[Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien: Ein Methodenkonzept für viele Anwendungsfelder]
Pia Natalie Gadewoltz 1,21 Universität Bielefeld, Medizinische Fakultät OWL, Referat Studium und Lehre, Bielefeld, Deutschland
2 Universität Osnabrück, Institut für Gesundheitsforschung und Bildung (IGB), Fachbereich Humanwissenschaften, Osnabrück, Deutschland
Zusammenfassung
Der Artikel stellt das „Forschungsprogramm Subjektive Theorien“ (FST) vor, das in den 1980er Jahren entwickelt wurde, um individuelle Denkprozesse systematisch zu erforschen. Im Fokus stehen „Subjektive Theorien“ – stabile, strukturierte Überzeugungssysteme, die wie wissenschaftliche Theorien funktionieren, aber weniger formalisiert sind. Zentral im FST ist die dialogische Rekonstruktion solcher Theorien durch den Austausch zwischen Forschenden und Befragten, was zu authentischen Einblicken und Reflexion der Denkprozesse führt. Die Methode der „Struktur-Lege-Sitzung“ rekonstruiert und visualisiert diese Prozesse. Das FST hat sich über die Jahre weiterentwickelt, wird heute von der Forschung bis zur Bildung vielfältig genutzt und erweitert auch die Vielfalt der Forschungsansätze in der medizinischen Ausbildungsforschung.
Der Artikel fokussiert in einer verdichteten Form die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und forschungsmethodischen Hintergründe des FST und bietet auf dieser Basis einen Überblick für die ersten Schritte zur theoriebasierten Anwendung der Forschungsmethodik.
Schlüsselwörter
subjektive Theorien, kommunikative Validierung, Dialog-Konsens-Verfahren, Struktur-Lege-Sitzung, qualitative Forschung, Interview
1. Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien
1988 führten Groeben et al. das in der deutschsprachigen Psychologie und Erziehungswissenschaft entwickelte „Forschungsprogramm Subjektive Theorien“ (FST) ein, das zum einen spezifische, strukturierende Konzepte beschreibt, zum anderen eine auf den Schlüsselkonzepten begründete eigene Forschungsmethodik integriert. Das FST stellt eine geeignete Methode für die Ausbildungsforschung in den Gesundheitsberufen dar, da es eine fundierte Analyse und Bewertung der subjektorientierten Sicht auf Lehr- und Lernprozesse ermöglicht. Dieser Artikel bietet einen einführenden Überblick (für eine ausführliche Beschreibung der Methode im Kontext interprofessioneller Lehre siehe [1]).
Anwendung findet das FST vor allem in der Bildungsforschung, aber auch in der psychologischen Grundlagenforschung, in Bereichen der pädagogischen und klinischen Psychologie sowie in angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen [2], wie den Wirtschaftswissenschaften, Gesundheitswissenschaften, der Technikforschung und eben auch der Ausbildungsforschung mit Blick auf gesundheitsbezogene Berufe [3], [4], [5], [6], [7], [8], [9]. Das Potenzial für den Anwendungsbezug des FST zeigt sich u. a. am Beispiel der interprofessionellen Ausbildung (siehe Kapitel 4). Das FST ist somit ein vielseitiges Werkzeug zur Untersuchung von Bildungsprozessen. Zudem bietet die Methodik eine Möglichkeit, wertvolle Impulse in das beforschte Feld zu geben und reflexive, didaktische und evaluative Prozesse zu unterstützen (siehe Kapitel 5).
Die Methodik des FST erlaubt es, individuelle Vorstellungen und handlungsleitende Denkprozesse als sogenannte Subjektive Theorien zu rekonstruieren [3]. Die Proband*innen gelten dabei als mündige und im Forschungsprozess gleichwertige Personen, denen die Fähigkeit zu vernunftgeleiteten und zielgerichteten Handlungen zugesprochen wird, die in kommunikativen Prozessen benannt und erläutert werden können [4]. Voraussetzung dieses „epistemologischen Subjektmodells“ [3] ist eine gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Beteiligten.
