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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Nachruf
Nachruf

[In Memoriam Dr. med. Udo Schagen (* 27. September 1939 in Düsseldorf; † 4. Juni 2026 in Oderaue)]

 Claudia Kiessling 1
Kai Schnabel 2
Andreas Winkelmann 3

1 Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für die Ausbildung personaler und interpersonaler Kompetenzen im Gesundheitswesen, Witten, Deutschland
2 Universität Bern, Institut für Medizinische Lehre, Abteilung für Unterricht und Medien, Bern, Schweiz
3 Medizinische Hochschule Brandenburg – Theodor Fontane, Institut für Anatomie, Neuruppin, Deutschland




Nachruf

„Da fiel mir plötzlich ein, das wäre eine einzigartige Gelegenheit, eine völlig neue Art von Fakultät zu schaffen, eine Fakultät, die nicht den Arzt der Vergangenheit, sondern den der Zukunft ausbilden würde – den sozialen Arzt“ (Henry E. Siegrist, 1940) [1], zitiert nach [2].

Mit diesem Zitat begann eine Laudatio von Schleiermacher & Winau in der Zeitschrift für Medizinische Ausbildung im Jahr 1999 zu Udo Schagens 60. Geburtstag [2]. Heute nehmen wir Abschied von unserem sehr geschätzten Kollegen, dem wichtigen Wegbegleiter und Wegbereiter einer Reform des Medizinstudiums. Udo Schagen [Abb. 1] hat sich in seinem beruflichen Leben stets für die Verbesserung des Studiums der Humanmedizin eingesetzt. Er war langjähriges Mitglied der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA), regelmäßiger Autor der Zeitschrift für medizinische Ausbildung, dem Vorläufer der GMS J Med Educ [3], [4], [5], und war einer der Gründungspat*innen des Berliner Reformstudiengangs, des ersten Modellstudiengangs an einer staatlichen Universität in Deutschland [6], [7].

Privates Foto von C. Kiessling, 2011

Beruflicher Werdegang

Sozialmedizin, Gesundheitspolitik und Kritische Medizin

Udo Schagen studierte Humanmedizin in München, Münster, Innsbruck und Hamburg und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent am Physiologischen Institut der Freien Universität Berlin (FU Berlin), wo er auch promovierte. Früh begann er sich für Sozialmedizin und Fragen der medizinischen Ausbildung zu interessieren. Mit anderen kritischen Mediziner*innen stellte er fest, dass im damaligen Medizinstudium der 1970er Jahre die psychosoziale Dimension von Gesundheit und Krankheit weitgehend fehlte [8], [9], [10]. Es war ihm ein fortdauerndes Anliegen, die medizinische Ausbildung um Themen wie soziale Ungleichheit, Armut als Ursache von Krankheit, das System ärztlicher Versorgung und eine soziale Medizin zu erweitern [2]. Diese immer auch historisch informierten Forderungen hatten auch Auswirkungen auf einen erweiterten Gesundheits- und Krankheitsbegriff im Sinne eines biopsychosozialen Modells und die Neuausrichtung eines patriarchalisch geprägten ,,Arzt-Patient-Verhältnis" hin zu einer Würdigung lebensweltlicher Erfahrungen und psychosozialer Eingebundenheit von Patient*innen und einer Begegnung auf Augenhöhe.

Udo Schagens beruflicher Werdegang war eng mit der Stadt Berlin und den dortigen universitären und gesundheitspolitischen Institutionen verknüpft. Er war 1970 Mitgründer eines Zentralinstituts für Soziale Medizin und zunächst Planungsassistent, dann Leiter der Planungsgruppe Medizin im Planungsstab bzw. der Abteilung Medizin beim Präsidenten der FU Berlin [2]. Ab 1986 leitete er die Forschungsstelle Zeitgeschichte am Institut für Geschichte der Medizin der FU Berlin mit Arbeits- und Forschungsschwerpunkt der jüngeren Medizingeschichte, Aus- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe sowie Politik, Struktur und Entwicklung des Gesundheitswesens und der medizinischen Fakultäten in den politischen Systemen Deutschlands [11]. Die Leitung erfolgte zuerst gemeinsam mit Dr. Eberhard Göbel, später mit Prof. Dr. Sabine Schleiermacher [https://medizingeschichte.charite.de/], [8]. Er war Mitherausgeber der Reihe ,,Kritische Medizin im Argument", Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen und Sachverständigenkommissionen und auf standespolitischer Ebene in der Funktion als Vorsitzender im gemeinsamen Weiterbildungsausschuss der Ärztekammer Berlin (u.a. als langjähriges Mitglied der FrAktion Gesundheit) sowie im Ausschuss ,,Ärztliche Weiterbildung" der Bundesärztekammer tätig [2], [12].

