabei geht es etwa um die statistische Auswertung von relevanten Daten in selektierten Dokumenten, etwa die Beatmungszeiten in Intensivstationen bei der Analyse von Intensivprotokollen. Ein anderes Vorgehen ist die Analyse der Häufigkeit und Häufigkeitsverteilungen von Items und Codes in Dokumenten („analysis of category frequencies“ [4]), die in der Regel durch digitale Analysetools durchgeführt wird. Die Ermittlung von Worthäufigkeiten („Frequenzanalyse“) kann dabei auch dazu dienen die Relevanz bestimmter Diskussionen und Inhalte einzuschätzen und somit auch Bestandteil einer induktiven Kategorienbildung sein [21].

Anwendungsbeispiel für eine Dokumentenanalyse: Einflussfaktoren auf Lehr-Lernformate an privaten Hochschulen. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbundprojekt der TU Dortmund und der Universität Witten/Herdecke untersucht in drei Teilprojekten Einflussfaktoren auf Lehr-Lernformate an privaten Hochschulen (ELLpH), im Kontext des hier bezogenen Teilprojektes geht es um die Bedingungen der Einführung und die Prozesse der Durchsetzung (innovativer) Lehr-Lernformate. Das Projekt fokussiert auf die Studiengebiete Medizin/Gesundheit und Psychologie, sowie daneben Management und Betriebswirtschaftslehre.

Das multimethodische Projekt besteht aus zwei Phasen, einer initialen Dokumentenanalyse sowie einer sich daran anschließenden Interviewphase mit Lehrenden und Studiengangsleitungen. Die mittlerweile abgeschlossene Dokumentenanalyse selbst bestand aus einem zweistufigen Verfahren. Dabei wurden zwei unterschiedliche Dokumententypen untersucht, zum einen Webseiten und zum anderen Modulhandbücher. Während es sich bei Modulhandbüchern um klassische, schriftlich verfasste Texte handelt, die heute meist in digitaler Form als PDF-Format vorliegen, bei denen ein großer Teil auf den Webseiten direkt verfügbar war, handelt es sich bei den Webseiten in der Regel um multimodale Dokumente, die sowohl aus verfassten Texten als auch auditiven, visuellen oder audio-visuellen Elementen bestehen, und die einen strukturierten Aufbau in Form von Subdomains aufweisen, etwa bei den analysierten Studiengängen.

Die Webseitenanalyse hatte explorativen Charakter, um sich einen strukturierten Überblick über das Forschungsfeld zu verschaffen, Hochschulen und Studienangebote zu typisieren, um im weiteren Verlauf der Dokumentenanalyse eine ausreichende Sättigung der Daten zu ermöglichen. Diese Analyse diente also des Clustering der Dokumente im Forschungsfeld und rationalisierte dadurch die Auswahl der Dokumente für den zweiten Teil der Dokumentenanalyse in Form der Analyse von Modulhandbüchern.

Aufgrund dieses typisierend-strukturierenden Vorgehens war die theoretische Fundierung des Vorgehens in Hinsicht auf die Kategorienbildung einfach gehalten, aber strikt ausgeprägt, um ein deutendes Vorgehen bei der Sichtung des Forschungsfeldes zu vermeiden und hatte damit einen vor allem deskriptiven Charakter. Das heißt es wurden wenige Kategorien zur Analyse genutzt, aber diese in Hinsicht auf die Prüfungen der Merkmale ohne freie (induktive) Codes bewertet und zugeordnet. Dazu wurde analog zu Dalglish et al. [16] eine Kreuztabelle je analysierter Webseite gebildet, in der alle Studiengänge der untersuchten Fachdisziplinen erfasst und diesen die deduktiven Kategorien zugeordnet wurden. Die auch in der Dokumentenanalyse durchaus gängigen deutenden Verfahren [22] zur Interpretation der Ergebnisse spielten eine untergeordnete Rolle, da die Webseitenanalyse einen vorbereitenden Charakter für die Analyse der Modulhandbücher besitzt und eine deutende Herangehensweise die Kategorienbildung durch Forschende subjektiv beeinflussen und damit die Auswahlentscheidung der textlichen Dokumente (Modulhandbücher) erschweren kann. Schließlich ermöglicht die Webseitenanalyse so die Spezifizierung von Fragestellungen als objektivierte Vor-‚Befunde‘.

Die zweite Stufe in Form der Analyse von Modulhandbüchern hatte den Zweck primäre Einblicke in Lehr-Lernformate zu gewinnen. Dabei wurden die einzuschließenden Webseiten sowohl nach Studiengebieten, als auch aufgrund der in der Webseitenanalyse gebildeten Typisierungen, v.a. Studienangeboten und Hochschultypen, ausgewählt. Der theoretische Rahmen wurde deutlich erweitert. Insbesondere wurden fachdidaktische und fachverbandliche Vorgaben, wie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie [23] oder Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur akademischen Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen [24] herangezogen. Damit wurde ein theoretischer Bezugsrahmen gewählt, bei dem davon ausgegangen wird, dass er sowohl mit Bezug auf die gesundheitswissenschaftlichen Fächer als auch als in Hinsicht auf die normativen Bedingungen der Implementierung von Lehr-Lernkonzepten maßgeblich ist. Auffällig war dabei, dass in den gesundheitswissenschaftlichen Fächern solche a priori Vorgaben in Form von verbandlichen oder ähnlichen Dokumenten weit verbreitet sind, aber im Vergleichsfeld des Betriebswirtschaftsstudium, abgesehen von einem unverbindlichen internationalem Basiscurriculum, fehlen. Angesichts des breiten theoretischen Rahmens wurde ein differenziertes Kodierparadigma erstellt und jedes analysierte Dokument in einer eigenen Auswertungsmaske ausgewertet. Die Auswertung und Ergebnisdarstellung erfolgte inhaltsanalytisch.