„Subjektive Theorien“ (ST) sind komplexe, relativ stabile und beständige Kognitionen über das Selbst und die Weltsicht. Sie sind hochgradig individuell und weisen zumindest eine implizite, argumentative Struktur auf. Sie haben auch für das Subjekt erklärende und/oder vorhersagende Funktionen, die von der allgemeinen Orientierung, der Erklärung vergangener Erlebnisse oder der Vorhersage zukünftiger Ereignisse bis hin zur komplexen Handlungssteuerung reichen [10]. ST sind meist rational und verbalisierbar und weisen im Vergleich zu Überzeugungen oder „Beliefs“ [11] ein deutlich höheres Maß an Konsistenz und an dem Bewusstsein zugänglichen Kognitionen auf. Überzeugungen beruhen zwar auch auf eigenen Bewertungen und Beurteilungen [12], müssen aber nicht in sich schlüssig sein, dürfen sogar zum tatsächlichen Verhalten inkonsistent sein [13]. ST werden sowohl in ihrer Struktur als auch in ihrer Funktion als analog zu wissenschaftlichen Theorien verstanden, wobei sie nicht über deren Intersubjektivität und Explizitheit verfügen. Im Vergleich zu wissenschaftlichen Theorien ist die Kohärenz von ST eingeschränkt, denn sie müssen unter bestimmten Umständen schnelle Reaktionen ermöglichen, brauchen dafür aber nicht Gegenstand ausführlicher Diskussionen oder Bewertungen sein [10].
Das FST geht davon aus, dass Personen grundsätzlich zur reflexiven Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt fähig sind und zu handlungsleitenden Einsichten gelangen können [2], [10]. Eine Einteilung der ST bezieht sich, dem Umfang ihrer Wirkung entsprechend, auf ihre Reichweite: ST geringer Reichweite sind durch Vorstellungen konkreter Handlungsabfolgen gekennzeichnet, z. B. konkrete Reaktionen auf das Verhalten von Personen oder Gruppen [2], [14]. Die individuellen, kognitiven Konstrukte beziehen sich hier auf Prozesse und Strukturen, die Handlungen erklären, steuern oder leiten. Bei ST mittlerer und großer Reichweite setzen die Vorstellungen nicht mehr an den eindeutigen Handlungssequenzen an, sondern sind auf (umfangreichere) theoretische Konzepte bezogen (z. B. Hypothesen und Argumentationsstrukturen auf einer weniger konkreten Vorstellungsebene). Die Fähigkeit sich reflexiv, strukturparallel zum wissenschaftlichen Theoretisieren, erklärend und handlungsleitend mit der eigenen Kognition zu beschäftigen, führt zur Menschenbildannahme, die für das FST und die Forschungsmethodik maßgeblich ist.
2. Das Fundament: Grundannahmen und Methodik des Forschungsprogramms Subjektive Theorien
2.1. Grundannahmen und Grundbegriffe des FST
Ein Menschenbild, das sich durch „Intentionalität, Reflexivität, potentielle Rationalität und sprachliche Kommunikationsfähigkeit“ auszeichnet und demzufolge Menschen als „handelnde Subjekte“ [15] betrachtet, ist für das FST grundlegend. Demnach wird das eigene Handeln nicht nur mit Blick auf Zielsetzungen, Begründungen und Strukturen durchdacht, sondern kann ebenso kommunikativ mitgeteilt werden. Die zu beforschenden Personen (Erkenntnis-Objekte) besitzen also eine kommunizierbare Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit, die hier zu Forschungszwecken genutzt wird, aber auch Einfluss auf den Forschungsprozess selbst hat [15]. Für das FST ist grundlegend, dass der Mensch als handelndes Subjekt im Zentrum der Betrachtung steht. Darüber hinaus ist die Abgrenzung der Begriffe „Verhalten“ und „Handeln“ wichtig. Verhalten kann angelehnt an den Behaviorismus auch ohne Reflexion erfolgen, wobei Menschen dabei unter dem Einfluss von Umweltreizen stehen [3]. Dem gegenüber ist Handeln planvoll und zielgerichtet, durch das Kernmerkmal der Absichtlichkeit gekennzeichnet und wird als eine Unterebene von Verhalten betrachtet [16], [17]. Die den Handlungen zugrundeliegenden Denkprozesse sind von außen nicht unmittelbar sichtbar, aber durch sprachliche Kommunikation der Innensicht und den Austausch darüber darstellbar. Das ermöglicht den Abgleich vom Verständnis der Forschenden mit dem der Beforschten, was im FST als „Dialog-Konsens“ beschrieben wird [3]. Die wechselseitige Abhängigkeit von Forschungsgegenstand und Forschungsmethode war für die Entwicklung des FST von großer Bedeutung [18], da angenommen werden muss, dass Forschung keine unverstellte, neutrale Möglichkeit hat, sich ihren Forschungsgegenstand zu erschließen. Dieser lässt sich nur mit den Optionen und Limitationen der gewählten Methode abbilden. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, wurde mit dem FST ein eigener Methodenansatz entwickelt, in den dieser Beitrag orientierend einführt.
