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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Projektbericht
Famulaturen

[FamuPlus – ein Pilot-Projekt zur Förderung von selbstgesteuertem Lernen während Famulaturen durch individuell formulierte Lernziele]

 Andrea Punz 1
Thomas Breakell 2
Thomas Kühlein 1
Sigrid Harendza 3
Raphael Kunisch 4
Bettina Engel 5

1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Uniklinikum Erlangen, Institut für Allgemeinmedizin, Erlangen, Deutschland
2 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Uniklinikum Erlangen, Hautklinik, Erlangen, Deutschland
3 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, III. Medizinische Klinik, Hamburg, Deutschland
4 Universität Augsburg, Medizinische Fakultät, Lehrstuhl für Allgemeinmedizin, Augsburg, Deutschland
5 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Medizin Campus Oberfranken, Institut für Allgemeinmedizin, Bayreuth, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Famulaturen ermöglichen im deutschen Medizinstudium wertvolle Einblicke in die klinische Praxis, gehen jedoch häufig nicht mit einer strukturierten Lernbegleitung einher. Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt FamuPlus entwickelt, um Medizinstudierende bei der Formulierung und Umsetzung individueller Lernergebnisse zu unterstützen und dadurch selbstorientiertes Lernen (SOL) zu fördern. SOL gilt als eine zentrale Kompetenz für lebenslanges Lernen sowie die kontinuierliche berufliche Weiterentwicklung im ärztlichen Kontext. Die im Rahmen dieser Studie formulierten individuellen Lernergebnisse entstanden dabei innerhalb eines gezielt angeleiteten Prozesses.

Projektbeschreibung: Im Rahmen von FamuPlus absolvierten sieben Studierende ein Online-Training, welches in das SMART-Prinzip (spezifisch, messbar, erreichbar, relevant und zeitgebunden) sowie in die Lernzieldomänen der Bloom’schen Taxonomie einführte. Anschließend formulierten die Teilnehmenden vor Beginn ihrer Famulatur individuelle Lernergebnisse, die sie zu Beginn ihrer selbstständig gewählten, vierwöchigen Famulatur gemeinsam mit den betreuenden Lehrpersonen vor Ort (z. B. Hausärzt:innen oder Stationsärzt:innen) besprachen. Während der Famulatur reflektierten die Studierenden ihren Lernfortschritt mithilfe eines Onlinetools und teilten im Rahmen von moderierten Fokusgruppen-Interviews ihre Erfahrungen. Zur Evaluation der Intervention wurde zusätzlich eine Kontrollgruppe am Ende ihrer Famulatur im Rahmen von Fokusgruppen befragt.

Ergebnisse und Erkenntnisse: Die Studierenden berichteten, dass die Festlegung eigener Lernergebnisse ihren Fokus, Motivation und das empfundene Lernerfolgserlebnis verbessert habe. Zudem schien dies ihre Selbstwirksamkeit während der Famulaturen zu fördern. Die Formulierung messbarer Lernergebnisse stellte jedoch eine Herausforderung für die Studierenden dar.

Diskussion und Zusammenfassung: FamuPlus stellt einen vielversprechenden Ansatz dar, um Medizinstudierende während ihrer Famulaturen gezielt bei der Entwicklung selbst-orientierten Lernens (SOL) zu unterstützen. Trotz der kleinen und potentiell hoch motivierten Stichprobe weisen die Ergebnisse auf positive Effekte hinsichtlich des subjektiven Lernerfolgs, der Motivation und der Fokussierung hin. Eine Weiterentwicklung sowie eine breitere Implementierung erscheinen daher sinnvoll, um die Lernendenzentrierung in Famulaturen weiter zu stärken. Das niedrigschwellige Online-Format und der geringe zusätzliche Aufwand für Lehrende begünstigen eine Übertragbarkeit auf andere Fakultäten. Für eine umfassende Einführung sollte jedoch die Einbindung des Lehrpersonals sorgfältig an die verfügbaren Ressourcen angepasst werden, da eine angemessene infrastrukturelle Unterstützung für eine nachhaltige Umsetzung unerlässlich ist.


