[Eine randomisierte Studie zum Performancevergleich von deutschem Rettungsdienstfachpersonal nach technischem oder nicht-technischem Training]
Hendrik Eismann 1Jörn Halser 2
Mathias Robert 2
Markus Flentje 1
1 Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Hannover, Deutschland
2 Deutsches Rotes Kreuz, Rettungsdienst, Uelzen, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: Das Arbeitsumfeld der prähospitalen Notfallmedizin stellt die Rahmenbedingungen einer Hochrisikoorganisation dar. Nicht-technische Kompetenzen sind eine wichtige Grundlage für erfolgreiche Teamleistungen. In Deutschland wurde 2014 ein neues Berufsbild – Notfallsanitäter:in – eingeführt, für das erstmals auch nicht-technische Kompetenzen in den Lehrplan aufgenommen wurden. Erstmals wurde geregelt, wie Rettungsfachpersonal bei ausgewählten erweiterten Maßnahmen, wie beispielsweise der Verabreichung ausgewählter Medikamente, vorgehen. Notfallsanitäter:innen müssen jährlich 30 Stunden Fortbildung absolvieren. Da es keine inhaltlichen Vorgaben gibt, haben wir untersucht, ob die Ausbildung nicht-technischer oder technischer Kompetenzen die Versorgung eines simulierten Patienten verbessert. Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, welche Schwerpunkte in der Fortbildung gesetzt werden sollten.
Methode: Die Teams wurden während der Fortbildung randomisiert und die Nachbesprechungen fanden je nach Studienarm mit Schwerpunkt auf nicht-technischen Fähigkeiten oder Algorithmen basierten technischen Fertigkeiten statt. Sechs Monate später bewerteten wir die Leistung der Teams in einem Simulationsszenario anhand des „Time-Key-Item-Product“ Scores und der Anwendung von Methoden des Incident Managements.
Ergebnisse: Beim Vergleich der Leistung mit Crisis Resource Management (CRM)/ nicht-technischen Fähigkeiten und technischer Ausbildung fanden wir keinen signifikanten Unterschied im Time-Key-Item-Product score (TKIP). Auch bei der Anwendung von Methoden des Incident Managements gab es keine Unterschiede. Checklisten wurden nur in geringer Anzahl verwendet. Über die Hälfte der Teams schaffte es nicht, 75 % der geforderten Maßnahmen im Szenario durchzuführen.
Schlussfolgerung: Es fällt auf, dass nur wenige Gruppen alle geforderten Maßnahmen durchgeführt haben. Die unvollständige Behandlung lässt darauf schließen, dass die Verwendung von Checklisten Notfallteams helfen kann. Der Umgang mit nicht-technischen Fähigkeiten sollte intensiv trainiert werden, da deren Einsatz noch nicht routinemäßig zu erfolgen scheint.
Schlüsselwörter
Ausbildung, medizinisches Personal, nicht-technische Fähigkeiten, medizinische Simulation
Hintergrund
Die prähospitale Notfallversorgung ist ein Beispiel für ein besonderes Arbeitsumfeld. Der enorme Stress einer Notfallsituation, Zeitdruck und die Verfügbarkeit begrenzter Informationen sind einige Faktoren, die sich negativ auf die Qualität der Patientenversorgung auswirken. Aus psychologischer Sicht wird dieses Umfeld als High-Risk Organization (HRO) bezeichnet [1]. Es wurde nachgewiesen, dass nicht-technische Fähigkeiten (NTS) die Ergebnisse in einer HRO-Umgebung verbessern [2]. Nicht-technische und technische Fähigkeiten gehören dabei zu unterschiedlichen Kategorien. Zu den NTS gehören Kategorien wie Aufgabenmanagement, Situationsbewusstsein, Teamarbeit und Entscheidungsfindung. Im Gegensatz dazu beschreiben technische Fähigkeiten die Fertigkeit Verfahren wie Intubation, Thorakotomie usw. durchzuführen [3], [4]. „To err is human“ war die erste von mehreren Publikationen, die sich mit vermeidbaren Fehlern und deren Prävention befassten [5], [6], [7]. Einige dieser Arbeiten hoben den Mangel an NTS hervor und betrachteten deren Optimierung als einen Faktor, der selbst in erfahrenen Notfallteams verbessert werden könnte [8], [9], [10]. Trainingsprogramme, die sich auf NTS konzentrieren, werden als Crisis Resource Management-Kurse (CRM) bezeichnet, analog zu den Crew Resource Management-Kursen, die in der Luftfahrt eingesetzt werden [11]. Obwohl CRM-Schulungen bereits in verschiedene Lehrpläne für Rettungsdienste integriert sind, bleibt unklar, ob die während des Kurses entwickelten Kompetenzen Teil der täglichen Praxis bleiben oder kontinuierlich verbessert werden müssen. Simulierte Szenarien können Aufschluss darüber geben, ob solche kontinuierlichen NTS-Schulungen notwendig sind [12], [13]. Ein messbarer Indikator für die Qualität der medizinischen Versorgung ist das Verhältnis der durchgeführten medizinischen Maßnahmen zu den in den Standardarbeitsanweisungen empfohlenen Maßnahmen. Studien haben gezeigt, dass bis zu 23% der notwendigen (Arbeits-) Schritte in Notfällen nicht durchgeführt werden [14].