2.2. Gegenstand der ST
Nach Groeben et al. wird die Außensicht des Beobachtenden und nicht die Selbstsicht des handelnden Subjekts abgebildet, wenn sich ausschließlich die Forschenden die Subjektiven Theorien des Erkenntnis-Objekts zu erschließen versuchen, beispielweise durch die Interpretation eines Interviews [10]. Die als wesentlich beschriebenen Merkmale des epistemologischen Subjektmodells würden so nicht genutzt. Wenn der Austausch mit dem Erkenntnis-Objekt außen vor bleibt, sprechen Groeben et al. von einem „monolog-hermeneutischen“ Vorgehen, das allenfalls verstehendes Beschreiben der Forschenden ermöglicht [10]. Die beforschten Erkenntnis-Objekte hingegen können über die Bedeutung der betreffenden Handlung sowie die internen Bedingungen und Ausgangspunkte Auskunft geben. Diese Selbstauskunft bezieht das zugrunde liegende Menschenbild als handelndes Subjekt mit ein und ermöglicht einen Zugang zur Handlungswirksamkeit [10].
2.3. Vorgehen im Forschungsprozess des FST
2.3.1. Kommunikative Validierung 1 – Erhebung und Aufbereitung kognitiver Inhalte
Die Forschungsmethodik des FST hat wie beschrieben einen spezifischen Fokus auf dem Dialog mit den Teilnehmenden. Eine Validierung wird daher nicht erst als Prüfung der Konsistenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse im späteren Forschungsprozess genutzt, sondern wird als kommunikative Validierung schon in der Datenerhebung umgesetzt.
Das FST geht nicht davon aus, dass Erkenntnis-Objekte in der Lage sind, unmittelbar und problemlos eine umfassende und verwendbare Beschreibung der reflektierten Innensicht ihrer Handlungen zu formulieren. Allerdings ist es gerade ein Anliegen und programmatischer Anspruch des FST, die Fähigkeit zu Reflexivität, Rationalität und Äußerung der Erkenntnis-Objekte abzubilden sowie diese aktiv einzubeziehen. Dass die Forschenden die Beschreibungen der Innensicht angemessen verstehen und einordnen, wird sichergestellt, indem die Rekonstruktion der ST im Dialog, also in einem gemeinsamen argumentativen Vorgehen erfolgt. Diese Form des Dialogs wird als „kommunikative Validierung“ bezeichnet [10]. Dabei werden bei der Rekonstruktion der ST eigene Formulierungen des Erkenntnis-Objekts verwendet und die Forschenden passen sich an den Sprachgebrauch der Beforschten an. Die Versuchspersonen nehmen Einfluss auf den Forschungsprozess und bewerten, ob die formulierte Innensicht adäquat abgebildet ist. Die Forschenden erlangen so ein deskriptives Konstrukt der ST, das einer wissenschaftlichen Auswertung zugänglich ist. Das „dialog-konsenstheoretische Wahrheitskriterium“ wird dem FST folgend sichergestellt, indem der „(…) Aussage des Erkenntnis-Objekts das größere Gewicht [beigemessen wird], um sicherzustellen, dass das Rekonstruktionsresultat auch wirklich seiner Innensicht entspricht“ [10], falls sich Forschende und Beforschte nicht einig sein sollten.