Schlüsselwörter

Selbst-Orientiertes Lernen, Famulatur, Lernergebnisse, SMART-Kriterien, medizinische Ausbildung, Projektimplementierung

1. Einleitung

Famulaturen sind ein integraler Bestandteil des Medizinstudiums in Deutschland und sollen den Studierenden praktische Erfahrungen sowohl in stationären als auch in ambulanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung vermitteln. Während der klinischen Phase des Studiums (drittes bis fünftes Jahr) müssen die Studierenden vier einmonatige Famulaturen in Fachbereichen ihrer Wahl absolvieren [https://www.gesetze-im-internet.de/_appro_2002/BJNR240500002.html]. Während die formale Struktur dieser Famulaturen hinsichtlich Dauer und organisatorischer Aspekte klar definiert ist, gibt es keine inhaltlichen Standards oder vorgeschriebene Lernergebnisse. Folglich hängen die Lernerfahrungen der Studierenden oft stark von der Eigeninitiative und dem lokalen Lehrumfeld ab.

Gleichzeitig erfordert die Komplexität des modernen Gesundheitswesens, dass Medizinstudierende nicht nur Wissen und Fertigkeiten erwerben, sondern auch die Fähigkeit zum selbstorientierenden Lernen (SOL), ein Konzept, das die Verantwortung der Lernenden für die Planung, Überwachung und Bewertung ihres eigenen Lernprozesses betont [1]. SOL gilt als Schlüsselkompetenz für lebenslanges Lernen und die berufliche Weiterentwicklung in der medizinischen Tätigkeit [2], [3], [4], [5], [6]. Selbstorientiertes, selbstreguliertes und selbstgesteuertes Lernen sind eng miteinander verbundene Konstrukte, die in der Bildungsforschung verschiedene Dimensionen der Lernendenautonomie beschreiben. Obwohl sich diese Konzepte in ihrer Betonung der Lernendenautonomie überschneiden, unterscheiden sie sich in ihrem Fokus: Selbstorientiertes Lernen befasst sich mit der Verantwortung für die Organisation und Steuerung des eigenen Lernverlaufs. In diesem Artikel soll der Begriff SOL die Bedeutung der Heranführung von Medizinstudierenden an ein Konzept unterstreichen, das lebenslanges Lernen als Arzt oder Ärztin fördert [1]. Die explizite Verwendung von Lernergebnissen stimuliert wesentliche Aspekte von SOL, wie Reflexion, Planung und Selbstwirksamkeit. Sie liefern klare Aussagen darüber, was Lernende erreichen wollen, und tragen dazu bei, die Erwartungen von Studierenden und Betreuenden aufeinander abzustimmen [7], [8]. Durch die Definition persönlicher Lernergebnisse werden Studierende dazu ermutigt, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen, ihre Anstrengungen zu fokussieren und ihre Fortschritte effektiver zu verfolgen. Frühere Studien haben gezeigt, dass klare kommunizierte Lernergebnisse sowohl die Motivation als auch das Engagement der Lehrenden während der klinischen Ausbildung steigern [9].

Ein strukturierter Ansatz zur Formulierung individueller Lernergebnisse wird durch das SMART-Modell und die Taxonomie nach Bloom geboten. Das SMART Modell ist eine weit verbreitete Hilfestellung zur Definition effektiver und messbarer Ziele. Das Akronym steht für Specific (spezifisch), Measurable (messbar), Achievable (erreichbar), Relevant (relevant) und Time-bound (zeitgebunden). Es bietet einen strukturierten Ansatz zur Formulierung von Lernzielen und soll sicherstellen, dass diese klar definiert und praktisch erreichbar sind [10]. Blooms Taxonomie der Lerndomänen bietet einen umfassenden Rahmen für die Klassifizierung von Bildungszielen in drei Domänen: die kognitive, die affektive und die psychomotorische Domäne. Zusammen betonen diese Domänen, dass effektives Lernen intellektuelle, emotionale und körperliche Dimensionen umfasst. Diese Taxonomie ist nach wie vor ein grundlegendes Modell für die Gestaltung ganzheitlicher Lernergebnisse und Bewertungen [11], [12].

Um Studierende bei der Entwicklung solcher Lernstrategien zu unterstützen, wurde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg das Projekt FamuPlus ins Leben gerufen. Die Grundidee bei der Entwicklung von FamuPlus bestand darin, den explorativen Charakter von Famulaturen zu bewahren und zeitgleich einen Leitfaden für SOL zu bieten. Die Konzeption eines Projekts, das SOL fördert, indem es Studierenden ermöglicht, ihre eigenen Lernergebnisse zu formulieren, erschien ein sinnvoller Ansatz zu sein.

Der Zweck dieses Projektberichtes besteht darin, die Entwicklung und Umsetzung von FamuPlus zu beschreiben, die Erfahrungen der teilnehmenden Studierenden zu teilen und die aus der Pilotphase gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich des Potenzials zur Förderung des SOL in Famulaturen zu diskutieren.

