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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Kurzbeitrag
Künste und Geisteswissenschaften

[Zeitgenössische Cinemeducation: Transdisziplinärer Austausch beim Locarno Film Festival]

 Mike Rueb 1,2,3
Stefano Knuchel 4
Justine Knuchel 4
Kevin L. Lee 5
Martin R. Fischer 1,6

1 LMU München, LMU Klinikum, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
2 Charité – Universitätsmedizin Berlin, Charité Campus Mitte, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Berlin, Deutschland
3 Charité – Universitätsmedizin Berlin, Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, Berlin, Deutschland
4 Locarno Film Festival, BaseCamp, Locarno, Schweiz
5 Università della Svizzera italiana, Locarno Film Festival Professor for the Future of Cinema and the Audiovisual Arts, Lugano, Schweiz
6 Medizinische Universität Wien, Teaching Center, Wien, Österreich

Zusammenfassung

Film-basierte Pädagogik, insbesondere Cinemeducation als Lehrmethode, hat als Lehrformat der Arts und Humanities zunehmend an Sichtbarkeit gewonnen. Viele bestehende Cinemeducation-Kurse an medizinischen Fakultäten greifen jedoch auf Filme zurück, die zwar zu ihrer Zeit bedeutsam waren, aber heutige gesellschaftliche oder medizinische Diskurse nicht mehr angemessen widerspiegeln. Ziel dieser Studie war es, zeitgenössische Filme zu identifizieren, die mit aktuellen Fragestellungen in der Medizin resonieren, die Motivation von Studierenden zur Auseinandersetzung mit Cinemeducation zu untersuchen sowie das Interesse an transdisziplinärem Lernen zu explorieren. Erstmals nahmen drei Medizinstudierende am BaseCamp des Locarno Film Festivals teil, einem Nachwuchsprogramm, das transdisziplinären Austausch fördert. Sie sichteten Festivalfilme mit medizinischen Themen und organisierten einen 75-minütigen Workshop mit Film-, Naturwissenschafts-, Kunst- und Medizinstudierenden. Der Workshop konzentrierte sich darauf, wie Studierende dieser Disziplinen gemeinsam transdisziplinäre Lernumgebungen gestalten können. Die Studierenden identifizierten sieben Filme mit medizinischem Bezug im Programm des Locarno Film Festivals. Die Evaluation zeigte, dass die Studierenden hoch motiviert waren, sich weiter mit Cinemeducation auseinanderzusetzen und transdisziplinäre Lehre zu fördern. Der Austausch brachte innovative Ansätze hervor, darunter den Einsatz von Videoessays für Cinemeducation sowie die gemeinsame Filmproduktion mit Kunst- und Filmstudierenden. Medizinstudierende wünschen sich zudem einen Austausch mit anderen Cinemeducation-Projekten weltweit, was durch einen mittleren Likert-Wert von 1,3 (n=3) bestätigt wurde. Ein transdisziplinäres medizinisches Filmfestival sowie ein Cinemeducation-Symposium könnten hierfür einen ersten Schritt darstellen.