Die kommunikative Validierung stellt sicher, dass die internen Konstrukte und Denkprozesse der Untersuchungsperson von den Forschenden im Dialog-Konsens richtig verstanden und formuliert werden. Erst in einer zweiten Phase zeigt sich, ob diese ST auch eine valide Erklärung von Handlungen und psychologischen Phänomenen bietet: mit der „explanativen Validierung“ erfolgt die Überprüfung der rekonstruierten, deskriptiven Konstrukte der ST [3], [10]. Groeben et al. sprechen von der „Realitätsadäquanz“ des Konstrukts, die in einer zeitlich nachgelagerten, inhaltlich aber übergeordneten Forschungsphase überprüft wird [10]. Die Beobachtung des Verhaltens der Untersuchungsperson durch die Forschenden als außenstehende Personen soll die ST intersubjektiv sichern.
In der ersten Phase des FST wird also zunächst „dialog-hermeneutisch“ die ST erhoben, um diese dann durch das „Dialog-Konsens-Verfahren“ mit der Innenperspektive des Erkenntnis-Objekts abzusichern (kommunikative Validierung) und die Konstrukte zu beschreiben [10]. Um die Untersuchungspersonen nicht zu überfordern wird hier in zwei Schritten vorgegangen, zuerst werden die Kognitionsinhalte des Erkenntnis-Objektes in einem Interview erhoben. Um zum einen den Fragestellungen und Themen der Forschenden, zum andern aber auch den Kognitionsstrukturen der interviewten Person gerecht zu werden, sind hier halb-standardisierte Interview als Methode geeignet [3]. Der zugrunde gelegte Interview-Leitfaden soll dem FST zufolge so flexibel sein, dass im Interview ein möglichst natürlicher Gesprächsablauf entstehen und die Reihenfolge und Wortwahl an die Untersuchungsperson angepasst werden kann. Im Nachgang werden die Interviews von den Forschenden z. B. per Inhaltsanalyse ausgewertet und die resultierenden Konstrukte auf Karten gebracht (Konstruktkarten), um sie in einer sich anschließenden Strukturrekonstruktion aufzubereiten. Ergänzend werden Karten mit formalen Beziehungen und Bezügen erstellt (Strukturkarten), die z. B. Beschreibungen wie „ist gleich“, „ist ein Oberbegriff von“ oder „Wechselwirkungen“ beinhalten.
2.3.2. Kommunikative Validierung 2 – Erhebung struktureller Beziehungen der Inhalte
Dann folgt der zweite Schritt mit der Untersuchungsperson. In einer Struktur-Lege-Sitzung wird mit den Konstrukt- und Strukturkarten ein Strukturbild erstellt, das im Anschluss weiter analysiert wird [2], [10]. Dem ursprünglichen Vorgehend folgend erstellt die forschende Person im Vorfeld mit den Karten selbst ein Strukturbild. Das ermöglicht ein dialog-konsensuales Vorgehen in der anschließenden gemeinsamen Struktur-Lege-Sitzung: fortlaufend findet hier ein Abgleich zwischen den Kognitionen der Versuchspersonen und dem Verständnis der Forschenden statt, der am Ende zu einem kommunikativ validierten Konsens-Strukturbild führt [3]. Ein Ablaufschema dieses Vorgehens wird in Abbildung 1 [Abb. 1] dargestellt.
Abbildung 1: Ablaufschema Forschungsprogram Subjektive Theorien (eigene Darstellung in Anlehnung an Groeben et al. [10])
2.3.3. Explanative Validierung
Die empirische Überprüfung der deskriptiven Konstrukte und die Absicherung in Form „explanativer Konstrukte“ findet in der zweiten Phase der Methodik des FST statt (explanative Validierung) [10]. Dabei werden Beobachtungen aus der Außenperspektive vorgenommen. Zur explanativen Validierung werden drei Studienvarianten beschrieben: Korrelations-, Prognose- und Modifikationsstudien [2], [10]. In Korrelationsstudien werden Elemente der rekonstruierten ST mit Beobachtungsdaten in Bezug gesetzt, um Innen- und Außensicht zu korrelieren. Das Ausmaß der Korrelation wird dabei als Hinweis auf die explanative Validität gewertet. Prognosestudien überprüfen die Vorhersagekraft der rekonstruierten ST mit Blick auf das tatsächlich gezeigte Verhalten der beforschten Person und damit das, was Groeben et al. als „Realitätsadäquanz“ bezeichnen (siehe oben) [10]. In Modifikationsstudien wird darüber hinaus mit Modifikationsverfahren der ST gearbeitet und der Zusammenhang zwischen dem vorhergesagtem und dem tatsächlichen Verhalten in Verbindung mit den Modifikationen untersucht. Bei diesem Vorgehen ist die Güte der Vorhersage ein Anhaltspunkt für die explanative Validität [10]. Bei der Umsetzung weist die explanative Validierung methodologische Unschärfen auf und wird nicht zuletzt aufgrund des hohen Aufwands selten umgesetzt [4].