2. Projektbeschreibung

Das FamuPlus Projekt wurde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt, um Medizinstudierende bei der Festlegung und Verfolgung individueller Lernergebnisse während ihrer Famulaturen zu unterstützen. Das übergeordnete Ziel bestand darin, das SOL zu stärken, indem den Studierenden ein strukturierter und zugleich flexibler Rahmen für die Formulierung der Lernergebnisse, Reflexion und Feedback geboten wurde.

2.1. Projektdesign und Implementierung

FamuPlus wurde als Pilotprojekt konzipiert und zwischen dem Sommer- und Wintersemester 2021 mit einer kleinen Gruppe von Medizinstudierenden während ihrer Famulaturen durchgeführt. Die Teilnahme war freiwillig. Die ethische Unbedenklichkeit wurde von der Ethikkommission der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg bescheinigt. Von allen Teilnehmenden wurde eine schriftliche Einverständniserklärung eingeholt, und die Vertraulichkeit wurde während des gesamten Projekts gewahrt.

Die Entwicklung des Projekts wurde von einem Arzt und einer Medizinstudentin durchgeführt. An der Entwicklung waren keine Teilnehmenden oder andere klinische Lehrkräfte beteiligt.

Insgesamt nahmen 14 Medizinstudierende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg an der Pilotphase von FamuPlus teil. Sieben Studierende nahmen an der Interventionsgruppe (IG) teil und absolvierten ihre Famulaturen unter Anleitung von FamuPlus, während sieben weitere ihre (selbstständig gewählten und organisierten) Famulaturen ohne das Projekt absolvierten (Kontrollgruppe, KG). Die Studierenden beider Gruppen wurden über einen offenen Aufruf (zu unterschiedlichen Zeitpunkten) zur Teilnahme rekrutiert und stammten daher aus unterschiedlichsten Semestern. Die Interventionsgruppe umfasste fünf weibliche und zwei männliche Studierende, die sich freiwillig im Rahmen eines hausarztorientierten Mentoring-Programms in Bayern gemeldet hatten. Zu den von der IG gewählten Famulaturbereichen gehörten Allgemeinmedizin, Palliativmedizin, Innere Medizin und Allgemeinchirurgie. In der KG waren die gewählten Fachgebiete Nuklearmedizin, Psychiatrie, ambulante Anästhesie, Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Gefäßchirurgie vertreten. Die KG wurde während der Pilotierung ergänzt, um erste Auswirkungen der Intervention beobachten zu können. Das Projekt folgte einem stufenweisen Ablaufplan, der die Studierenden vor, während und nach ihrer Famulatur begleitete (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Abbildung 1: Übersicht über den FamuPlus-Zeitplan

2.1.1. Schritt 1: Vorbereitungsphase

Vor Beginn ihrer Famulatur absolvierten die Studierenden eine kurze Online-Schulung, in der sie in die Grundlagen der Lerntheorie, das SMART-Modell zur Lernergebnissformulierung und Blooms Taxonomie der Lerndomänen (kognitiv, affektiv und psychomotorisch) eingeführt wurden. Für die Schulung wurden vom entwickelnden Arzt Videos erstellt, um das Konzept, die Bedeutung und die Struktur von Lernergebnissen vorzustellen. Diese Schulung zielte darauf ab, den Studierenden die notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben, um sinnvolle und erreichbare Lernergebnisse zu formulieren. Zur Unterstützung des Prozesses wurde eine digitale SMART-Vorlage bereitgestellt, die in Tabelle 1 [Tab. 1] zusammen mit Beispielen zu finden ist. Sie führte die Studierenden durch die Entwicklung jedes ihrer Lernergebnisse gemäß der SMART Kriterien und dessen Zuordnung zu einem der Bereiche von Blooms Taxonomie.

Tabelle 1: SMART Template Lernergebnisse

2.1.2. Schritt 2: Planung und Beginn der klinischen Lehre

Nach Abschluss der Schulung formulierten die Studierenden individuelle Lernergebnisse für ihre Famulatur. Diese wurden vom FamuPlus-Team per E-Mail an ihre klinischen Lehrkräfte weitergeleitet. Obwohl die klinischen Lehrkräfte nicht zum FamuPlus-Team gehörten, wurden sie dazu angehalten, die Lernergebnisse zu Beginn des Praktikums mit den Studierenden zu besprechen, um ein gemeinsames Verständnis der Lernerwartungen sicherzustellen.