Schlüsselwörter

Kino, Film, Filmpädagogik, medizinische Geisteswissenschaften

Einleitung

Medical Humanities sind ein multidisziplinäres Feld der medizinischen Ausbildung, das Methoden aus den Künsten, den Geistes- und Sozialwissenschaften integriert [1]. Die Arts und Humanities können ein tieferes Verständnis der Krankheitserfahrungen von Patient*innen fördern [2]. Film-basierte Pädagogik, insbesondere Cinemeducation als Lehrmethode, hat als Lehrformat der Arts und Humanities zunehmend an Sichtbarkeit gewonnen [3]. Kürzlich wurde ein konzeptioneller Rahmen für Cinemeducation publiziert [4]. Filme bieten eine biopsychosoziale Perspektive auf Erkrankungen und erweitern deren Verständnis über traditionelle klinische Ansätze hinaus [5]. Sie können dazu beitragen, Einstellungen und Meinungen zu verändern, die interprofessionelle Zusammenarbeit zu fördern und medizinisches Wissen mit emotionalen Narrativen zu verknüpfen [4]. Viele bestehende Cinemeducation-Kurse im Medizinstudium greifen jedoch auf veraltete Filme zurück. Infolgedessen stimmen die dargestellten medizinischen Diskurse möglicherweise nicht mehr mit dem aktuellen wissenschaftlichen Wissen oder der gesellschaftlichen Praxis überein. Vernetzte und komplexe Gesundheitsprobleme erfordern eine enge Zusammenarbeit über mehrere Berufsgruppen und Disziplinen hinweg [6]. Dennoch haben Medizinstudierende nur selten die Möglichkeit, gemeinsam mit Studierenden anderer Fachrichtungen zu lernen. Cinemeducation ermöglicht ein wertvolles Umfeld für transdisziplinäres Lernen [7]. In welchem Ausmaß Studierende unterschiedlicher Disziplinen an Cinemeducation interessiert sind, war jedoch bislang unklar.

Ziel dieses fortlaufenden transdisziplinären Austauschs war es, erstens, zeitgenössische Filme für Cinemeducation-Projekte zu sammeln; zweitens, zu untersuchen, inwieweit der Medical-Humanities-Austausch Studierende motiviert, sich an ihren Fakultäten weiter mit kunst- und geisteswissenschaftlichen Lehrformaten auseinanderzusetzen; und drittens, zu erforschen, ob Medizin-, Film-, Naturwissenschafts- und Kunststudierende an einem gemeinsamen Lernen interessiert sind.

Projektbeschreibung

Das Locarno Film Festival zählt zu den renommiertesten internationalen Filmfestivals. Erstmals wurden im Rahmen eines Medical-Humanities-Austauschs drei Medizinstudierende in das BaseCamp eingeladen, ein elftägiges Nachwuchsprogramm des Festivals. Das Programm versteht sich als offenes Experimentierfeld, als Gelegenheit, neue Perspektiven einzunehmen, und als Freiraum für grenzenlose multidisziplinäre Ansätze [https://festivalbasecamp.ch/]. BaseCamp ist ein Projekt mit dem Ziel, eine von und für Nachwuchstalente im Alter von 18 bis 30 Jahren geschaffene Community zu etablieren, die ihnen ermöglicht, das gesamte Programm des Locarno Film Festivals zu erleben. Bestandteil von BaseCamp ist die BaseCamp Academy, ein vielfältiges, multidisziplinäres Workshop-Programm mit täglichen Begegnungen mit Persönlichkeiten aus Kultur und dem intellektuellen Leben.

Die Medizinstudierenden, die alle an der Organisation von Cinemeducation-Projekten in München und Wien beteiligt waren, hatten die Aufgabe, das Filmfestivalprogramm zu sichten und Filme zu identifizieren, die in zukünftigen Cinemeducation-Veranstaltungen Diskussionen zu medizinischen Themen unter Studierenden anregen können.

Für die BaseCamp Academy organisierten die Medizinstudierenden einen 75-minütigen Workshop. An dem Workshop nahmen acht Filmstudierende, fünf Studierende der Naturwissenschaften, vier Kunststudierende und drei Medizinstudierende teil. In den ersten 15 Minuten wurden die Konzepte der Cinemeducation und der Medical Humanities vorgestellt. Die anschließenden 60 Minuten waren einer offenen Diskussion mit allen Teilnehmenden gewidmet, die sich um folgende Leitfrage drehte: Wie können Studiengänge aus Kunst, Film, Medizin und Naturwissenschaften zusammengebracht werden, um mithilfe von Filmen eine zukünftige transdisziplinäre Lernumgebung zu schaffen?

