[Verbesserung der Leistung vorklinischer internationaler Medizinstudierender in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ durch ein Peer-geleitetes Repetitorium]
Julia Sgrott 1,2Christoph Nikendei 1
Hans-Christoph Friederich 1,3
Ivo Dönnhoff 1
1 Universität Heidelberg, Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Psychosomatik und Psychotherapie, Heidelberg, Deutschland
2 Heidelberger Tutorium für internationale Medizinstudierende (HeiTiMed), Heidelberg, Deutschland
3 Universitätsklinikum Heidelberg, DZPG – Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit Mannheim-Heidelberg-Ulm, Heidelberg, Deutschland
Zusammenfassung
Ziel: Wenn internationale Studierende für ihr Studium in ein neues Land ziehen, werden sie mit zahlreichen Schwierigkeiten in ihrem sozialen und akademischen Leben konfrontiert. Zur Unterstützung internationaler Studierender bei der Bewältigung dieser Schwierigkeiten wurden verschiedene Projekte entwickelt, wie beispielsweise Peer-Assisted Learning (PAL) basierte Tutorien. Das Ziel dieser Studie war es, die objektive Wissensverbesserung vorklinischer internationaler Medizinstudierender nach der Teilnahme an einem dreitägigen, Peer-geleiteten Repetitorium in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ zu evaluieren.
Methoden: Die Stichprobe bestand aus n = 30 internationalen Studierenden. Die objektive Wissensverbesserung wurde anhand der Differenz an korrekt beantworteten Fragen im Prä- und Post-Test quantifiziert. Die Studierenden wurden randomisiert in Gruppen eingeteilt, je nachdem, welche Testversion (A oder B) sie im Prä-Test absolviert hatten. Für den Vergleich zwischen Prä- und Post-Zeitpunkt sowie zwischen beiden Gruppen wurde eine zweiseitige ANOVA berechnet.
Ergebnisse: Die internationalen Studierenden verbesserten ihr Wissen signifikant, was sich in besseren Post-Test-Ergebnissen im Vergleich zu den Prä-Test-Ergebnissen widerspiegelte (F1,22=13,470, p=0,001).
Schlussfolgerung: Internationale Studierende zeigten eine Verbesserung ihres Wissenstands, was auf eine positive Wirkung der Teilnahme an einem Peer-geleiteten Repetitorium hindeutet. Peer-geleitete Repetitorien für internationale Studierende sollten an medizinischen Fakultäten weiter ausgebaut werden, um internationale Studierende akademisch und sozial zu unterstützen.
Schlüsselwörter
Peer-Assisted Learning, PAL, internationale Studierende, Repetitorium, soziale Kongruenz, kognitive Kongruenz
1. Einleitung
In Deutschland werden „internationale Studierende“ als Studierende definiert, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in einem anderen Land erworben haben und für ein Hochschulstudium nach Deutschland kommen [1]. Mit ungefähr 292.000 internationalen Studierenden an deutschen Hochschulen im Jahr 2023 ist Deutschland nach wie vor ein sehr attraktives Land für Studierende, die ihr Hochschulstudium im Ausland absolvieren möchten. Etwa 5% dieser internationalen Studierenden sind im Fach Humanmedizin eingeschrieben, was etwa 13% der gesamten Medizinstudierenden in Deutschland entspricht [2]. Mehrere Autor*innen [3], [4], [5] haben die Hürden beschrieben, welche internationalen Medizinstudierenden bei ihrem Hochschulstudium gegenüberstehen und die sie überwinden müssen. Diese Hürden umfassen mangelnde soziale und finanzielle Unterstützung [3], [5], persönliche Belastungen [4], [6] und sprachliche und kulturelle Barrieren [7], [8]. Diese Herausforderungen können auch zu den beobachteten schlechteren akademischen Leistungen internationaler Medizinstudierender in schriftlichen, mündlichen und praktischen Prüfungen beitragen [9]. Huhn et al. weisen darauf hin, dass internationale Studierende in deutschsprachigen Regionen im Vergleich zu deutschen Studierenden schlechtere Ergebnisse im mündlichen Staatsexamen erzielten [10]. Laut dem Bericht des Instituts für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) zum ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung im Herbst 2022 fielen 26,7% der internationalen Studierenden durch die Prüfung. Im Vergleich dazu sind nur 9,5% der deutschen Studierenden durch die Prüfung gefallen [11]. Internationale Medizinstudierende weisen zudem höhere Abbruchquoten im Studienverlauf auf, was die Belastungen widerspiegeln könnte, die aus finanziellen, sozialen und sprachlichen Herausforderungen entstehen [12].