3. Methodik in Bewegung: Anpassung und Weiterentwicklung des FST
Durch Modifikation und methodische Anpassungen im Rahmen von Forschungsarbeiten wurde das FST weiterentwickelt [3], [14]. So kommen verschiedene Formen des bereits initial vorgeschlagenen halb-standardisierten Interviews zur Anwendung (z. B. das problemzentrierte Interview, das Experteninterview oder das episodische Interview), die sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung und formal mit Blick auf das Spektrum zwischen streng leitfadenbasierten und eher narrativen Interviews unterscheiden [10], [14]. Daneben stellen auch verschiedene Fragekategorien bzw. -formate wichtige Werkzeuge im Rahmen der Interviews dar [10]. Um Beschreibungen möglichst realitätsnah und konkret zu machen, können Fallbeispiele verwendet und/oder die Interviews nach einem Ereignis durchgeführt werden, auf das Bezug genommen werden soll [14]. Es können auch schriftliche Befragungen der Untersuchungsperson im Vorfeld erfolgen, um ein zielgerichtetes Frageverhalten im nachfolgenden Interview zu unterstützen [14].
Für die Aufbereitung der erhobenen Daten finden sich in der Regel zwei Vorgehensweisen: einerseits der ursprünglichen Programmatik des FST folgend die Analyse und Aufbereitung der Inhalte für eine sich anschließende Struktur-Lege-Sitzung, andererseits die vollständige Rekonstruktion der Subjektiven Theorien durch die Forschenden anhand des bereits vorliegenden Interviewmaterials [14]. Das zweite Vorgehen steht dabei im Widerspruch zum FST, da hier die Rückkopplung mit der interviewten Person im Dialog-Konsens-Verfahren fehlt und damit ein wesentlicher Teil ihrer Einflussnahme. In einer programmkonformen Abwandlung wiederum erfolgt eine verstärkte Einbindung der befragten Person, indem diese bereits während des Interviews tragende Begriffe für die Konzeptkarten selbst verschriftlicht [14]. Im FST ist methodisch nicht detailliert ausgeführt, wie die Extraktion der „wichtigsten Konzepte“ bei der Aufbereitung des Interviewmaterials für die Konzeptkarten durch die Forschenden erfolgt [10]. Eine Option für ein regelgeleitetes Vorgehen ist die von Kindermann beschriebene, an das FST angepasste Inhaltsanalyse [19].
Als zentraler Bestandteil der Methodik des FST ist die Struktur-Lege-Sitzung zu sehen, die nach Regeln abläuft, die a priori von den Forschenden definiert werden. Das Vorgehen soll hierbei einerseits den inhaltlichen Untersuchungsbereichen sowie den Forschungsfragen entsprechen, andererseits aber auch die Untersuchungspersonen dabei unterstützen, die Inhalte strukturell geordnet darzustellen, ohne selbst die Regeln für das Vorgehen generieren zu müssen [3]. Es wurden hierfür verschiedene Vorgehensweisen beschrieben [3], [10], [14], deren Ausführung allerdings den Rahmen dieses Artikels übersteigen würde.