Rettungsdienste (EMS) in Europa umfassen eine Vielzahl von Berufsbezeichnungen – die deutschen und französischen Systeme basieren auf Notärzt:innen, während in den englischsprachigen Ländern Systeme vorherrschen, die sich auf Paramedics konzentrieren [15]. Die Ausbildung für nichtärztliche Rettungsdienstmitarbeiter wurde 2014 reformiert [https://www.gesetze-im-internet.de/notsang/BJNR134810013.html]. Es wurde ein neues Berufsbild für eine dreijährige Ausbildung eingeführt: Notfallsanitäter (NotSan). Der NotSan ersetze dabei die zweijährig ausgebildete Rettungsassistenten (RettAss). Während der Studie übernahmen die Fachkräfte beider Berufsbilder die führende Rolle, unterstützt von Rettungssanitätern (RettSan). Die unterschiedlichen Aufgaben der Berufsgruppen sind in Tabelle 1 [Tab. 1] dargestellt.
Tabelle 1: Berufsgruppen und Zuständigkeitsbereiche im deutschen Rettungsdienst (ohne Notärzte)
EMT: Emergency Medical Technician, EMS: Emergency Medical System
Die deutschen Rettungsdienstbereiche sind verpflichtet, einen Arzt oder eine Ärztin als Ärztliche Leitung Rettungsdienst zu ernennen, der für die Aus- und Weiterbildung der nichtärztlichen Rettungsdienstmitarbeiter verantwortlich ist. Gemäß den Standard Operating Procedures (SOP) legt die Ärztliche Leitung Rettungsdienst Art und Umfang der erweiterten Verfahren fest, die die Auszubildenden beherrschen müssen. Die Ärztliche Leitung Rettungsdienst ist auch für die regelmäßige Qualitätskontrollen des Rettungsdienstpersonals zuständig. In früheren Studien haben wir festgestellt, dass sich die fachlichen Empfehlungen, Schulungen und Prüfungen in Deutschlands erheblich unterscheiden [16], [17]. Die derzeitige Heterogenität der didaktischen Ansätze macht deutlich, dass ein universeller Standardansatz noch etabliert werden muss. CRM ist bereits in den Ausbildungslehrplänen für Rettungsdienstmitarbeitende integriert. Es ist jedoch unklar, ob diese einmalige Schulung ausreicht, um die Fähigkeiten in die tägliche Arbeit zu integrieren, oder ob auch dieses Thema in Fortbildungen wiederholt werden soll. Daher sind eine kontinuierliche Bewertung und wissenschaftliche Überwachung entscheidend für die Entwicklung des besten Weges zur Umsetzung in die Praxis.
Ziel dieser Studie war es, die Wirksamkeit eines CRM/NTS-Trainings versus eines Algorithmus-zentrierten Trainings technischer Fertigkeiten durch die Bewertung der Patientenversorgung in einer simulierten Umgebung zu vergleichen. Unter Berücksichtigung der aktuellen Literatur stellten wir die Hypothese auf, dass die CRM-Gruppe aufgrund der Anwendung nicht-technischer Fertigkeiten eine schnellere und umfassendere Patientenversorgung bieten würde. Die Ergebnisse der Studie können Entscheidungsträgern als Orientierung dienen, um die Art des Trainings in zukünftigen Lehrplänen zu priorisieren und so eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten.
