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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

2366-5017


Dies ist die deutsche Version des Artikels. Die englische Version finden Sie hier.
Kommentar
Perspektiven

[Eine bildungspsychologische Perspektive auf die medizinische Ausbildungsforschung]

 Evelyn Steinberg 1
Matthias Stadler 2

1 Veterinärmedizinische Universität Wien, Vizerektorat für Lehre und klinische Veterinärmedizin, Wien, Österreich
2 LMU Klinikum, Ludwig-Maximilians-Universität, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Der Fokus der Bildungsforschung hat sich vom Lehren zum Lernen verschoben. Psychologische Theorien und Methoden zum studentischen Lernen finden zunehmend Anwendung in der Erforschung der Aus-, Weiter- und Fortbildung in den Gesundheitsberufen (kurz: Ausbildungsforschung). Dieser Transfer bringt jedoch verschiedene Herausforderungen mit sich.

Zentrale Aussagen: Die erste Herausforderung betrifft die theoretischen Grundlagen der medizinischen Ausbildungsforschung. Aufgrund unterschiedlicher Schreibkonventionen in der Psychologie und in der Medizin werden die theoretischen Grundlagen häufig nicht ausreichend dargestellt. Die zweite Herausforderung ist die Umsetzung effektiver Studiendesigns. Die Ausbildungsforschung konzentriert sich häufig auf die Verbesserung der Lehre in einzelnen Einrichtungen während für die Verallgemeinerung von Ergebnissen eine breitere Datenbasis erforderlich ist. Zudem haben Ausbildungsforscher:innen häufig keine psychologische Ausbildung, was zu Missverständnissen bezüglich theoretischer Grundlagen oder unpräzisen Studiendesigns führen kann. Die dritte Herausforderung ist der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Lehre. In der Gesundheitsversorgung ist es selbstverständlich, evidenzbasiert zu arbeiten. In der Lehre hingegen spielt die Evidenzbasierung noch keine große Rolle. Um all diesen Herausforderungen zu begegnen sind institutionelle (z.B. Ressourcen, flexible Curricula) und kollaborative (z.B. interdisziplinäre Netzwerke) Bemühungen nötig.

Schlussfolgerung: Die Integration der Bildungspsychologie in die Ausbildungsforschung ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und evidenzbasierte Ansätze sind entscheidend, um diese Hürden zu überwinden und nachhaltige Verbesserungen in der Lehre zu ermöglichen.


Schlüsselwörter

Bildungspsychologie, gesundheitswissenschaftliche Ausbildungsforschung, Lernen, interdisziplinäre Forschung

Kommentar

Der Übergang von der lehrerzentrierten zu einer studierendenzentrierten Hochschulbildung impliziert eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von der Lehrforschung zur Lernforschung Damit rücken Studierende und ihr Lernen in den Mittelpunkt. Die Bildungspsychologie liefert Theorien, Forschungsdesigns und praktische Ansatzpunkte zum studentischen Lernen, die in der Erforschung der Aus-, Weiter- und Fortbildung in den Gesundheitsberufen (kurz: medizinische Ausbildungsforschung) aufgegriffen werden können. Allerdings existieren einige Herausforderungen, wenn es darum geht, Theorien, Forschungsdesigns und praktische Ansätze der Bildungspsychologie auf die Ausbildungsforschung zu übertragen. Dies gilt für verschiedene Forschungsbereiche, wie beispielsweise das selbstregulierte Lernen oder die kognitive Belastung, um nur zwei Beispiele zu nennen [1], [2].

Die erste Herausforderung betrifft die adäquate Beschreibung der theoretischen Grundlagen und Konzepte in Manuskripten [2], [3]. Das hat zum einen mit den unterschiedlichen Schreibkonventionen in der Medizin und in der Psychologie zu tun. Während die in der Psychologie gängigen Vorgaben der American Psychological Association eine detaillierte Darstellung des theoretischen Hintergrundes verlangen [4], bevorzugt die American Medical Association (AMA) eine prägnante und auf praktische Relevanz fokussierte Einleitung [5]. Das hat zur Konsequenz, dass psychologische Theorien in Fachzeitschriften, die kurze Einleitungen und ein strenge Wort-Obergrenze vorschreiben, nur stark verkürzt beschrieben werden können (z.B. bildet die Theorie zum selbstregulierten Lernen komplexe Prozesse inklusive kognitiver, motivationaler und emotionaler Aspekte ab). Zum anderen haben Ausbildungsforscher*innen häufig eine medizinischen und keinen psychologischen oder sozialwissenschaftlichen Hintergrund [6]. Beides macht den Transfer psychologischer Konzepte in die medizinische Ausbildungsforschung schwierig und kann zur unpräzisen Verwendung von Fachbegriffen und Definitionen sowie zu Missverständnissen führen (z. B. das Missverständnis, eine geringere kognitive Belastung sei immer vorteilhaft für das Lernen [1]). Um diese Herausforderungen zu überwinden, können Forscher*innen interdisziplinär zusammenarbeiten und theoretisch abgeleitete Argumente in praktische Überlegungen integrieren. Herausgeber*innen können theoretische Grundlagen priorisieren, längere Manuskripte zulassen und auf theoretisch fundiertes Feedback von Gutachter*innen achten. Gutachter*innen können interdisziplinäre Arbeiten und Theorien wertschätzen.