2.1.3. Schritt 3: Klinische Phase

Während der gesamten Famulatur bearbeiteten die Studierenden wöchentlich ein Online-Formular zur Selbsteinschätzung, welches ihre vorab festgelegten Lernergebnisse enthielt. Für jedes Ziel bewerteten sie ihren aktuellen Leistungsstand auf einer visuellen Skala von null bis hundert Prozent (einschließlich einer T0-Bewertung vor Beginn ihrer Famulatur). Die Bewertungen der Vorwoche wurden nicht angezeigt, um mögliche Verzerrungen bei der Selbsteinschätzung zu verringern. Auch die kontinuierliche Skala wurde gewählt, um mögliche Verzerrungen in der Selbsteinschätzung durch Ankereffekte weiter zu reduzieren. In der Mitte der Famulatur wurden die Teilnehmenden zu einem informellen Gespräch über ihre bisherigen Erfahrungen eingeladen, wobei ein semi-strukturierter Gesprächsleitfaden verwendet wurde (siehe Anhang 1 [Anh. 1]). Diese Reflexion sollte die Studierenden ermutigen, ihren Fokus bei Bedarf anzupassen und sich ihrer eigenen Lernstrategien bewusster zu werden. Die sieben Gespräche wurden von AP über synchrone Videoanrufe durchgeführt.

2.1.4. Schritt 4: Feedback und Reflexion

Am Ende der Famulatur nahmen alle Studierenden an online Fokusgruppen-Diskussionen teil, die ebenso auf einem semi-strukturierten Leitfaden basierten (siehe Anhang 2 [Anh. 2]) um ihre Erlebnisse mit FamuPlus zu reflektieren.

2.2. Datenerhebung und Auswertung

Die Umsetzung des Pilotprojekts wurde durch qualitative Forschung begleitet, um dessen pädagogische Auswirkungen und Durchführbarkeit besser zu verstehen. Die Fokusgruppendiskussionen und der eigens entwickelte Leitfaden für semi-strukturierte Interviews dienten daher der Reflexion und der Untersuchung der potenziellen Auswirkungen von FamuPlus auf SOL. Es wurden vier Fokusgruppendiskussionen durchgeführt (zwei pro IG und KG, eine Gruppe mit drei und eine mit vier Teilnehmenden). Die klinischen Lehrkräfte nahmen an diesen Sitzungen nicht teil. Jede Diskussion dauerte etwa 90 Minuten und wurde von demselben Team aus Ärzten und Medizinstudierenden unter Verwendung des semi-strukturierten Diskussionsleitfadens moderiert. Die Transkripte der Fokusgruppendiskussionen und die Interviewdaten wurden unter Verwendung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet [13]. Vordefinierte Kategorien im Zusammenhang mit SOL in Famulaturen (Personen, Lernen und Umstände) wurden als deduktive Codes verwendet [14], und zusätzliche (Unter-)Kategorien wurden während des Kodierungsprozesses induktiv entwickelt (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]). Das Projektteam, bestehend aus Medizinstudentinnen und Lehrärztinnen, diskutierte und verfeinerte gemeinsam die Kodierungsstruktur, um Konsistenz zu gewährleisten. Bei Unstimmigkeiten der Kodierung diskutierten die Forscherinnen die relevanten Teile der Transkripte und Codes und einigten sich auf Kompromisse. Etwaige Meinungsverschiedenheiten wurden innerhalb des Forschungsteams gelöst, ohne dass andere Forschende hinzugezogen werden mussten. Darüber hinaus wurden die von den Studierenden entworfenen Lernergebnisse gesammelt und nach dem SMART-Ansatz analysiert.

Tabelle 2: Deduktive und induktive Codes

3. Ergebnisse und Erkenntnisse

3.1. Entwicklung der Lernergebnisse

Die sieben Teilnehmenden der FamuPlus-Gruppe formulierten insgesamt 29 individuelle Lernergebnisse, wobei die Zahl pro Studierenden zwischen drei und fünf lag. Bemerkenswerterweise entwarfen die Studierenden der Kontrollgruppe keine Lernergebnisse. Gemäß der Taxonomie von Bloom bezogen sich 18 der Lernergebnisse auf psychomotorische Fähigkeiten, sechs auf kognitives Wissen und fünf auf affektive Einstellungen (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]). Die Studierenden berichteten in den Fokusgruppendiskussionen, dass es manchmal schwierig gewesen sei, Lernergebnisse zu formulieren, die sowohl messbar als auch realistisch nach den SMART-Kriterien seien. Dennoch wurde der Prozess ihrer Definition als wertvoll und motivierend beschrieben.