Angesichts dieser Schwierigkeiten haben medizinische Fakultäten damit begonnen, Unterstützungsprogramme für internationale Studierende, insbesondere für Studierende im ersten Jahr des Medizinstudiums, zu entwickeln [9], [13], [14]. Ziel war es, internationalen Studierenden einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie untereinander Kontakte knüpfen und gleichzeitig ihre akademischen Leistungen verbessern können [15]. Einige dieser Programme basierten auf der Methode des Peer-Assisted Learning (PAL) [3]. PAL ist eine etablierte Lehrmethode, bei der Tutor*innen für eine Gruppe von Teilnehmenden verantwortlich sind. Die Tutor*innen, die ebenfalls Studierende sind, sind in der Regel älter und/oder verfügen über ein größeres Wissen zum Thema [16]. Die Tutor*innen vermitteln den Teilnehmenden neue Ansätze, um die von Universitätsprofessor*innen gelehrten Inhalte zu wiederholen. Gleichzeitig erhalten sie die Möglichkeit, ihr Wissen unter Anleitung der Tutor*innen aktiv anzuwenden [17]. Tutor*innen können bei der Vermittlung der relevantesten Themen eine verständlichere Sprache verwenden, was die kognitive Kongruenz zwischen Tutor*innen und Teilnehmenden fördert [18]. Da die Tutor*innen vergleichbare Herausforderungen wie die Teilnehmenden bewältigt haben, können sie eine besonders einfühlsame und unterstützende Beziehung aufbauen [19], was die soziale Kongruenz untereinander erhöht. In der Literatur werden weitere Vorteile von PAL beschrieben, wie beispielsweise die Förderung eines Kameradschaftsgefühls zwischen den Teilnehmenden und einer einladenden Lernumgebung [20].
Die PAL-Methode hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und wird mittlerweile in einer Vielzahl von Bereichen eingesetzt. Zu den Anwendungsbereichen in der medizinischen Ausbildung zählen problemorientiertes Lernen [21], makroskopische Anatomie [22], Training im Skills-Lab [23], [24], Anamnesegespräche [25], Notfallmedizin [26] sowie Mentoring, Beratung und Tutorien [27]. Sogenannte „Buddy-Programme“, die an verschiedenen Universitäten weltweit angeboten werden, bringen internationale Studierende aus höheren Semestern mit Studienanfänger*innen zusammen und fördern so ein persönlicheres Mentoring-Setting [28]. Einführungsprogramme, die internationalen Studierenden zu Beginn ihres Studiums eine Orientierung bieten, wurden an der Universität zu Köln und an der Charité in Berlin evaluiert [14], [29]. Wöchentliche, Peer-geleitete Tutorien für internationale vorklinische Studierende, in denen die in den Vorlesungen vermittelten Inhalte wiederholt werden, haben sich als erfolgreiches Instrument zur Unterstützung internationaler Studierender im ersten Studienjahr erwiesen [4].
Aus methodologischer Sicht konzentrierten sich bisherige Studien zum Thema PAL im Bereich der internationalen Studierenden vor allem auf die qualitativen Wahrnehmungen der Teilnehmenden an Kursen und Mentoring-Programmen [14], [21]. In Repetitorien profitierten die Studierenden von Rückmeldungen der Tutor*innen, von Unterrichtsmaterialien und von Probeprüfungen, was zu einem gesteigerten Selbstvertrauen und subjektiv empfundenen Kompetenzgewinnen führte [4], [15]. Auch die persönlichen Erfahrungen von Tutor*innen, die in PAL-Programmen für internationale Studierende tätig sind, wurden bereits in früheren Studien analysiert [30]. Es mangelt jedoch an Studien, die den objektiven Nutzen von PAL für die Wissensverbesserung internationaler Studierender untersuchen. Diese Forschungslücke wird noch deutlicher, wenn verschiedene medizinische Fachgebiete berücksichtigt werden.