Die zweite Herausforderung ist die Implementierung effektiver Studiendesigns [1]. Medizinische Ausbildungsforschung fokussiert in der Regel auf die Optimierung der Lehre an der eigenen Institution. Die Generierung verallgemeinerbarer Ergebnisse erfordert allerdings häufig die Analyse von Daten aus mehreren Institutionen. Zudem gestaltet sich die Implementierung von Studiendesigns, welche für die Ausbildungsforschung essenziell sind, wie beispielsweise Experimente, oftmals schwierig. Dies ist auf ein mangelndes institutionelles Interesse an Ausbildungsforschung, eingeschränkte Ressourcen, unflexible Curricula und zeitliche Restriktionen zurückzuführen. Nicht zuletzt kann auch hier eine fehlende sozialwissenschaftliche Ausbildung zu Schwierigkeiten bei der Gestaltung des Studiendesigns führen. Um den Herausforderungen zu begegnen, braucht es sowohl institutionelle als auch kollaborative Bemühungen. Institutionen können Ressourcen zur Verfügung stellen, eine für Ausbildungsforschung förderliche Kultur etablieren und flexiblere Curricula zulassen (z.B. durch freie Wahlfächer, die Forschung und Innovation in der Lehre ermöglichen). Die Implementierung eines interinstitutionellen und interdisziplinären Netzwerks von geschulten Wissenschaftler*innen, die sich an definierten methodische Standards orientieren, ist wünschenswert. Das Netzwerk kann nicht nur den Aufbau von Kompetenz in der Ausbildungsforschung fördern, sondern auch genutzt werden, um sich gegenseitig bei der Datenerhebung zu unterstützen oder von vornherein gemeinsame Projekte zu initiieren. Eine Kooperation mit Implementierungswissenschaftler*inen ist dabei empfehlenswert, um die Entwicklung von Strategien zu gewährleisten, die präzise auf die spezifischen Anforderungen der betreffenden Einrichtungen zugeschnitten sind.

Die dritte Herausforderung betrifft den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. In der Gesundheitsversorgung ist die evidenzbasierte Arbeitsweise eine Selbstverständlichkeit. In der Lehre hingegen spielt die Evidenzbasierung gegenwärtig noch keine signifikante Rolle. Lehrende stehen häufig vor der Herausforderung, neben ihren vielfältigen Aufgaben – darunter Forschung sowie klinische, administrative und lehrbezogene Tätigkeiten [1] – ausreichend Zeit für ihre eigene Weiterbildung zu finden. Zur Bewältigung dieser Herausforderung gibt es verschiedene Ansätze. Besonders hervorzuheben ist die Rolle von Qualitätssicherungsagenturen und Ministerien, die in einer idealen Position sind, um verbindliche Vorgaben für die Ausbildung der Lehrenden zu erlassen. Ein prominentes Beispiel ist die kürzlich eingeführte Regelung für das Training von Lehrenden der Veterinärmedizin, erlassen von der European Association of Establishments for Veterinary Education.

Zusammenfassend stellt der Übergang zu einem stärker studierendenzentrierten Ansatz in der Hochschulbildung erhebliche Herausforderungen dar, insbesondere im Hinblick auf die Integration der Bildungspsychologie in die Gesundheitswissenschaften. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert eine interdisziplinäre und kollaborative Herangehensweise, die fundierte theoretische Ansätze, unterstützende institutionelle Richtlinien und effektive Studiendesigns einbezieht. Solche Maßnahmen tragen nicht nur zur besseren Generalisierbarkeit von Forschungsergebnissen bei, sondern gewährleisten auch die praktische Anwendbarkeit und Nachhaltigkeit bildungsbezogener Innovationen. Durch die Stärkung der Verknüpfung von Forschung, bildungspolitischen Strategien und Praxis kann sich das Feld weiterentwickeln, um den Anforderungen von Lehrenden und Lernenden in einer sich schnell wandelnden Bildungslandschaft gerecht zu werden.

Förderung

Diese Forschung wurde teilweise durch den Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanziert (P- 33913 G).

ORCIDs der Autor*innen

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

[1] Leppink J, van den Heuvel A. The evolution of cognitive load theory and its application to medical education. Perspect Med Educ. 2015;4(3):119-127. DOI: 10.1007/s40037-015-0192-x
[2] van Houten-Schat MA, Berkhout JJ, van Dijk N, Endedijk MD, Jaarsma AD, Diemers AD. Self-regulated learning in the clinical context: a systematic review. Med Educ. 2018;52(10):1008-1015. DOI: 10.1111/medu.13615
[3] Albert M, Hodges B, Regehr G. Research in medical education: balancing service and science. Adv Health Sci Educ Theory Pract. 2007;12(1):103-115. DOI: 10.1007/s10459-006-9026-2
[4] American Psychological Association. Publication manual of the American Psychological Association: The official guide to APA style. Seventh edition. Washington, DC: American Psychological Association; 2020.
[5] AMA Manual of Style: A Guide for Authors and Editors. 11. Edition. New York: Oxford University Press; 2020. DOI: 10.1093/jama/9780190246556.001.0001
[6] Albert M, Rowland P, Friesen F, Laberge S. Interdisciplinarity in medical education research: myth and reality. Adv Health Sci Educ Theory Pract. 2020;25(5):1243-1253. DOI: 10.1007/s10459-020-09977-8