Materialien und Methoden
Studiendesign
Die Studie wurde als randomisierte Interventionsstudie durchgeführt. Alle Studienteilnehmer erhielten das gleiche Training zum Thema Atemnot und konnten das Gelernte in simulierten Szenarien anwenden. Sie wurden dabei einer von zwei Studiengruppen zugewiesen. Die erste Gruppe erhielt ein simulationsbasiertes Training mit einer auf medizinische und technische Themen fokussierte Nachbesprechung, während die Teilnehmenden der zweiten Gruppe zusätzlich einen theoretischen Input zum Thema CRM erhielten und eine Nachbesprechung durchführten, die sich auf nicht-technische Fähigkeiten konzentrierte. Am ersten Tag fokussierten sich alle Trainingsszenarien (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]) auf Atemnot. Die klinischen Szenarien, die später in die Testszenarien integriert wurden, wurden am ersten Tag geübt. Am zweiten Tag erhielten alle Gruppen identische Testszenarien.
Tabelle 2: Kursprogramm für das simulationsbasierte Training (Tag 1 der Studie)
Sechs Monate nach dem ersten Training wurden alle Teams anhand von drei vorprogrammierten Simulationsszenarien (SimDesigner, Laerdal Medical, Norwegen) bewertet (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Die Szenarienbeschreibungen und Kontrollanweisungen sind im Anhang aufgeführt. Zwischen dem ersten Training und der Bewertungsphase fanden keine weiteren Schulungen oder Simulationsszenarien statt.
Abbildung 1 : Flussdiagramm der Studie
EMT: Rettungssanitäter, CRM: Krisenressourcenmanagement, TKIP: Time-Key-Item-Product-Score
Setting und Population
Wir haben 36 aktive Rettungsdienstteams aus dem Einsatzgebiet Uelzen, Deutschland, in die Studie aufgenommen. Als Grundlage für die Anzahl der Fälle (Power 80%) diente die Studie von Haerkens et al. [9]. Der Rettungsdienst hatte insgesamt 125 Mitarbeiter. Alle Teilnehmer gaben ihre schriftliche Einwilligung, und die Teilnahme an der Studie war freiwillig. Die Schulung (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]) war Teil der obligatorischen jährlichen Rettungsdienstschulung.
Die Teams bestanden aus einer erfahrenen Rettungsfachkraft (entweder einem Rettungsassistenten oder einem Notfallsanitäter) als Teamleiter und einem Rettungssanitäter. Alle Aktivitäten entsprachen den Standardarbeitsanweisungen und wurden von der Ärztlichen Leitung des Rettungsdienstes ausgewählt. Die Teilnehmer wurden mithilfe eines Online-Randomisierungstools [https://www.randomizer.org/] zufällig zwei Gruppen zugeordnet: dem technischen Debriefing und dem nicht-technischen Debriefing. Notfallsanitäter und Rettungsassistenten arbeiteten in ihren realen Teamkonstellationen zusammen. Der Schulungszeitrahmen in unserer Untersuchung entsprach dem Zeitrahmen anderer Studien [10] – alle Teams erhielten eine eintägige (acht Stunden inkl. Pausen) simulationsbasierte Schulung in der Ausbildungsstätte des Deutschen Roten Kreuzes in Uelzen, Deutschland. In Deutschland sind für medizinische Fortbildungen eintägige Kurse üblich. Viele Anbieter wählen dieses Format, welches bereits in mehreren Studien zum Einsatz gekommen ist. Alle Szenarien wurden mit einem SimMan Essential-Patientensimulator (Laerdal Medical, Norwegen), einem voll ausgestatteten Rettungsrucksack (Pax Wasserkuppe, X-CEN-TEK, Deutschland), einem Medumat Standard-Beatmungsgerät und Sauerstoffmodul (Weinmann Emergency Medical Technology GmbH, Deutschland) sowie einem Accuvac Rescue-Absauggerät (Weinmann Emergency Medical Technology GmbH, Deutschland) durchgeführt, die üblicherweise im Rettungsdienst der Teilnehmer verwendet werden. Alle Teilnehmer erhielten eine Einführung in die Funktionen des Patientensimulators.