Reformstudiengang Medizin

Für uns, die Autor*innen CK und KS, wurde Udo Schagen jedoch auch auf persönlicher Ebene ein wichtiger Wegbegleiter. Die studentische Initiative «Inhalts AG», die aus einem bundesweiten studentischen Streik 1988/89 zur Verbesserung des Medizinstudiums entstanden war [13], [14], suchte nach Ende des Streiks eine institutionelle Anbindung und einen Ort, um die Ideen für ein reformiertes Medizinstudium weiterzuentwickeln. Dieses Zuhause fand die Inhalts-AG in der Forschungsstelle Zeitgeschichte, mit einem Schreibtisch, einem PC und der Möglichkeit zu drucken, um so das von Udo Schagen mit viel Engagement unterstützte Projekttutorium zur Realisierung des «Berliner Modells» zu verwirklichen [15]. Dies ist umso mehr zu würdigen, als es in dem sonst sehr konservativen Fachbereich keine Selbstverständlichkeit war, die Ideen und Vorschläge von Studierenden ernst zu nehmen oder gar zu fördern. Udo Schagen organisierte zusammen mit Eberhard Göbel ein Seminar zum «Arztbild der Zukunft», um die motivierten, aber noch recht unerfahrenen Studierenden auf den Stand der Reformbemühungen des Murrhardter Kreises der Robert-Bosch-Stiftung zu bringen [16]. Es entstand der Kontakt zu Prof. Thure von Uexküll und seinen Reformideen zu einer integrierten biopsychosozialen Medizin und einer (neuen) Theorie der Humanmedizin [17], [18]. Diese Konzepte wurden inhaltliche Grundpfeiler des Reformstudiengangs Medizin.

Udo Schagen war ein engagierter, kluger und authentischer Kämpfer für eine menschliche Medizin, sowohl in der Aus-, als auch in der Weiter- und Fortbildung. Er besass Weitblick, Mut und Hartnäckigkeit, um wenn nötig auch unbequeme Wahrheiten laut an- und auszusprechen. Eindrücklich war der Auftritt bei der Anhörung vor dem Ausschuss für Wissenschaft und Forschung im Berliner Abgeordnetenhaus am 13.6.1990, wo er deutliche Worte gegen den Vizepräsidenten und die Haltung der Freien Universität fand, die zögerte, eine Studienreform zu unterstützen.

Dem 1999 dann endlich eingerichteten Reformstudiengang Medizin an der Charitè-Universitätsmedizin Berlin blieb Udo Schagen als Dozent und Berater freundschaftlich verbunden. Auch hier war es ihm ein besonderes Anliegen, die Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns und insbesondere psychosoziale Implikationen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit mit den Studierenden zu beleuchten.

Medizin und Zeitgeschichte

Ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt von Udo Schagen war auch die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus [19] und in der Nachkriegszeit [20]. Zusammen mit Sabine Schleiermacher und anderen untersuchte er die Geschichte der Charité während des „Dritten Reichs“ [21]. Dabei spielten auch immer wieder berühmte Persönlichkeiten der Berliner Universität eine Rolle wie Ferdinand Sauerbruch [22] oder Hermann StieveSo war Udo Schagen der erste, der sich ernsthaft mit der NS-Vergangenheit des Berliner Anatomen Hermann Stieve auseinandersetzte [23], bevor dies im Fach Anatomie selbst zum Thema gemacht wurde. In seiner verbindlichen und unaufgeregten Art animierte er dann aber auch einen Anatomen, den Mitautor AW, sich dem Thema zu widmen und sich gemeinsam weiter mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen [24]. Das führte nicht nur zu einer freundschaftlichen Arbeitsbeziehung, sondern hatte auch einen nachhaltigen Einfluss auf die folgende Forschung in diesem Feld. Schließlich war für Udo Schagen auch das Gedenken und die Würdigung ausgegrenzter und vertriebener Mitarbeiter*innen der Charité ein wichtiges Anliegen [25].

In Dankbarkeit

Udo Schagen starb am 4. Juni 2026. Wir verlieren einen klugen, engagierten, wohlwollenden, und manchmal auch kritischen Kollegen, Freund, Mentor, Experten - einfach einen tollen Menschen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die ihn kennengelernt haben und vermissen werden. Du wirst uns fehlen!