Tabelle 3: Lernergebnisse der sieben Studierenden

3.2. Erfahrungen der Studierenden und wahrgenommene Effekte

Studierende, die an FamuPlus teilgenommen hatten, berichteten von einer deutlichen Verbesserung ihres Fokus, ihrer Motivation und ihrer Selbstwirksamkeit. Sie fühlten sich proaktiver bei der Suche nach Lernmöglichkeiten, der Kommunikation ihrer Interessen und der Einholung von Feedback. Mehrere Teilnehmende betonten, dass die Formulierung ihrer Lernziele ihnen dabei half, ihre Fortschritte besser zu erkennen und realistisch einzuschätzen, was während eines einmonatigen klinischen Wahlpraktikums erreicht werden konnte.

„Es war auf jeden Fall ein guter Leitfaden durch die Famulatur.“ (IG)

„[…] Aja, das war dein Lernziel, da gehst du auf jeden Fall mit [um es zu lernen]. Und ich glaub […] es [das Lernziel] verschiebt den Fokus auf Dinge [die man lernen möchte] gezielt nochmal.“ (IG)

„Mir hats vor allem dabei geholfen einen Fokus zu setzen, weil ja alles neu war und man viele verschiedene Sachen lernen kann, wenn man will. Und einfach so bisschen einen Fokus zu setzen, so ‘Das schaue ich mir jetzt mal genauer an‘ oder ‘Da achte ich jetzt zumindest einfach drauf bei jedem Patienten [sic!] das war glaube ich schon sinnvoll. Und würde ich, glaube ich, auch bei kommenden Famulaturen wieder so für mich machen, ja.“ (IG)

Wöchentliche Selbsteinschätzungen wurden als nützlich für die Reflexion und Selbstbeobachtung angesehen. Die Studierenden bemerkten, dass dieser Prozess sie dazu ermutigte, auch in hektischer klinischer Umgebung Eigeninitiative zu zeigen.

„Ich habe [meinen Lehrer] gefragt: „Okay, das sind meine Lernziele […], was kann ich noch lernen?““ (IG)

Im Gegensatz dazu äußerten Studierende der KG, die nicht an FamuPlus teilgenommen hatten, Unsicherheit darüber, wie sie ihre Lernergebnissee während der Famulaturen definieren oder priorisieren sollten. Mehrere von ihnen gaben an, dass es für ihre Praktika hilfreich gewesen wäre, die Lernergebnisse im Voraus festzulegen und mit den klinischen Lehrkräften zu besprechen.

„Ich habe während dem Gespräch erkannt, dass es nützlich wäre, vor meiner nächsten Famulatur, eigene Lernziele zu entwerfen und zu kommunizieren.“ (KG)

3.3. Wahrgenommene Effekte auf die klinische Lehre

Die Studierenden stellten fest, dass FamuPlus die Kommunikation mit ihren klinischen Lehrpersonen positiv beeinflusste. Diese schienen sich der individuellen Bedürfnisse der Studierenden bewusster zu werden und reagierten gezielter, um sie zu unterstützen. Zudem gaben alle Teilnehmenden der IG an, eine fest zugewiesene Ansprechperson zu haben, während dies bei nur drei der sieben Studierenden der Kontrollgruppe der Fall war.

„[Er hat] immer wieder […] gesagt, „Ach ja, das ist doch eins deiner Lernziele, mach das doch mal!““ (IG)

3.4. Identifizierte Herausforderung und Limitationen der Lernergebnisse

Einigen Teilnehmenden fiel es schwer, messbare Ergebnisse zu formulieren, insbesondere wenn es um affektive oder einstellungsbezogene Lernergebnisse ging. Empathie und patient:innenorientierte Haltung sahen einige Studierende als nicht explizit „erlernbar“ an, während andere solche Lernergebnisse als wichtige Erinnerung an den menschlichen Aspekt der klinischen Versorgung betrachteten.