Die Szenarien der Teams wurden entsprechend den Studienarmen nachbesprochen, wobei entweder der Schwerpunkt auf technischen Fähigkeiten und Krisenressourcenmanagement (CRM) oder auf medizinischen Themen und Therapiealgorithmen (TD) lag. Die technische Nachbesprechung konzentrierte sich auf die Einhaltung der Standardarbeitsanweisungen und behandelte den medizinischen Hintergrund jedes Szenarios. Die nicht-technische Nachbesprechung bestand aus einer Reihe von Impulsfragen zu jedem Szenario und einer Nachbesprechung auf der Grundlage der CRM-Leitprinzipien von Gaba et al. [18].
Datenerhebung
Die Teams wurden sechs Monate nach der ersten Schulung in drei Szenarien bewertet, wobei insgesamt 108 Szenarien durchgeführt wurden. Dieser Zeitraum von sechs Monaten wurde gewählt, da er eine Bewertung der langfristigen Anwendung der gelernten Inhalte ermöglicht [19], [20]. Als Teamleiter wurden NotSan und RettAss ernannt, die während des gesamten Studienzeitraums über die gleichen beruflichen Kompetenzen und Aufgaben im realen Leben verfügten. Jedes Szenario wurde mit DSone (ZYOS GmbH, Deutschland) als synchronisierte Multiscreen-Videos aufgezeichnet. Die demografischen Daten der Teams wurden mittels Fragebögen erhoben, während die Leistungsdaten anhand der aufgezeichneten Videos bewertet wurden. Die Daten wurden von zwei erfahrenen Ausbildern analysiert, die unabhängig vom Schulungsteam waren.
Bewertung der Teamleistung
Die Teamleistung wurde anhand des Time-Key-Item-Product-Scores (TKIP) bewertet, der in anderen Studien entwickelt und verwendet wurde [21]. Der Score spiegelt eine umfassende Bewertung der Qualität der Durchführung der erforderlichen Maßnahmen und der Geschwindigkeit der Ausführung wider. Für jedes Szenario wurden alle erforderlichen Versorgungsschritte vorab definiert. In unserer Studie wurde die Gesamtdauer des Szenarios auf 600 Sekunden festgelegt. Wenn eine Maßnahme vollständig und korrekt vor der festgelegten Zeit durchgeführt wurde, wurde die Zeit der Fertigstellung dokumentiert. Die verbleibende Zeit bis 600 Sekunden, wird in den Score einbezogen. Wenn eine Maßnahme nicht durchgeführt wurde, beträgt der Wert für diesen Punkt 0 Sekunden. Die Summe der verbleibenden Zeiten aus allen Verfahren wird zur Ermittlung der TKIP-Punktzahl herangezogen, wobei die Höhe des Wertes die Qualität der Versorgung widerspiegelt (ein hoher TKIP-Wert steht für eine gute Leistung) (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]). Die Verdachtsdiagnose gilt als abgeschlossen, wenn die Diagnose laut ausgesprochen oder den Teammitgliedern mitgeteilt wurde. Die TKIP-Messung ermöglicht eine kombinierte Bewertung der Geschwindigkeit und Vollständigkeit der Patientenversorgung. In Übereinstimmung mit anderen Studien wurden auch die Referenzpunkte von 50% und 75% der erforderlichen Maßnahmen vorgestellt [21]. Um verschiedene Szenarien mit einer unterschiedlichen Anzahl von Punkten zu vergleichen, wurden die Endergebnisse unter Verwendung eines Umrechnungsfaktors verglichen. Beispielsweise wird das Endergebnis eines Szenarios mit acht Punkten mit dem Faktor 1,25 multipliziert, um es mit einem Szenario mit 10 Punkten zu vergleichen. Die wichtigsten Punkte in den Szenarien wurden aus den Behandlungsrichtlinien (SOP) übernommen.