Die Bedeutung der psychosozialen Medizin im medizinischen Curriculum hat im Laufe der Zeit stetig zugenommen. In Deutschland erfolgte in den 1970er Jahren die Integration von Psychosomatik und Psychotherapie in die ärztliche Approbation, wobei „medizinische Psychologie und medizinische Soziologie“ als vorklinische Fächer etabliert wurden [31]. Seitdem dienen sie als Grundlage für die klinischen Fächer „Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“ und tragen zur Förderung eines einfühlsameren, patientenzentrierten Ansatzes bei [32]. In den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ lernen Studierende unter anderem relevante Aspekte der Arzt-Patient-Beziehung, der Entwicklungspsychologie, der sozialen Aspekte von Gesundheit und Krankheit und der Prävention [33]. Die Relevanz dieser Fächer wird durch die Struktur des ersten deutschen Staatsexamens hervorgehoben, in dem „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ ein Fünftel der Fragen ausmacht. An deutschen medizinischen Fakultäten gibt es verschiedene Repetitorien für das Staatsexamen in Fächern wie „Physiologie“, „Biochemie“ und „Anatomie“, jedoch konzentrieren sich nur wenige davon auf die Fächer „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“. Nur die Universitäten Jena, Marburg, Münster, Essen und Mainz [34], [35], [36], [37], [38] bieten Repetitorien für die Universitätsklausur und das erste Staatsexamen in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ an. Allerdings richtet sich keiner dieser Kurse speziell an internationale Studierende. Berücksichtigt man die sozialen, sprachlichen und kulturellen Schwierigkeiten, könnte man davon ausgehen, dass internationale Studierende von einem PAL-Programm in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ profitieren würden. Nach unserem Kenntnisstand gibt es jedoch keine Studien, die den Einsatz von PAL-Methoden für internationale Studierende im Unterricht psychosozialmedizinischer Fächer untersucht haben.
Angesichts der begrenzten Forschungslage haben wir die Auswirkungen eines dreitägigen, Peer-geleiteten Repetitoriums auf den Wissensstand internationaler vorklinischer Medizinstudierender in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ untersucht. Es wurde angenommen, dass internationale Studierende im Vergleich der Prä- und Post-Test-Ergebnisse eine signifikante Verbesserung ihrer Testergebnisse zeigen und somit ihr fachliches Wissen in den betreffenden Bereichen vertiefen würden.
2. Methoden
2.1. Aufbau des Repetitoriums
Internationale Medizinstudierende im ersten und zweiten Jahr des vorklinischen Studiums an der Universität Heidelberg wurden eingeladen, an einem dreitägigen Repetitorium zu den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ teilzunehmen, der vom „Heidelberger Tutorium für internationale Medizinstudierende“ (HeiTiMed) angeboten wurde [15]. HeiTiMed ist ein Projekt, das PAL als primäre Lehrmethode einsetzt. Die HeiTiMed-Tutor*innen sind internationale Medizinstudierende ab dem dritten Studienjahr, die das erste Staatsexamen erfolgreich bestanden haben. Darüber hinaus organisieren und leiten die HeiTiMed-Tutor*innen wöchentliche Tutorien für internationale Studierende in den vorklinischen Fächern „Anatomie“, „Physiologie“ und „Biochemie“ und erstellen hierfür entsprechende Unterrichtsmaterialien. Ziel des dreitägigen Repetitoriums war es, internationale Studierende im ersten Studienjahr auf ihre bevorstehende Universitätsklausur und internationale Studierende im zweiten Studienjahr auf das erste deutsche Staatsexamen in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ vorzubereiten. Die Tutor*innen waren sowohl für die Erstellung der Unterrichtsmaterialien als auch für die Organisation des Repetitoriums verantwortlich. Das Repetitorium sollte die zentralen Inhalte der Vorlesungen in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ abdecken und die am häufigsten gestellten Fragen des ersten Staatsexamens einbeziehen [33]. Obwohl „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ eigentlich zwei verschiedene Fächer sind, werden diese Fächer in den Vorlesungen gemeinsam unterrichtet und auch im Staatsexamen gemeinsam abgefragt. Tabelle 1 [Tab. 1] zeigt die Themen beider Fächer, die im dreitägigen Repetitorium behandelt wurden. Interessierte Leser*innen werden auf Anhang 1 [Anh. 1] verwiesen. Dort werden die in Tabelle 1 [Tab. 1] aufgeführten Themen ausführlich erläutert.