Zur Evaluation nutzten wir ein Mixed-Methods-Design mit elf offenen qualitativen (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]) und fünf quantitativen Fragen, die am letzten Tag des Austauschs erhoben wurden. Die quantitativen Daten wurden deskriptiv analysiert, während die qualitativen Antworten mittels thematischer Inhaltsanalyse ausgewertet wurden, um zentrale Muster und Erkenntnisse zu identifizieren.

Tabelle 1: Qualitative Fragen zur Evaluation des transdisziplinären Austauschs

Ergebnisse

Die Studierenden identifizierten 7 (3,1%) Filme mit medizinischen Themen, die sie aus 225 im Programm enthaltenen Filmen für ihre Cinemeducation-Kurse nutzen könnten (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]). Unter diesen Filmen bevorzugten die Studierenden insbesondere Electric Child von Simon Jaquemet, der den Einsatz künstlicher Intelligenz bei seltenen Krankheiten untersucht; Salve Maria von Mar Coll, der die postpartale Depression thematisiert und Akipleša von Saule Bliuvaite, der sich auf Anorexia nervosa konzentriert.

Tabelle 2: Filme des Locarno Film Festivals für Cinemeducation

Medizinstudent 3 zeigte sich überrascht:

[…] von dem großen Interesse, das Kunst- und Filmstudierende an Cinemeducation zeigten. Fast alle wollten sofort mehr über das Projekt erfahren, und wir erhielten ständig Filmvorschläge, die geeignet sein könnten.

Die qualitativen Daten ergaben fünf Themen (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]). Die Medizinstudierenden schlugen vor, Videoessays für Cinemeducation zu nutzen und Filme im Rahmen eines transdisziplinären Projekts gemeinsam mit Kunst- und Filmstudierenden während des BaseCamps oder an einer medizinischen Fakultät zu produzieren.

Tabelle 3: Qualitative Evaluation des Medical-Humanities-Austauschs

Medizinstudent 3 antwortete auf die Frage, was er während des Austauschs gelernt hat:

Ich habe eine Vielzahl von Möglichkeiten entdeckt, wie Kunst wirken kann – durch Klang, Erzählung oder Bildsprache. Gleichzeitig wurde ein reflektierender Prozess angestoßen: Anstatt nur rational zu interpretieren, ist direkte Erfahrung eine wesentliche Form der Rezeption. Ist faktisches, rationales Lernen vielleicht überschätzt, selbst in der Medizin? Möglicherweise entsteht effektives Lernen eher dadurch, dass man berührt wird – wie beim Bedside Teaching oder bei einem M23-Kinoabend (Cinemeducation-Kurs).

Insgesamt motivierte der Austausch die Medizinstudierenden und bestätigte ein transdisziplinäres Curriculum der Medical Humanities sowie die Zusammenarbeit mit anderen Cinemeducation-Projekten (siehe Tabelle 4 [Tab. 4]).

Tabelle 4: Quantitative Evaluation des Medical-Humanities-Austauschs

Diskussion

Das Anschauen von Filmen auf Filmfestivals ermöglicht Medizinstudierenden einen schnelleren Zugang zu Filmen mit relevantem medizinischem Inhalt für ihr Studium, die sie leichter in Cinemeducation-Kurse integrieren können. Dieser Ansatz fördert das Lernen mittels einer Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und medizinischen Diskursen.

Die Beschäftigung mit aktuellen Filmen auf Filmfestivals motivierte die Studierenden, Filme für zeitgenössische Cinemeducation zu suchen. Es ist möglich, dass das Programm weitere Filme mit medizinischen Themen enthielt, da die Studierenden nicht alle Festivalfilme sehen konnten. Die transdisziplinären Dialoge mit anderen Nachwuchskräften ermutigten sie, sich aktiver einzubringen und Cinemeducation-Kurse an ihren Universitäten zu etablieren. Zudem führten sie zu innovativen Ideen, wie dem Einsatz von Videoessays für Cinemeducation oder der gemeinsamen Produktion von (Kurz-)Filmen mit Kunst- und Filmstudierenden, um sich kreativer mit Patient:innenperspektiven auseinanderzusetzen. Der transdisziplinäre Austausch zeigte die Relevanz von Cinemeducation in den Bereichen Kunst, Film, Naturwissenschaften und Medizin. Der Workshop verdeutlichte ein starkes transdisziplinäres Interesse an medizinischen Themen und hob Cinemeducation als ein wirkungsvolles Konzept hervor, um einen transdisziplinären Austausch zum Lernen zu ermöglichen.