Abbildung 2: Prinzip des TKIP-Scores (Time-Key-Item-Product Score). Nach Abschluss der Versorgungsschritte (Key Item) wird die verbleibende Zeit auf 600 Sekunden berechnet. Die Summe aller verbleibenden Zeiten bewertet die Qualität der Versorgung
Bewertungsfaktoren für nicht-technische Fähigkeiten
Da die Studienergebnisse auf der Vollständigkeit der medizinischen Verfahren basieren, wurden ausgewählte Faktoren der nicht-technischen Fähigkeiten separat bewertet. Die folgenden Faktoren wurden von den Autoren definiert: Verwendung/Überprüfung von Checklisten, Umsetzung von Checklisten, Kommunikation des Checklisteninhalts und Teamkommunikation (10-für-10). Das 10-für-10-Konzept beschreibt eine kurze Auszeit (10 Sekunden) im Arbeitsprozess, in der alle Informationen, Ideen und etwaige Bedenken ausgetauscht werden. Anschließend wird der Behandlungsplan für die nächsten 10 Minuten kommuniziert [11]. Alle Videos wurden von erfahrenen Trainern analysiert (>10 Jahre Simulationserfahrung). Es wurde die Videoanalysesoftware Mangold verwendet (Mangold INTERACT Version 2023, Arnstorf, Deutschland). Die Anzahl der Interaktionen nicht-technischer Fähigkeiten wurde für jedes Szenario aufgezeichnet und als Gesamtzahl dargestellt.
Statistik
Alle gesammelten Daten wurden mit SPSS 26 (IBM, Corporation, USA) verarbeitet. Die Ereigniszeiten des TKIP-Scores wurden mit einer Stoppuhr gemessen und in Kaplan-Meier-Kurven dargestellt. Die Unterschiede wurden mit dem Log-Rank-Test analysiert. Alle Daten wurden mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test auf Normalverteilung geprüft. Deskriptive Daten wurden nach Häufigkeit dargestellt. Unterschiede zwischen den Studienarmen wurden mit dem Mann-Whitney-U-Test analysiert. Der Mann-Whitney-U-Test wurde auch verwendet, um Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen hinsichtlich der Häufigkeit von CRM-Verfahren zu analysieren.
Ergebnisse
Demografische Daten
Von den ursprünglich 36 geschulten Teams (18 pro Gruppe) standen drei aufgrund von Krankheit nicht zur Verfügung oder schieden aus der Studie aufgrund eines Arbeitgeberwechsels aus. In Phase zwei nahmen 15 Teams pro Gruppe an den evaluierten Szenarien teil. Folgende Fachkräfte wurden eingeschlossen: neun Notfallsanitäter, sechs Rettungsassistenten, 15 Rettungssanitäter (Gruppe „CRM”; sieben Frauen, 23 Männer) und neun Notfallsanitäter, sechs Rettungsassistenten, 15 Rettungssanitäter (Gruppe „Tech”; neun Frauen, 21 Männer). Das Durchschnittsalter der Teamleiter betrug 39,2±8,1 Jahre (Gruppe „CRM“ 47,9±7,5 Jahre; Gruppe „Tech“ 36,5±7,8 Jahre).
Effekt der Nachbesprechung auf die Zeit, die Einhaltung der Key Items und nicht-technischer Fähigkeiten
Beim Vergleich der Leistung mit CRM und technischer Schulung fanden wir keinen signifikanten Unterschied im TKIP-Score (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]). Mit diesem Modell wurden alle Patienten mit der gleichen Versorgungsqualität behandelt. Es gab auch keinen Unterschied in der Anzahl der eingesetzten nicht-technischen Methoden, die in den beiden Studienarmen angewendet wurden (siehe Tabelle 4 [Tab. 4]).
Tabelle 3: Die Daten sind als Mittelwert und SD oder Median und IQR angegeben, Minimum und Maximum sind entsprechend der Verteilung in Klammern angegeben. Kolmogorov-Smirnov-Test: Zeit bis zur Diagnose p<0,001; Zeit bis zur Fertigstellung >50 % p=0,20; Zeit bis zur Fertigstellung >75% p<0,001; TKIP p=0,20
CRM: Crisis Resource Management-Debriefing, Tech: technisches Debriefing, TKIP: Time-Key-Item-Product
Tabelle 4: Fehlende Elemente in der 75%-Bewertung mit Häufigkeiten in Klammern. Sowohl Basis- als auch erweiterte Maßnahmen sind dargestellt
CRM: Crisis Resource Management-Debriefing, Tech: technisches Debriefing
TKIP-Score für die Gesamtleistung des Teams
Die Bewertung der Anzahl der Teams, die zeitabhängig die Vollständigkeitsmarke von 50 oder 75% der erforderlichen Maßnahmen benötigten ist in Abbildung 3 [Abb. 3] als Kaplan-Meier-Diagramm dargestellt. Nicht alle Teams haben die 75%-Benchmark für die Erfüllung der Punkte erfolgreich erreicht. Es zeigte sich, dass weniger als die Hälfte der Teams in der Lage war, 75% der erforderlichen Verfahren im Szenario „obstruktive Lungenerkrankung” durchzuführen. Übersehene Schritte und die Häufigkeit, in der sie unterlassen wurden sind in Tabelle 3 [Tab. 3] aufgeführt.