„Also, das mit dem Aufschreiben [von Lernergebnissen] find ich auch gut und das drüber nachdenken, aber quantifizieren fand ich schwierig.“ (IG)

„[…] Ich glaube, es [die Formulierung von Lernzielen] ist etwas, das man lernen kann, wahrscheinlich mit der Zeit. Ich denke es ist mehr Erfahrungssache. Ich bin nicht sicher, ob mir ein Arzt [sic!] das [patient:innenenzentrierte Arbeiten und Empathie] wirklich direkt lernen kann; ich glaub es ist mehr intuitiv, durch Erfahrung.“ (IG)

„[…] Ich bin jemand […], der dazu neigt, zwischenmenschliche Aspekte intuitiv zu integrieren und auch ein bisschen zu reflektieren […]. Aber ich finde es trotzdem gut, sie einfach aufzuschreiben und bewusst an sie zu denken.“ (IG)

4. Diskussion

Das FamuPlus-Projekt wurde konzipiert, um einen strukturierten und zugleich flexiblen Rahmen für SOL während Famulaturen zu schaffen. Die Pilotphase hat gezeigt, dass die Unterstützung der Studierenden bei der Formulierung und Reflexion ihrer eigenen Lernergebnisse ihre Eigenständigkeit, Fokus und ihr Engagement in der klinischen Ausbildung stärken kann. Studierende, die an FamuPlus teilnahmen, berichteten von einem stärkeren Verantwortungsbewusstsein für ihr Lernen und fühlten sich besser in der Lage, sinnvolle Lernmöglichkeiten einzufordern. Dies steht im Einklang mit früheren Erkenntnissen, wonach klar definierte Lernergebnisse die Motivation, Fokus und Unterrichtsqualität im klinischen Umfeld verbessern können [2], [9]. Durch die Einführung einer strukturierten Entwicklung von Lernergebnissen als vorbereitende Maßnahme ermutigte FamuPlus die Studierenden, ihre Famulatur mit einem bewussteren Lernplan zu beginnen und ihre eigenen Fortschritte zu bewerten. Eine wichtige Erkenntnis aus dem Projekt war, dass selbst minimale strukturelle Unterstützung, wie ein kurzes Online-Modul und eine einfache Vorlage zur Gestaltung von Lernergebnissen, einen bedeutenden Unterschied bewirken kann. Die Studierenden schienen den Prozess der Entwicklung von erwünschten Lernergebnissen ebenso zu schätzen, wie deren Erreichung. Das Reflektieren ihrer Lernergebnisse führte zu einem kontinuierlichen Dialog mit den klinischen Lehrkräften und half den Studierenden, ihre Lernbedürfnisse selbstbewusster zu artikulieren.

Es zeigten sich jedoch einige Herausforderungen. Einige Teilnehmende hatten Schwierigkeiten, messbare oder zeitgebundene Lernergebnisse gemäß des SMART Modells zu formulieren, insbesondere im Hinblick auf affektive Lernergebnisse (z.B. Empathie, Kommunikation mit Patient:innen). Diese Schwierigkeit wurde auch in früheren Studien bereits beschrieben [10], [15]. Die Definition messbarer Lernergebnisse ermöglicht es den Studierenden, ihren eigenen Fortschritt zu bewerten und zu reflektieren. Dennoch könnten die Ergebnisse darauf hindeuten, dass die SMART-Kriterien zwar eine hilfreiche Struktur bieten, jedoch nicht universell auf alle Bereiche des medizinischen Lernens anwendbar sind – insbesondere nicht auf Bereiche, die berufliche Werte oder zwischenmenschliche Kompetenzen betreffen. Folglich sollte das Online-Modul einen stärkeren Schwerpunkt darauf legen, die Definition und Operationalisierung solcher komplexen, affektiven Lernergebnisse zu veranschaulichen, unter Verwendung konkreter Beispiele, Reflexionsanregungen oder angepasster Rahmenkonzepte, wie es in der aktuellen pädagogischen Literatur vorgeschlagen wird [16], [17].

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem FamuPlus-Pilotprojekt betrifft die Beziehung zwischen Studierenden und ihren klinischen Lehrkräften. Die Studierenden berichteten, dass ihre zugewiesenen klinisch Lehrenden ihren Lernbedürfnissen mehr Aufmerksamkeit schenkten, wenn die gewünschten Ergebnisse explizit kommuniziert wurden. Dies stützt frühere Erkenntnisse, wonach Klarheit der Studierenden über die Lernergebnisse das Engagement und das Lehrverhalten der Betreuenden positiv beeinflussen kann [9]. Somit kann FamuPlus nicht nur als Instrument zur Unterstützung der Studierenden dienen, sondern auch als leicht zugängliche Maßnahme zur Lehrkräfteentwicklung, in dem es die klinisch Lehrenden für die Bedürfnisse der Studierenden sensibilisiert. Es wäre daher sinnvoll, in zukünftigen Iterationen des Projektes die Einbeziehung der Lehrenden vor Ort in Betracht zu ziehen, beispielsweise in (separaten) Fokusgruppendiskussionen.