ORCIDs der Autor*innen

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

[1] Tagebuch-Notiz vom 21.2.1940 von Henry E. Siegrist (1891 -1957).
[2] Schleiermacher S, Winau R. Udo Schagen. Laudatio. Z Med Ausbild. 1999;16:68-69. Zugänglich unter/available from: https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1999/1/Schleiermacher_S,_Winau_R.pdf
[3] Schagen U. Zwei Jahrzehnte Ausbildungsreform – und keine Entscheidung zum Ausbildungsziel. Med Ausbild. 1990;7(3):67-73. Zugänglich unter/available from: https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1990/3/Schagen_U-k.pdf
[4] Schagen U. Die Arbeit der Sachverständigengruppe zu Fragen der Neuordnung des Medizinstudiums beim Bundesminister für Gesundheit. Med Ausbild. 1993;10(2):139-142. Zugänglich unter/available from: https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1993/2/Schagen_U-p.pdf
[5] Schagen U. Ärztliches Ausbildungsziel und Berufsfeld. Reale Entwicklung und notwendige Änderung. Med Ausbild. 1996;13(1):28-33. Zugänglich unter/available from: https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1996/1/Schagen_U-u.pdf
[6] Schnabel KP, Müller T. Vom »Berliner Modell« zum Reformstudiengang Medizin an der Charité. Aspekte der Umsetzung. In: Qualifizierung und Professionalisierung. Hamburg: Argument; 2002. (Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften; 37). p.24-42.
[7] Begenau J, Kiessling C. The Berlin reformed curriculum in undergraduate medical education: a retrospective of the development history, principles, and termination. GMS J Med Educ. 2019;36(5):Doc62. DOI: 10.3205/zma001270
[8] Schagen U. Ärztliche Aufgaben in der Zukunft. Die Diskussion um die Weiterentwicklung der ärztlichen Ausbildung. In: Organisierung zur Gesundheit. Hamburg: Argument; 1981. (Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften; 7). p.31-43.
[9] Schagen U. Sozialmedizin - verdrängter Lehrinhalt im Medizinstudium. In: Gesundheit – Bürokratie – Managed Care. Hamburg: Argument; 1997. (Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften; 27). p.113-135.
[10] Schagen U. Reformen auf dem Papier – Studium der Humanmedizin in der Bundesrepublik Deutschland seit 1970. In: Qualifizierung und Professionalisierung. Hamburg: Argument; 2002. (Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften; 37). p.7-23.
[11] Göbel E, Schagen U. 10 Jahre Forschungsstelle Zeitgeschichte im Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin. Berlin: Freie Universität zu Berlin; 1997. (Berichte und Dokumente zur Zeitgeschichte; 3). p.27.
[12] Schagen U. Die ärztliche Weiterbildung. In: Habeck D, Schagen U, Wagner G, editors. Reform der Ärzteausbildung. Neue Wege in den Fakultäten. Berlin: Blackwell Wissenschaft; 1993. p.401-423.
[13] Schwarz T. Besetzt: Die befreite Universität Berlin im Streik. In: Allgemeiner Studierendenausschuss der FU Berlin, editor. Fu60: Gegendarstellungen. 60 Jahre Freie Universität. 40 Jahre kritische Uni. 20 Jahre b*freite Uni. Berlin: AStA FU-Druckerei; 2008.
[14] Inhalts-AG. Arbeitspapier der Inhalts-AG „Berliner Modell“. Berlin: Eigenverlag; 1988.
[15] Remstedt S. Abschlussbericht des Projekttutoriums Nr. 60 „Realisierung des Berliner Modells“ der Inhalts-AG (studentische Initiative zur Reform des Medizinstudiums). Berlin: Eigenverlag; 1991.
[16] Murrhardter Kreis. Das Arztbild der Zukunft. Analysen künftiger Anforderungen an den Arzt, Konsequenzen für die Ausbildung und Wege zu ihrer Reform. Arbeitskreis Medizinerausbildung der Robert Bosch Stiftung. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Gerlingen: Bleicher; 1995.
[17] von Uexküll T. Das Problem der Ausbildung zum Arzt in der modernen Welt. Ein Kommentar zur neuen Approbationsordnung. Dtsch Ärztebl. 1971;68:709-714.
[18] von Uexküll T, Wesiack W. Theorie der Humanmedizin. München: Urban & Schwarzenberg; 1988.
[19] Schagen U. Handlungsspielräume und Handlungsalternativen der Wissenschaft(ler) im Nationalsozialismus zwischen Anpassung, Kollaborationsverhältnis und Widerstand. In: Ferdinand U, Kröner HP, Mamali I, editors. Medizinische Fakultäten in der deutschen Hochschullandschaft 1925-1950. Heidelberg: Synchron; 2013. p.153-167.
[20] Schagen U. Nach dem Krieg und vor der Kammer. Die Organisation der Berliner Ärzteschaft zwischen 1945 und 1963. Berliner Ärzt:innen. 2023;6:37-39.
[21] Schleiermacher S, Schagen U, editors. Die Charité im Dritten Reich. Zur Dienstbarkeit Medizinischer Wissenschaft im Nationalsozialismus. Zweite als e-book und pdf-Dokument überarbeite Auflage. Berlin: Charité; 2019.
[22] Schagen U. „Würdiger“ Repräsentant deutscher Ärzte. Über Ferdinand Sauerbruch. Gesundheit braucht Politik. Z Soz Med. 2015;4:17-18.
[23] Schagen U. Die Forschung an menschlichen Organen nach "plötzlichem Tod" und der Anatom Hermann Stieve (1862-1952). In: vom Bruch R, Schaarschmidt R, editors. Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Band II: Fachbereiche und Fakultäten. Stuttgart: Franz Steiner Verlag; 2005. p.35-54.
[24] Winkelmann A, Schagen U. Hermann Stieve's clinical-anatomical research on executed women during the "Third Reich". Clin Anat. 2009;22:163-171. DOI: 10.1002/ca.20760
[25] Schagen U. Ausgrenzung und Vertreibung an der Charité: Verfolgte Mitarbeiter 1933-1945. Berlin: Charité; 2013. Zugänglich unter/available from: http://gedenkort.charite.de/menschen/