Abbildung 3: Kaplan-Meyer-Diagramme der simulierten Szenarien. Es sind die fehlenden Key Items für die Gruppen „>50%“ und „>75%“ dargestellt
Die Art der Nachbesprechung ist in Rot (CRM-Debriefing) und Blau (Tech- Debriefing) dargestellt. Log-Rank-Test: Lungenödem 50% p=0,9158; Lungenödem 75% p=0,4747; Spannungspneumothorax 50% p=0,7748; Spannungspneumothorax 75% p=0,7807; obstruktive Lungenerkrankung 50% p=0,6794; obstruktive Lungenerkrankung 75% p=0,6753
Auswirkungen der CRM-Nutzung auf Zeitaufwand und Einhaltung der Key Items je nach Art des Szenarios
In beiden Gruppen wurden die definierten Methoden zur Unterstützung nicht-technischer Fähigkeiten anhand ihrer Anwendungshäufigkeit beschrieben. Der Mann-Whitney-U-Test ergab keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen bei keiner der Messgrößen, wobei die Gesamtzahl der Anwendungen sehr gering war. Selbst das am häufigsten eingesetzte Kommunikationsinstrument (10-for-10) [11] wurde nur selten verwendet, wobei etwa ein bis drei Teams dieses Instrument nutzten. Die detaillierten Daten sind in Tabelle 4 [Tab. 4] dargestellt.
Diskussion
Diese Studie untersuchte eine didaktische Lernintervention und ihre Auswirkungen auf die Patientenversorgung in einer simulierten Umgebung. Ziel dieser Studie war es, die Wirksamkeit eines CRM-/nicht-technischen Kompetenztrainings im Vergleich zu einem Algorithmus-fokussierten technischen Training zu bewerten und den Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst wertvolle Erkenntnisse für die Planung und Optimierung zukünftiger Trainingsprogramme und Lehrpläne zu liefern. Wir haben uns auf Szenarien mit Atemnot konzentriert, da diese von Rettungsteams routinemäßig trainiert werden. Basierend auf einer Analyse, die zeigte, dass fast 8,2% der Fälle in der präklinischen Versorgung mit diesem Krankheitsbild in Verbindung standen [22], gingen wir davon aus, dass die Studienteilnehmer Erfahrung in der präklinischen Versorgung in diesem Umfeld hatten. Eine Einschränkung war die Thorakozentese, da diese Maßnahme selten durchgeführt wurde [16].
Es gab keinen Unterschied zwischen der Leistungsqualität der CRM- und Tech-Gruppe bei der Durchführung der medizinischen Versorgung. Nach der Analyse der Häufigkeit des Einsatzes von CRM- Tools ist dieses Ergebnis nicht überraschend, da die Ergebnisse beider Gruppen ähnlich niedrig waren. Das Bewusstsein für die Bedeutung von CRM und NTS begann um das Jahr 2000 herum zu wachsen und wurden 2014 in den Lehrplan für Notfallsanitäter aufgenommen. Eine weiterer Entwicklungsschritt war die Möglichkeit einer Fortbildung für Rettungsassistenten, nach deren Abschluss sie als Notfallsanitäter zertifiziert wurden. Diese Zusatzausbildung war nicht reguliert, und die nicht-technischen Fähigkeiten der Auszubildenden wurden anhand einer mündlichen Prüfung bewertet [https://www.gesetze-im-internet.de/notsang/__2a.html]. Laut Jünger et al. ist die mündliche Prüfung keine geeignete Methode zur Beurteilung der Anwendungskompetenz [23]. Ähnliche Rahmenbedingungen gelten auch für den Notarztkurs, in den 2018 die CRM-Inhalte integriert wurden [24]. Wie in der NotSan-Ausbildung wird auch hier die Prüfung als mündliche Prüfung durchgeführt. Der Transfer des Wissens aus der Fortbildung in den Alltag stellt eine Herausforderung dar, der die Kurse nicht vollständig gerecht werden können. Ein