Bezogen auf das Thema des Einflusses der Lehrenden-Studierenden-Beziehung sollte eine wichtige Einschränkung dieses Pilotprojekts berücksichtigt werden: Die Intervention umfasste mehrere Komponenten, die sich möglicherweise auf unterschiedliche Weise auf SOL ausgewirkt haben. Aufgrund der Art der Umsetzung wurden diese Elemente jedoch bisher nicht separat ausgewertet. Die Untersuchung dieses Aspekts könnte wertvolle Erkenntnisse liefern und sollte in künftigen Forschungsarbeiten berücksichtigt werden.

Zwar fiel das qualitative Feedback durchwegs positiv aus, doch die Interventionsgruppe umfasste wahrscheinlich besonders motivierte Studierende, die freiwillig an einem auf die Allgemeinmedizin ausgerichteten Mentoringprogramm teilnahmen. Daher sollten die beobachteten Effekte mit Vorsicht interpretiert werden und lassen sich möglicherweise nicht uneingeschränkt auf alle Medizinstudierenden übertragen. Zukünftige Studien sollten eine breitere und vielschichtige Teilnehmendengruppe einbeziehen, um diese Erfahrungen zu validieren und langfristige Auswirkungen auf SOL zu untersuchen. Ein weiterer hervorzuhebender Aspekt ist, dass die Gestaltung eigener Lernergebnisse durch die Studierenden zu einer unvollständigen Abdeckung des Lehrplans führen kann. Derzeit gibt es an deutschen medizinischen Fakultäten keinen Lehrplan für Famulaturen, es könnte jedoch in Zukunft notwendig sein, durch einen übergreifenden Ansatz ein gewisses Maß an externer Anleitung zu ergänzen. Abschließend verdient die Umsetzbarkeit des onlinebasierten Ansatzes Beachtung. Angesichts der wachsenden Anzahl von Medizinstudierenden sind skalierbare und ressourceneffiziente Interventionen erforderlich. Frühere Studien legen nahe, dass Online-Schulungen in der medizinischen Grundausbildung ebenso effektiv sein können wie Präsenzunterricht [18]. Die Erfahrungen mit FamuPlus stützen diese Annahme und zeigen, dass Online-Komponenten wichtige Lernkonzepte erfolgreich vermitteln können, ohne die Lehrkräfte zusätzlich zu belasten. Weitere Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt betreffen die praktischen Anforderungen an dessen Gestaltung. Dies gilt insbesondere für den Arbeitsaufwand im Zusammenhang mit der Durchführung von Fokusgruppendiskussionen und der technischen Integration der von den Studierenden formulierten Lernergebnisse in eine digitale Plattform zur wöchentlichen Selbstreflexion. Angesichts der geringen Stichprobengröße wurden die Lernergebnisse manuell übertragen; bei der Umsetzung in größerem Umfang würde dieser Ansatz jedoch zu einer untragbaren Arbeitsbelastung führen. Zukünftige Iterationen des Projekts werden diese Prozesse daher rationalisieren, indem sie es den Studierenden ermöglichen, ihre Lernergebnisse direkt auf einer universitären Online-Plattform zu formulieren und zu dokumentieren. Dort kann der Fortschritt innerhalb derselben digitalen Schnittstelle überwacht werden. Darüber hinaus werden Möglichkeiten zum Austausch unter Studierenden ohne formelle Moderation (als Ersatz für Fokusgruppendiskussionen) integriert, um den organisatorischen Aufwand zu reduzieren und gleichzeitig den reflektierenden Dialog zu erhalten.

Insgesamt verdeutlicht das Projekt das Potenzial der Einbindung strukturierter, von den Studierenden selbst definierter, Lernergebnisse in den flexiblen Rahmen von Famulaturen. Dieser Ansatz fördert das aktive Engagement, regt zur Reflexion an und stärkt die Lehrenden-Studierenden-Beziehung, allesamt Schlüsselkomponenten von SOL und der lebenslangen beruflichen Weiterentwicklung. Die FamuPlus-Erfahrung wurde als motivierende und wertvolle Bereicherung der Famulatur wahrgenommen, wobei die Studierenden von einem stärkeren Gefühl der Eigenverantwortung für ihren Lernprozess, einer klaren Struktur und einer verbesserten Reflexion über ihre persönlichen Fortschritte berichten.