Tabelle 1: Inhaltsverzeichnis des dreitägigen Repetitoriums
Die Tutor*innen nutzten einen interaktiven Unterrichtsansatz nach dem „Sandwich-Prinzip“ nach Kadmon, bei dem kurze Vorträge mit interaktiven Diskussionen zwischen Teilnehmenden und Tutor*innen kombiniert wurden [39]. Am Ende jeder Sitzung beantworteten die internationalen Studierenden Fragen aus früheren Staatsexamina woraufhin die Antworten gemeinsam mit den Tutor*innen besprochen wurden.
2.2. Teilnehmende
Die vorliegende Studie folgte einem Prä-Post-Design. Die Studie umfasst internationale Medizinstudierende im ersten und zweiten Studienjahr in den Jahren 2023 und 2024. Der Kurs wurde nur im Sommersemester angeboten, sodass sich die internationalen Studierenden entweder im zweiten oder vierten Studiensemester (erstes oder zweites Studienjahr) befanden. Ziel des Repetitoriums war es, internationale Studierende im ersten Studienjahr bestmöglich auf ihre bevorstehende Klausur in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ und internationale Studierende im zweiten Studienjahr auf das erste Staatsexamen vorzubereiten. Auch deutsche Studierende konnten an dem Kurs teilnehmen. Im Rahmen dieser Studie definierten wir „internationale Studierende“ als Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder die ihre Hochschulzugangsberechtigung außerhalb Deutschlands erworben haben. 30 Teilnehmende dieser Studie entsprachen unserer Definition eines internationalen Studierenden (n=30).
2.3. Testaufbau
Vor und nach dem dreitägigen Repetitorium absolvierten die internationalen Studierenden einen Test. Dieser umfasste verschiedene soziodemografische Fragen sowie zehn Multiple-Choice-Fragen aus den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“, die aus früheren Staatsexamina stammten. Der Zugriff auf die Multiple-Choice-Fragen erfolgte über die digitale medizinische Lernplattform AMBOSS, die sowohl der Vorbereitung von Studierenden auf die Staatsexamina als auch der Vermittlung spezifischen Fachwissens an Ärzt*innen dient [40]. Es umfasst eine Bibliothek und eine Fragensammlung gemäß den USMLE-Richtlinien [41]. Wir nutzten die Datenbank mit der Lizenz der Medizinischen Fakultät Heidelberg.
Anhand der Häufigkeit, mit der eine Frage richtig oder falsch beantwortet wird, bestimmt die Plattform einen Indikator für ihren Schwierigkeitsgrad [42]. Jede Frage hat einen Schwierigkeitsgrad, der durch Hämmer dargestellt wird. Dieser wird wie folgt gegliedert: sehr leicht – ein Hammer (die einfachsten 20% der Fragen), leicht – zwei Hämmer (20% der Fragen sind einfacher, 50% sind schwieriger), mittel – drei Hämmer (50% der Fragen sind einfacher, 20% sind schwieriger), schwer – vier Hämmer (80% der Fragen sind einfacher, 5% sind schwieriger), sehr schwer – fünf Hämmer (die schwierigsten 5% der Fragen). Unter Verwendung dieses Systems und der verfügbaren Fragen wurden zwei Testversionen entwickelt, die jeweils die gleiche Anzahl an Fragen pro Schwierigkeitsgrad aufwiesen: eine sehr leichte Frage, zwei leichte Fragen, vier mittelschwere Fragen, zwei schwere Fragen und eine sehr schwere Frage. Zur Erstellung des Tests wurden für jeden Schwierigkeitsgrad die vierfache Anzahl der erforderlichen Fragen sowie mindestens vier Fragen pro Thema der Fächer „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ ausgewählt. Anschließend wählten wir für beide Testversionen mindestens eine Frage aus jedem Thema aus. Diese Versionen wurden mit A und B bezeichnet. Alle Fragen hatten nur eine richtige Antwort.
2.4. Studienablauf
Den internationalen Studierenden wurde nach dem Zufallsprinzip eine Testversion als Prä-Test zugewiesen. Alle Tests wurden auf Papier geschrieben. Nach dem Repetitorium absolvierten die Teilnehmende die jeweils andere Version als Post-Test. Gruppe 1 bestand aus Studierenden, die Version A als Prä-Test und Version B als Post-Test absolvierten, während Gruppe 2 aus Studierenden bestand, die Version B als Prä-Test und Version A als Post-Test absolvierten.