sinnvoller Ansatz zur Integration des Gelernten in Teams erfordert sowohl positive Unterstützung als auch negative Kommentare [25], was bedeutet, dass negatives Feedback gegeben werden sollte, wenn Interventionen nicht angewendet werden. In einer früheren Studie über die Integration gelernter Fähigkeiten in reale Notfall-Kaiserschnitte haben wir festgestellt, dass Feedback zu nicht angewendeten neuen Inhalten häufig nicht gegeben wird [26]. Unsere Studie führte uns zu dem Schluss, dass die derzeitige Integration in den Lehrplan und das Transferklima für die Integration von CRM und NTS in die Routine in diesem Bereich unzureichend sind – eine einmalige 8-stündige Intervention ist für eine Veränderung dieser Rahmenbedingungen unzureichend kurz. Unsere Ergebnisse und Dateninterpretation entsprechen der aktuellen Literatur, die zu dem Ergebnis kam, dass Veränderungen im medizinischen Umfeld 17 Jahre dauern, bis sie vollständig integriert sind [27]. Die Dauer erfolgreich beschriebener Schulungen im Zusammenhang mit CRM variiert von einem Tag bis zu einem längeren Konzept [10], [28]. Daher ist es notwendig, die spezifische Zielgruppe zu analysieren. Die Hintergründe werden als multifaktoriell beschrieben.
Die Betrachtung der nicht umgesetzten Maßnahmen in der 75%-Analyse zeigt, dass sowohl basale als auch erweiterte Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Andere Studien haben ebenfalls gezeigt, dass erfahrene Notfallmediziner in Notfällen nicht alle erforderlichen Maßnahmen durchführen, was die Bedeutung der Umsetzung von Checklisten durch alle notfallmedizinisch Tätigen unterstreicht [21], [29], [30]. Unsere Studie zeigt, dass eine weitere medizinische Ausbildung die CRM-Fähigkeiten nicht verbessert und dass eine gezielte, auf die CRM-Methode ausgerichtete Ausbildung unerlässlich ist. Die Ergebnisse aus den Szenarien können von den Teams zur Selbstreflexion genutzt werden.
Die Studienteilnehmer waren sich bewusst, dass sie ständig beobachtet und bewertet wurden, was aufgrund des Beobachtungseffekts zu Verzerrungen führen konnte. Bemerkenswert ist, dass die Teilnehmer kaum Checklisten verwendeten. Dies führte uns zu der Schlussfolgerung, dass sie, wenn der Beobachtungseffekt tatsächlich ihr Verhalten beeinflusste, davon überzeugt waren, dass die Verwendung von Checklisten nicht erwünscht war. Mögliche Gründe für die mangelhafte Umsetzung von Checklisten könnten kulturelle Akzeptanz, schlechte Ausbildung und fehlerhafte Umsetzungsstrategien sein [30]. Darüber hinaus ist die mangelnde Akzeptanz der Verwendung von Checklisten seit Jahrzehnten in der Ausbildung von Rettungsdiensten in Deutschland sowie in der beruflichen Praxis bekannt. Erst seit kurzer Zeit wird das „Nachschlagen” nicht mehr als Eingeständnis von Schwäche angesehen. Eine Intervention wie die einmalige Schulung in diesem Studiendesign dürfte daher kaum zu einer signifikanten Veränderung bei der Verwendung von Checklisten führen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studien ist die Notwendigkeit der Integration von Checklisten in die präklinische Patientenversorgung. Anderen Studien zufolge muss diese Implementierung auch Teamschulungen, die Nachverfolgung der Umsetzung, Ressourcen und Organisation umfassen [31]. Zukünftige Studien könnten die Verwendung von Checklisten und andere Methoden der Unfallschulung evaluieren.