Zukünftige Forschung sollte sich auf robustere Studiendesigns und die Erhebung von Daten bei transdisziplinären Studierenden konzentrieren, idealerweise durch größere, multizentrische Studien mit longitudinalen oder Mixed-Methods-Ansätzen, um Veränderungen über die Zeit und kontextuelle Faktoren erfassen zu können.

Schlussfolgerung

Zusammenfassend unterstreicht der Austausch im Bereich der Medical Humanities das Potenzial, Cinemeducation in ein breites Spektrum von Bildungssettings zu integrieren sowie ein transdisziplinäres Cinemeducation-Symposium oder Filmfestival zu etablieren, das kreative Innovationen fördert und einen nachhaltigen transdisziplinären Dialog ermöglicht.

Anmerkungen

Beitrag der Autor*innen

MR initiierte den Austausch. MR, SK und JK entwickelten das Konzept des Austauschs. MR erstellte die Lehrevaluation, bereitete das Material auf, führte die Datenerhebung und -analyse durch und verfasste den ersten Entwurf. Alle Autor:innen überprüften und überarbeiteten die nachfolgenden Manuskriptversionen und haben das endgültige Manuskript gelesen und genehmigt.

ORCIDs der Autor*innen

Förderung

Das Locarno Film Festival und das Locarno BaseCamp haben den Austausch finanziell gefördert.

Ethikvotum und Einwilligung zur Veröffentlichung

Ein Ethikvotum war nicht erforderlich, da es sich bei dem Projekt um eine Lehrevaluation handelte.

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

[1] Fernyhough C. Entanglements in the medical humanities. Lancet. 2024;403(10428):710-711. DOI: 10.1016/S0140-6736(23)01011-5
[2] Petrou L, Mittelman E, Osibona O, Panahi M, Harvey JM, Patrick YA, Leedham-Green KE. The role of humanities in the medical curriculum: medical students’ perspectives. BMC Med Educ. 2021;21(1):179. DOI: 10.1186/s12909-021-02555-5
[3] Fancourt D, Finn S. What Is the Evidence on the Role of the Arts in Improving Health and Well-Being? A Scoping Review. Geneva: WHO Regional Office for Europe; 2019.
[4] Rueb M, Rehfuess EA, Siebeck M, Pfadenhauer LM. Cinemeducation: A mixed methods study on learning through reflective thinking, perspective taking and emotional narratives. Med Educ. 2024;58(1):63-92. DOI: 10.1111/medu.15166
[5] Kadivar M, Mafinejad MK, Bazzaz JT, Mirzazadeh A, Jannat Z. Cinemedicine: Using movies to improve students’ understanding of psychosocial aspects of medicine. Ann Med Surg (Lond). 2018;28:23-27. DOI: 10.1016/j.amsu.2018.02.005
[6] Sell K, Hommes F, Fischer F, Arnold L. Multi-, Inter-, and Transdisciplinarity within the Public Health Workforce: A Scoping Review to Assess Definitions and Applications of Concepts. Int J Environ Res Public Health. 2022;19(17):10902. DOI: 10.3390/ijerph191710902
[7] Rueb M, Siebeck M, Rehfuess EA, Pfadenhauer LM. Cinemeducation in medicine: a mixed methods study on students’ motivations and benefits. BMC Med Educ. 2022;22(1):172. DOI: 10.1186/s12909-022-03240-x