2.5. Ethik
Diese Studie wurde gemäß den Grundsätzen der Deklaration von Helsinki (64. Generalversammlung der Weltärztevereinigung, Fortaleza, Brasilien, Oktober 2013) durchgeführt. Die Teilnahme an der Studie erfolgte auf freiwilliger Basis. Alle Teilnehmenden wurden über den Zweck der Studie informiert und erhielten die Zusicherung einer anonymen Datenverarbeitung. Alle Teilnehmenden gaben ihre schriftliche Einwilligung. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Universität Heidelberg genehmigt (Ethik-Antragsnummer S-535/2016).
2.6. Statistische Analyse
Die Datenanalyse erfolgte mit der Statistiksoftware R [43]. Die handschriftlichen Tests wurden von der Erstautorin ausgewertet, wobei jede richtige Antwort mit einem Punkt bewertet wurde. Die Punkte wurden anschließend zu einer Gesamtzahl korrekt beantworteter Fragen addiert, sodass im Prä- und Post-Test jeweils maximal 10 richtige Antworten erzielt werden konnten. Um die Ergebnisse des Prä- und Post-Tests zu vergleichen und einen möglichen Unterschied zwischen Gruppe 1 und 2 festzustellen, wurde eine zweiseitige ANOVA berechnet. Voraussetzungen wie die Identifizierung von Ausreißern, Normalverteilung, Homogenität der Varianzen und Kovarianzen wurden zuvor überprüft. Die Ausreißer wurden mittels eines Boxplots identifiziert. Der einzige Ausreißer war im sechsten Studienjahr (11. Semester) und wurde aus der Analyse ausgeschlossen. Die Normalverteilung wurde mit dem Shapiro-Test überprüft, während die Homogenität der Varianzen mit dem Levene-Test überprüft wurde. Zur Überprüfung der Homogenität der Kovarianzen wurde ein Box-M-Test durchgeführt [44].
2.7. Poweranalyse
Wir führten eine a-priori Poweranalyse für die ANOVA mit G*Power 3 durch [45]. Bei einer geschätzten mittleren Effektgröße f=0,25, einem Signifikanzniveau α=0,05, einer Power β=0,8 und einer geschätzten Korrelation zwischen wiederholten Messungen r=0,5 berechneten wir eine erforderliche Stichprobengröße von 34 Teilnehmende, mit 17 Teilnehmenden in jeder Gruppe. Nach zweijähriger Datenerhebung erreichten wir eine Stichprobengröße von 30 Teilnehmenden.
3. Ergebnisse
3.1. Beschreibung der Stichprobe
Nach dem Ausschluss der Teilnehmenden mit Deutsch als Muttersprache und mit einer in Deutschland erworbenen Hochschulzugangsberechtigung, verblieben n=30 Teilnehmende, die unserer Definition eines „internationalen Studierenden“ entsprachen. Von diesen 30 Teilnehmende nahmen zwei Teilnehmende nur am Post-Test teil und stellten uns ihre soziodemografischen Daten nicht zur Verfügung. Da vier Teilnehmende nicht am Post-Test teilnahmen, wurden ihre Testergebnisse bei der ANOVA-Berechnung nicht berücksichtigt. Folglich wurden 24 internationale Studierende (80%) in die statistische Analyse einbezogen.
Von den 28 internationalen Studierenden, die uns ihre soziodemografischen Daten zur Verfügung stellten, waren 20 weiblich und 8 männlich. Das Durchschnittsalter betrug 19,6±1,1 Jahre. 15 Teilnehmende befanden sich im ersten Jahr (2. Semester) und 13 Teilnehmende im zweiten Jahr (4. Semester). Die meisten internationalen Studierenden stammten aus Osteuropa (10 Studierende), gefolgt von der Türkei (6 Studierende) und Ostasien (4 Studierende). Drei Studierende kamen aus Russland und drei aus Latein- und Nordamerika. Die übrigen drei Studierende stammten jeweils aus Westeuropa, dem Nahen Osten und Südostasien.
3.2. Vergleich der Ergebnisse zwischen Prä- und Post-Test sowie zwischen den Gruppen
Wie aus Tabelle 2 [Tab. 2] und Abbildung 1 [Abb. 1] hervorgeht, wurde ein signifikanter Unterschied bei der Anzahl der richtig beantworteten Fragen zwischen dem Prä-Test und dem Post-Test festgestellt. Im Durchschnitt wurden im Post-Test 1,5 mehr Fragen richtig beantwortet. Der Mittelwert für die Anzahl der richtigen Antworten in Gruppe 1 lag im Prä-Test bei 3,6±1,4 und im Post-Test bei 5,1±1,5. Für Gruppe 2 betrug der Mittelwert im Prä-Test 4,9±2,0 und im Post-Test 6,5±1,3. Es besteht ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen.