Einschränkungen
In unserer Studie haben wir erstmals den von Just et al. entwickelten TKIP-Score angewendet [21]. Rückblickend hätte die Priorisierung wichtiger Maßnahmen von Vorteil sein können und als wichtiger Bewertungsfaktor herangezogen werden können. So könnte beispielsweise eine wichtige Maßnahme mit einer Punktzahl von zwei höher bewertet werden als weniger wichtigen Maßnahmen. Ein weiterer wichtiger Faktor, der sich während unserer Studie herauskristallisiert hat, ist die Anwendung von Maßnahmen, die dem Patienten schaden. Wir haben solche Fälle in unseren Szenarien nicht beobachtet, aber die Anwendung kontraindizierter Maßnahmen sollte in weiteren Studien berücksichtigt werden.
In unserer Studie wurden die Teams nicht nach ihrem Fachwissen unterschieden, um die Realität der Arbeitsumgebung in einem Rettungswagen zu simulieren. Es ist möglich, dass diese Teamzusammensetzung die Ergebnisse beeinflusst hat. Eine Modifizierung der Teamstruktur und eine Anpassung an die Erfahrung könnte in einer zielgruppenorientierten Lernumgebung von Vorteil sein.
Die in dieser Studie gemessenen Fähigkeiten sind Teil des beruflichen Standards von Notfall- und Rettungssanitätern, weshalb eine einzige gezielte Schulung, die sechs Monate vor der Bewertung stattfand, keinen signifikanten Unterschied erkennen lässt. Weitere Studien mit häufigeren Schulungs- und Überprüfungsintervallen könnten angemessener sein. Aufgrund des komplexen Studiendesigns konnte die Forschungsfrage nur in einer kleinen Teilmenge von Fällen vollständig beantwortet werden. Da es sich um eine monozentrische Studie handelt, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse für alle Rettungsdienste in Deutschland repräsentativ sind. Wie oben erwähnt, gibt es große Unterschiede in Bezug auf Ausbildung und Organisation [17]. Dennoch glauben wir, dass die Ergebnisse unserer Studie dazu verwendet werden können, die Bewertung der Ausbildung zu priorisieren, um die Situation zu beschreiben. Die aktuelle Studie in der lokalen Region kann als Beispiel für andere medizinische Leiter dienen.
Schlussfolgerung
Ziel der Studie war es, Empfehlungen für die Ärztlichen Leitungen Rettungsdienst zur Optimierung der geforderten Schulungsprogramme zu geben. Hauptziel der Studie war es, die Wirksamkeit einer CRM-/nicht-technischen Schulung im Vergleich zu einer Algorithmus-fokussierten Schulung zu bewerten. Unsere Hypothese, dass ein eintägiger CRM-Schulungskurs einen positiven Einfluss auf die Patientenversorgung haben würde, hat sich nicht bestätigt. Wie in anderen Studien auf diesem Gebiet führte keines der Teams alle medizinischen Verfahren durch. Trotz des anerkannten Werts von Checklisten werden diese nach wie vor zu wenig genutzt. Wir kommen zu dem Schluss, dass nicht-technische Fähigkeiten, um sie in die reale präklinische Umgebung zu integrieren, neben der regulären technischen medizinischen Ausbildung in die Lehrpläne der Notfallmedizin aufgenommen werden müssen.
Danksagung
Die Autoren danken allen Rettungsdienstmitarbeitern, die an dieser Studie teilgenommen haben. Wir danken Florian Hempel für seine Unterstützung bei der Studienplanung. Schließlich danken wir Michael von Geyso sowie Heinz und Tim Meierhoff vom Deutschen Roten Kreuz Uelzen für ihre Unterstützung bei der Durchführung dieser Studie. Wir danken Alan Gutman für die sprachliche Überprüfung der englischen Version des Textes.
Anmerkungen
Beitrag der Autoren
Alle aufgeführten Autoren haben in großem Maße zu diesem Projekt beigetragen. HE: Konzeption und Design der Studie, Datenerhebung, Analyse und Interpretation der Daten, Entwurf des Manuskripts; JH: Datenerhebung, Entwurf des Manuskripts; MR: Datenerhebung und -interpretation, Entwurf des Artikels; MF: Konzeption und Design der Studie, Entwurf des Manuskripts.
ORCIDs der Autoren
- Hendrik Eismann: [0000-0003-0962-8091]
- Markus Flentje: [0000-0003-3686-8998]
Ethik
Die Studie wurde von der Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover gebutachtet (Nr. 3635-2017).
Finanzierung
Die Studie wurde aus Mitteln der eigenen Abteilung finanziert.
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
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