5. Schlussfolgerung

Das FamuPlus-Projekt hat gezeigt, dass die Unterstützung von Medizinstudierenden bei der Formulierung und Reflexion ihrer eigenen Lernergebnisse das SOL während Famulaturen fördern kann. Die Kombination aus einer kurzen vorbereitenden Schulung, einer strukturierten Lernergebnis-Entwicklung und Gesprächen mit den klinischen Lehrkräften half den Studierenden, ihre Lernerfahrungen zielgerichteter und selbstbewusster zu gestalten, und schärfte gleichzeitig das Bewusstsein der Lehrkräfte für individuelle Lernbedürfnisse. Obwohl die Definition messbarer Lernergebnisse, insbesondere im affektiven Bereich, weiterhin einer Herausforderung darstellt, kann FamuPlus sowohl für Studierende als auch für Lehrende ein praktikabler und motivierender Ansatz sein. Trotz der Tatsache, dass das Pilotprojekt eine kleine Kohorte von vermutlich hochmotivierten Studierenden umfasste und die verschiedenen Komponenten des Projekts einer weiteren, getrennten Evaluation bedürfen, deuten die Ergebnisse auf positive Auswirkungen auf das SOL der Medizinstudierenden hin. Zukünftige Projektphasen werden auf diesen Erkenntnissen aufbauen, indem die Schulungsmaterialen verfeinert, die Teilnahme auf größere Studierendengruppen ausgeweitet und untersucht wird, wie ähnliche zielorientierte Rahmenkonzepte in anderen Phasen der medizinischen Ausbildung umgesetzt werden können. Auf diese Weise kann FamuPlus möglicherweise zur weiteren Entwicklung strukturierter, lernendenzentrierter Ansätze in der klinischen Ausbildung beitragen und die Förderung von Kompetenzen für lebenslanges Lernen unterstützen, die für die moderne medizinische Praxis unerlässlich sind.

Anmerkungen

Ethikvotum und Einwilligung zur Teilnahme

Die ethische Unbedenklichkeit für dieses Projekt wurde von der Ethikkommission der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erteilt (22-28-S). Vor der Teilnahme wurde von allen Teilnehmenden eine schriftliche Einwilligung nach Aufklärung eingeholt. Alle Daten wurden anonymisiert und gemäß der institutionellen und ethischen Standards behandelt.

Verfügbarkeit von Daten und Materialien

Die im Rahmen dieses Projekts generierten und analysierten qualitativen Daten sind auf begründete Anfrage beim korrespondierenden Autor erhältlich. Aufgrund der Sensibilität der Transkripte der Fokusgruppen können die vollständigen Daten zum Schutz der Vertraulichkeit der Teilnehmenden nicht öffentlich zugänglich gemacht werden.

Finanzierung

Diese Arbeit erhielt keine externe Finanzierung. Das FamuPlus-Projekt wurde im Rahmen einer Bildungsentwicklungsinitiative am Institut für Allgemeinmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt und umgesetzt.

Beiträge der Autor*innen

RK und BE teilen sich die Letzt-Autorenschaft.

AP und RK konzipierten das FamuPlus-Projekt und führten die Fokusgruppendiskussionen durch. RK entwarf das Online-Training. AP analysierte die Daten und verfasste das Manuskript. TB und TK leisteten kritische Überprüfung und methodische Anleitung. SH trug zum pädagogischen Rahmen, zur Manuskriptredaktion sowie zur Datenverwaltung und -analyse bei. BE übernahm die Supervision, methodische Anleitung und kritische Überprüfung und unterstützte die Datenanalyse. Alle Autoren stimmen der Veröffentlichung zu.

Die vorliegende Arbeit wurde als Teil der Anforderungen für den Erwerb des akademischen Grades „Dr. med.“ erstellt.

ORCIDs der Autor*innen

Danksagung

Die Autor*innen danken allen teilnehmenden Studierenden und klinischen Lehrkräften für ihre Zeit, ihr Engagement und ihr wertvolles Feedback während der Pilotphase von FamuPlus.

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


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Anhänge

Anhang 1Leitfaden Interview während der zweiten Famulaturwoche (Anhang_1.pdf, application/pdf, 104.71 KBytes)
Anhang 2Leitfaden Fokusgruppendiskussionen (Anhang_2.pdf, application/pdf, 105.44 KBytes)