Eine Reduktion der Anzahl der Konzeptkarten (meist 25-150) oder auch der Strukturkarten kann die Durchführung der Struktur-Lege-Sitzung vereinfachen [14]. Auch die Gestaltung der Konzeptkarten bietet Variationsmöglichkeiten, von Schlagworten über Halbsätze und Beispiele bis zu ganzen Sätzen oder Statements. In einigen Studien bewerteten die Untersuchungspersonen zusätzlich Einflussfaktoren mittels einer mehrstufigen Skala mit Blick auf hemmende und fördernde Faktoren. Des Weiteren können die Befragten das Strukturbild am Ende der Struktur-Lege-Sitzung in Teilen oder vollständig noch einmal kommentieren [14]. Dem FST folgend stellt das Strukturbild aus der Struktur-Lege-Sitzung die einzige Datengrundlage für die abschließende Analyse dar. Aktuelle Studien nutzen oft noch ergänzendes Datenmaterial, wie z. B. Kommentare der Untersuchungspersonen oder Inhalte aus den Interviews [14].
Die Verfahren zur Auswertung sind von qualitativen Ansätzen geprägt, bei denen zumeist rekonstruktiv-beschreibend vorgegangen wird. Dabei können die ST einzeln analysiert (idiografische Ebene) oder mehrere ST einer übergeordneten Betrachtung unterzogen werden (nomothetische Ebene). Zumeist erfolgt die Rekonstruktion individueller ST mittels inhaltsanalytischen Vorgehens. Bei einer übergeordneten, nomothetischen Analyse wird die individuelle Darstellung verlassen. Kontraste zwischen Strukturbildern erlauben vergleichende Analysen. Vereinzelt werden als sogenannte Modalstrukturen zusammenfassende Strukturanalysen von Gruppen entwickelt, die sich z. B. durch ihre Berufserfahrung unterscheiden [14]. Zum Teil ergeben sich die Unterschiede bei Erhebung und Analyse der ST durch die Nutzung unterschiedlicher Datenquellen, wobei unterschiedliche Fragestellungen unterschiedliche Ansätze bedingen können [14], was aber durchaus im Sinne des FST ist [3].
4. Von der Theorie zur Praxis: Die vielfältigen Anwendungsfelder des FST
Seinen Anfang nahm das FST in der allgemein- und sozialpsychologischen Grundlagenforschung mit Forschungsarbeiten über Ironie, Selbstständigkeit, Zivilcourage, Aggression bis hin zu Identitätsentwürfen und -prognosen [3]. Die Anwendung des FST zeigt allerdings einen erziehungswissenschaftlichen Schwerpunkt und ist vor allem in der Pädagogischen Psychologie verankert [4], [14], findet sich aber auch in anderen Forschungsfeldern, z. B. in anderen Teilbereichen der Psychologie, Fremdsprachendidaktik, Wirtschaftswissenschaften, Psychosomatik und der Technikforschung [3], [4] sowie in gesundheitswissenschaftlichen, pflegerischen und therapeutischen Bereichen [5], [6], [7], [8], [9].
Eine Übersicht über Forschungsarbeiten, die auf das FST Bezug nehmen, zeigte eine ausgeprägte Anwendungsorientierung, bei der Fragen nach Verbesserungen des Handelns von professionell Agierenden und deren pädagogischen, beraterischen oder medizinisch-therapeutischen Adressat*innen im Fokus stehen [4]. Andererseits können subjektive Theorien der Formulierung wissenschaftlicher Theorien dienen, vor allem, wenn diese noch wenig entwickelt sind, aber bereits viel Erfahrungswissen existiert.
Ein Forschungsbereich, für den sich das FST und seine Methodik anbieten, ist nicht zuletzt die interprofessionelle Lehre. Individuelle Denkstrukturen und Kognitionen beeinflussen die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Praxis und auch in der Lehre. Von großer Bedeutung ist dabei, was die Beteiligten voneinander wissen und übereinander denken, wenn sie beruflich miteinander agieren [20], [21]. Die Kenntnis der zugrundeliegenden, handlungsleitenden Denkstrukturen kann genutzt werden, um die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verbessern und bestehende Hemmnisse zu erklären. Der dem FST immanente Blick auf individuelle Kognitionen und die Zuschreibung der Fähigkeit zur (Selbst-)Erkenntnis der Untersuchungspersonen macht persönliche Perspektiven sichtbar und kann z. B. (Handlungs-)Begründungen und Argumentationsstrukturen darstellen [10], die dann für Veränderungen nutzbar werden. Für die Interprofessionelle Lehre wichtige Themen sind Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung die durch eine Forschungsmethode, die eine Gleichberechtigung der (inter-)agierenden Subjekte propagiert, Unterstützung erfahren könnten. Anstatt (im besten Sinne) über Personen oder Gruppen zu sprechen und zu entscheiden, wäre deren aktive Einbindung in den Forschungsprozess ein Vorgehen, das die Interaktion „auf Augenhöhe“ der agierenden Personen fördern und so als Beispiel der Gleichwertigkeit fungieren kann. Im Rahmen einer idealen und sicheren Gesprächssituation [10] kann das für die eigene ST bedeutsame Erleben der Untersuchungspersonen im Forschungsprozess dazu beitragen, bisher ungeklärte Probleme oder relevante Konstrukte besser zu verstehen. Im Rahmen der explanativen Validierung ließe sich dann bestätigen, ob und inwiefern sich die deskriptiven Konstrukte in der Realität bewahrheiten, also ob die im Dialog-Konsens-Verfahren beschriebenen ST wirklich zu den vermuteten Handlungen führen.