Tabelle 2: ANOVA für die Unterschiede zwischen Prä- und Post-Test-Ergebnisse sowie zwischen den Gruppen
Abbildung 1: Verbesserung der korrekt beantworteten Fragen zwischen Prä- und Post-Test. 
Die Abbildung zeigt die Mittelwerte und Standardabweichungen (grau) der Anzahl der korrekten Antworten für Gruppe 1 und Gruppe 2 in Prä- und Post-Tests.
4. Diskussion
Nach unserem Kenntnisstand existieren bislang nur wenige Studien, die die Auswirkungen von PAL auf das Wissen internationaler Studierender untersucht haben. Darüber hinaus hat nach unserer Kenntnis keine andere Studie die psychosoziale Medizin als Lehrfach für internationale Studierende untersucht. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass internationale Studierende ihr Wissen nach Teilnahme an einem Peer-geleiteten Repetitorium in den Fächern „Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie“ signifikant verbessern konnten.
Diese Ergebnisse stimmen mit den in der Literatur beschriebenen allgemeinen Vorteilen von PAL überein [20]: Dank des prägnanten und verständlichen Lernmaterials sowie der Erläuterungen der Tutor*innen erhielten die Studierende eine strukturierte Wiederholung der bisherigen Inhalte. Dies könnte es den internationalen Studierenden erleichtert haben, sich an die zuvor gelernten Themen zu erinnern [15]. Unter Anleitung der Tutor*innen konnten sich die internationalen Studierenden möglicherweise stärker auf die wichtigsten Themen konzentrieren, wodurch sich der Zeitaufwand für das eigenständige Lernen möglicherweise verringerte [15].
Da die Tutor*innen selbst internationale Studierende sind, verfügten sie möglicherweise über ein besseres Verständnis über die sprachlichen Schwierigkeiten der Teilnehmenden. Dies könnte zur Benutzung weniger Fachbegriffe und somit zum Einsetzen einer verständlicheren und zugänglicheren Sprache geführt haben [20], [46]. Auch wenn Tutor*innen und Studierende unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, teilen sie aufgrund ihres internationalen Hintergrundes ähnliche Erfahrungen. Aus diesem Grund könnten die Tutor*innen ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse und Schwierigkeiten der Teilnehmenden gehabt haben, da sie selbst ähnliche Herausforderungen in den frühen Phasen ihres Studiums überwunden haben [18]. Da sie über tiefere Kenntnisse zum unterrichteten Thema verfügten, waren die Tutor*innen möglicherweise besser in der Lage, Unterrichtsstrategien zu entwickeln, die das Verständnis der Teilnehmenden verbessern und somit die kognitive Kongruenz zwischen ihnen stärken könnten [19]. Solche Strategien könnten einen verständnisvolleren und einfühlsameren Umgang mit den spezifischen Bedürfnissen und Schwierigkeiten der Teilnehmenden ermöglicht haben [18]. Möglicherweise waren die Tutor*innen aufgrund der ähnlichen sozialen Rolle zwischen Tutor*innen und teilnehmenden internationalen Studierenden in der Lage, eine freundlichere und weniger formelle Beziehung zu den Teilnehmenden aufzubauen, sodass eine angenehmere Lernumgebung entstehen können [20], [45].
Darüber hinaus wurden die internationalen Studierenden dazu ermutigt, sich aktiv zu beteiligen, indem sie direkte Fragen der Tutor*innen beantworteten. Diese Interaktion zwischen Tutor*innen und Teilnehmenden könnte zu einer aktiveren Auseinandersetzung mit dem Thema beigetragen haben, da die internationalen Studierenden während des gesamten Repetitoriums regelmäßig dazu angeregt wurden, ihr eigenes Wissen zu überprüfen. Diese aktive Beteiligung könnte den Studierenden geholfen haben, dem Repetitorium länger aufmerksam zu folgen, was ihren Wissenserwerb erleichtert haben könnte [47]. Am Ende jedes präsentierten Themas beantworteten die internationalen Studierenden Multiple-Choice-Fragen und diskutierten deren Antworten mit den Tutor*innen. Möglicherweise hat dies den internationalen Studierenden geholfen, eine effizientere und erfolgreichere Strategie für die Beantwortung von Multiple-Choice-Fragen zu entwickeln [17].