Der damit erfolgte Abschluss der Dokumentenanalyse ermöglicht es, einerseits erste Schlussfolgerungen, etwa in Hinsicht auf bestimmte Typen von privaten Hochschulen und die Grundsätze des Einsatzes von Lehr-Lernformaten, zu ziehen. Gleichzeitig ermöglichen diese Zwischenergebnisse Fragen an das Material zu stellen, die als Grundlage für die Interviewphase des Projektes genutzt werden können.

4. Fazit und Ausblick

Für die Hochschulforschung stellt die Dokumentenanalyse eine interessante, zunehmend genutzte Methode dar, denn Studiengänge und Studium an Hochschulen werden durch Dokumente, wie Studien- und Prüfungsordnungen, Modulhandbücher, Curricula für Lehrende und Studierende strukturiert, die durch digitale, webseitenbasierte Texte sowie hochschulspezifische digitale Medien und Plattformen ergänzt werden. Sie geben damit Hinweise auf fachliche und didaktische Konzepte und stellen dabei gleichzeitig Typen von Dokumenten dar, die selbst Gegenstand der Hochschulforschung sein können. Multimodalität, etwa innerhalb digitaler Lehr-Lernformate, wie Serious Games, digitalisiertem Scenario Based Learning, VR oder Lehrvideos, lassen die Dokumentenanalyse für die akademische Lehr-Lernforschung perspektivisch bedeutsamer werden, da darüber unmittelbar Eigenschaften von Lehr-Lernformaten untersucht werden können.

Dabei ist von besonderem Belang die besonderen Stärken und auch Grenzen der Dokumentenanalyse im Rahmen eines Forschungsvorhabens zu berücksichtigen. Da Dokumente von Forschenden unbeeinflusst zu einem eigenen Zweck entstanden sind [25], ist die vergleichende Analyse von Dokumenten in Hinsicht auf Typus, Eigenschaften und Zweckerfüllung ein naheliegender Forschungsgegenstand. Wenn Dokumente in Hinsicht auf besondere Forschungsfragen einbezogen werden, haben sie in der Regel eine begrenzte Reichweite. Dies gilt gerade für Dokumente, die, wie Modulhandbücher, Prozessstandards oder Leitlinien, immer im Vorfeld der realen Praxis verfasst werden. Sie sind damit Instrumente der Normierung gelebter Praxis, aber eben noch nicht die Praxis selbst.

Durch Dokumentenanalysen können Forscher*innen keine anderen Inhalte generieren als die, die sich in den Dokumenten verbergen, die von den meist unbekannten Erstellenden des Dokuments beabsichtigt sind [26]. Damit bleiben zumindest bei inhaltsbezogenen Forschungsfragen nur Teile des Dokuments relevant, was gleichzeitig die Gefahr birgt, eine selektive Auswahl von Dokumenten vorzunehmen, weil diese als ergiebiger gelten. Im Gegenzug zu dieser Gefahr der Biasverzerrung bedeutet die Non-Reaktivität des Dokuments [26], dass dieses als Forschungsmaterial unbeeinflusst ist etwa von der Beziehung zwischen Forschenden und Forschungsgegenstand, die damit auch keinen Einfluss auf die Ergebnisse haben kann oder sollte.

Dokumentenanalysen sind nicht zuletzt ein Forschungsinstrument, dass die Konkretisierung von Forschungsfragen an die Praxis ermöglicht, denn Dokumente sind weder Destillat noch umfassendes Abbild der Praxis, sondern ein wie auch immer bedeutender Teil derselben. Dokumentenanalysen stellen deshalb ein sinnvolles Forschungsinstrument, gerade als Vorbereitung auf weitere Erhebungsverfahren im Rahmen eines Multimethodenansatzes dar. So eignen sie sich gerade für die Bildungsforschung, wenn etwa die Anforderungen an die Lehrpraxis durch maß- und normgebende Dokumente in Hinsicht auf Umsetzung und gelebte Praxis analysiert werden können.

Gerade mit Blick auf die Stärken und die Grenzen der Methode ist die in der Methodendiskussion eher spärliche Auseinandersetzung unverständlich, wird sie bisweilen wenig reflektiert eingesetzt oder unter Entlehnung von Konzepten anderer Forschungsmethoden angewendet. Dies mag auch darauf zurück zu führen sein, dass Dokumente bereits vor dem Forschungsvorhaben vorliegen und damit im Vergleich zu klassischen Erhebungsinstrumenten für die Forschenden, allerdings in Abhängigkeit von der Zugänglichkeit, kein oder ein geringer Erhebungsaufwand entsteht. Dieser forschungsökonomische Vorteil kann am Ende besser genutzt werden, wenn die Dokumentenanalyse als eigenständige Methode im Rahmen einer tiefergehenden Methodenreflektion betrachtet und eingesetzt wird.

ORCIDs der Autor*innen

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


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