5. Mehr als nur Methode: Das FST als Schlüssel zu Erkenntnis und Reflexion
Das FST wurde als Forschungsmethode entwickelt und findet überwiegend als solche Verwendung. Die Methodik des FST kann aber nicht nur genutzt werden, um Forschungserkenntnisse zu generieren.
Die kommunikative Validierung im Rahmen des FST kann der Entwicklung von Lehre und Ausbildung dienen, da vor allem in der Struktur-Lege-Sitzung durch den angeleiteten reflexiven Prozess die Weiterentwicklung auf den Ebenen der Denkprozesse und Handlungsentscheidungen angeregt und unterstützt wird. So kann über den der Forschung immanenten erkenntnisgenerierenden Ansatz hinaus eine Wirkung in das beforschte Feld hinein erfolgen. Ermöglicht wird dies durch die Reflexivität des „handelnden Subjekts“, das über den kommunikativen Prozess mit den Forschenden die Aspekte der eigenen Handlung mit Zielsetzungen, Begründungen und Strukturen durchdenkt und Handlungen und Entscheidungen überprüfen kann [15]. In der Folge können die Untersuchungspersonen durch den reflexiven Prozess veranlasst werden, im weiteren Verlauf andere Entscheidungen zu treffen oder ihre Handlungen anzupassen.
Und auch als didaktische Methode ist die Rekonstruktion von ST nutzbar. So wurde das Struktur-Lege-Verfahren bereits als Unterrichtsmethode eingesetzt [22], [23], [24]. In einem Beispiel wurden Strukturlegepläne für Seminare genutzt, um Lehramtsstudierende Subjektive Theorien herausarbeiten zu lassen und so der Reflexion zugänglich zu machen [23]. In Peer-Gesprächen zu zweit wurde die wechselseitige Vorstellung des eigenen Strukturbilds genutzt, um einen Abgleich mit anderen ST und eine intensive Auseinandersetzung mit eigenen Denkstrukturen und unterschiedlichen Auffassungen zu ermöglichen. Inhalte aus den Strukturlegeplänen könnten auch zur adaptiven Anpassung des Unterrichts verwendet werden und so den Lehrenden eine bessere Abstimmung auf den tatsächlichen Lernstand ermöglichen. Der wiederholte Einsatz des Verfahrens an mehreren Zeitpunkten könnte außerdem zur Evaluation genutzt werden [23]. Es zeigt sich zusammenfassend, dass das Forschungsprogramm Subjektive Theorien nicht nur eine geeignete Methode für die Ausbildungsforschung darstellt, sondern die Reflexion der jeweils beforschten Zielgruppe unterstützen und darüber hinaus auch die Qualität der beforschten Felder verbessern kann.
Danksagung
Ich danke Frau Prof. Dr. Ursula Walkenhorst für den wertvollen Impuls, der meine vertiefte Auseinandersetzung mit dieser Forschungsmethode angestoßen und zu deren fundierter Anwendung in meiner eigenen Forschung beigetragen hat. Außerdem danke ich Herrn Prof. Dr. Jan Matthes für die Ermutigung, diesen Artikel zu verfassen.
ORCID der Autorin
Pia Gadewoltz: [0009-0000-0632-6536]
Interessenkonflikt
Die Autorin erklärt, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel hat.
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