Die Motivation der Studierenden, sich aktiv am Kurs zu beteiligen, zum Beispiel durch das Einbringen ihres Wissens beim Beantworten von Fragen, könnte den Tutor*innen ermöglicht haben, als Vermittler*innen des Wissenserwerbs zu fungieren. Dies könnte die hierarchische Beziehung abgeschwächt und dazu geführt haben, dass die Tutor*innen mehr als Vermittelnde und weniger als Autoritäten wahrgenommen wurden [48]. Darüber hinaus könnten sich die Studierende während des Repetitoriums sicherer gefühlt haben, ihre Fragen zu stellen, was wiederum zu einem besseren Verständnis der Inhalte geführt haben könnte.
Auch wenn es einen Unterschied zwischen Gruppe 1 und 2 gab, der durch unterschiedliche individuelle Wissensniveaus erklärt werden kann, haben beide Gruppen ihren Wissensstand objektiv verbessert. Wir konnten diese Verbesserung im Bereich der psychosozialen Medizin nachweisen, wobei internationale Studierende mehr über menschliches Verhalten, psychotherapeutische Methoden, die Arzt-Patient-Beziehung und Kommunikation lernten. Die intensive Auseinandersetzung mit solchen Themen zu Beginn des Medizinstudiums, unterstützt durch das außercurriculare Repetitorium, könnte sich positiv auf die zukünftige Karriere der internationalen Studierenden auswirken, indem sie dazu angehalten werden, einen einfühlsameren und rücksichtsvolleren Umgang mit Patienten zu pflegen.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass medizinische Fakultäten in Deutschland Herausforderungen bei der Unterstützung internationaler Studierender berichtet haben [9], sind wir der Auffassung, dass eine weite Implementierung von PAL-basierten Tutorien für internationale Studierende eine effektive Möglichkeit darstellen könnte, diese Schwierigkeiten zu verringern. Programme wie das Repetitorium in dieser Studie, HeiTiMed mit wöchentlichen Tutorien und sozialen Veranstaltungen [4], das „Buddy-Programm“ und Sprachorientierungskurse [14], haben sich für die akademische und soziale Unterstützung internationaler Studierender als wirksam erwiesen. Es wäre auch interessant, PAL als Lehrinstrument für praktische Fertigkeiten wie Blutabnahme und die Durchführung körperlicher Untersuchungen einzusetzen. Im Bereich der psychosozialen Medizin könnte diese Methode als Instrument zur Förderung einer einfühlsameren und patientenzentrierten Kommunikation sogar noch wertvoller sein. Internationale Studierende könnten ihre praktischen und kommunikativen Fähigkeiten weiterentwickeln, indem sie unter Anleitung von Tutor*innen an zusätzlichen Übungen mit simulierten Patient*innen teilnehmen.
4.1. Limitationen
Die größte Limitation der vorliegenden Studie ist das Fehlen einer Kontrollgruppe von Studierenden, die nicht am Repetitorium teilgenommen haben. Eine Kontrollgruppe könnte die Ergebnisse weiter unterstützen und den Effekt des Repetitoriums auf den Wissensstand der internationalen Studierenden hervorheben. Die Stichprobengröße von 30 Teilnehmenden ist kleiner als die zum Erreichen von Power β=0,8 notwendige Stichprobengröße von 34 Teilnehmern. Darüber hinaus ist die beobachtete Verbesserung des Wissens der internationalen Studierenden möglicherweise nicht ausschließlich auf die PAL-Methode zurückzuführen. Andere Faktoren, wie beispielsweise die zusätzliche Zeit, die Teilnehmenden mit den im Repetitorium behandelten Themen verbracht haben, könnten ebenfalls zu den Ergebnissen des Post-Tests beigetragen haben. Der freiwillige Charakter der Teilnahme am Repetitorium könnte zudem zur Auswahl einer Gruppe hochmotivierter Studierender geführt haben, was möglicherweise zusätzlich zu der im Post-Test festgestellten Verbesserung beigetragen hat. Eine weitere Einschränkung unserer Studie besteht darin, dass dieses Repetitorium ausschließlich von internationalen Tutor*innen unterrichtet wurde. Da wir den Erfolg unserer Ergebnisse größtenteils auf die soziale und kognitive Kongruenz zwischen internationalen Studierenden und Tutor*innen zurückführen, wäre es interessant unsere Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe zu replizieren, die von deutschen Tutor*innen unterrichtet wird. Darüber hinaus konzentrierte sich die Studie ausschließlich auf die Verbesserung der Studierenden innerhalb des dreitägigen Repetitoriums. Langfristige Ergebnisse, wie beispielsweise die Prüfungsergebnisse des ersten Staatsexamens, fehlen.
5. Schlussfolgerung
Unseres Wissens nach gibt es kaum Forschungsarbeiten zu den Effekten von PAL in Lehrveranstaltungen mit internationalen Studierenden. In dieser Studie wurde die objektive Verbesserung des Wissensstandes internationaler Studierender nach der Teilnahme an einem dreitägigen, Peer-geleiteten Repetitorium untersucht. Während dieser Zeit haben die internationalen Studierenden ihren Wissensstand in einem psychosozialen medizinischen Fachgebiet deutlich verbessert. Diese Ergebnisse stimmen mit den in der Literatur beschriebenen Vorteilen von PAL überein. Die gesteigerte kognitive und soziale Kongruenz zwischen internationalen Studierenden und Tutor*innen könnte eine sichere Lernumgebung geschaffen haben, die möglicherweise zum Wissenserwerb der internationalen Studierenden beigetragen hat. Es bedarf jedoch weitere Untersuchungen zu den Effekten von PAL in Unterrichtseinheiten mit internationalen Studierenden. Wie auch in dieser Studie empfehlen wir einen objektiven Ansatz zur Quantifizierung der akademischen Entwicklung, ergänzt durch eine Analyse der subjektiven Vorteile für internationale Studierende, in Anlehnung an den Ansatz von Huhn et al. [15]. Darüber hinaus sind weitere Studien erforderlich, um die langfristigen Auswirkungen von PAL auf die akademische Laufbahn internationaler Studierender zu bewerten.
Daten
Die im Rahmen der aktuellen Studie generierten und analysierten Datensätze sind bei HeiData verfügbar: [https://doi.org/10.11588/DATA/1STVOK] [49].
Abkürzungen
- HeiTiMed: Heidelberger Tutorium für internationale Medizinstudierende
- PAL: Peer-Assisted Learning
Anmerkungen
Ethische Genehmigung
Die ethische Genehmigung wurde von der Ethikkommission der Universität Heidelberg erteilt: Nr. S-535/2016.
Einwilligung zur Teilnahme
Die Teilnahme an der Studie war freiwillig. Alle Teilnehmenden wurden über die Ziele dieser Studie informiert und erhielten die Zusicherung, dass ihre Daten anonym behandelt werden. Alle Teilnehmenden gaben ihre schriftliche Einwilligung.
Finanzierung
Das Heidelberger Tutorium für internationale Medizinstudierende (HeiTiMed) ist ein von der Medizinischen Fakultät Heidelberg finanziertes Projekt.
Beitrag der Autor*innen
CN und ID konzipierten und entwarfen die Studie. ID leitete das Repetitorium. JS war als Tutorin im Repetitorium tätig. JS und ID führten die statistische Analyse durch. JS verfasste den Manuskriptentwurf, der von ID, CN und HCF überarbeitet wurde. Alle Autoren haben das endgültige Manuskript gelesen und genehmigt.
ORCIDs der Autor*innen
- Julia Sgrott: [0009-0002-4888-985X]
- Christoph Nikendei: [0000-0003-2839-178X]
- Hans-Christoph Friederich: [0000-0003-4344-8959]
- Ivo Dönnhoff: [0000-0003-1538-9971]
Danksagung
Wir danken den Tutor*innen Andreas Royer, Hagyu Thomas Seong, Elizabeth Tong, Aleksei Smirnov, Isabel Hamm-Teixeira dos Santos und Josefina Arias Alvarado vom Heidelberger Tutorium für internationale Medizinstudierende (HeiTiMed), die für die Durchführung des Repetitoriums verantwortlich waren. Darüber hinaus danken wir Molly Beatrix Sutcliffe für die Überarbeitung dieses Manuskripts.
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
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Anhänge
| Anhang 1 | Themenerläuterung Repetitorium (Anhang_1.pdf, application/pdf, 119.25 KBytes) |



