[Wohin gehen unsere Studierenden? Ein Blueprint zur Quantifizierung des Klebeeffektes und seiner Reichweite durch Tracking der Karrierewege von Medizinstudierenden]
Robin Herbrechter 1Stefanie Mattern 1
Sophie-Charlotte Rosenberger 1
Annika Haupt 1
Marzellus Hofmann 1
1 Universität Witten/Herdecke (UW/H), Department Humanmedizin, Witten, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: Demografische und strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen haben in den letzten Jahren zu einem zunehmenden Ärzt:innenmangel in Deutschland geführt, insbesondere in ländlichen Gebieten. Medizinische Fakultäten nehmen zunehmend curriculare Anpassungen vor, um die Attraktivität dringend benötigter Stellen im Gesundheitswesen zu erhöhen. Das Tracking von Alumni ist für die Evaluierung von Lehrplänen und Optimierungsbemühungen und damit für die gezielte Verbesserung der Gesundheitsversorgung von entscheidender Bedeutung.
Methoden: Daten zu den beruflichen Tätigkeiten von 333 Medizinabsolvent:innen der Universität Witten/Herdecke (UW/H) wurden mit einer Online-Recherche erhoben, die auf der Klassifizierung der deutschen Ärztestatistik basiert (ambulant: angestellt oder niedergelassen, stationär: leitende Position oder ohne Leitungsfunktion). Die geografische Analyse des Klebeeffektes wurde mithilfe eines geografischen Informationssystems durchgeführt.
Ergebnisse: Das Tracking zeigt einen signifikant höheren Anteil von Alumni, die in der ambulanten Gesundheitsversorgung tätig sind (49,7%), was auf den im Vergleich zum nationalen Durchschnitt um 69% höheren Anteil an Niederlassungen zurückzuführen ist. Die geografische Analyse zeigt eine starke Häufung von Alumni in unmittelbarer Nähe ihrer Alma Mater (Klebeeffekt), d. h. eine 207-fache Erhöhung der Alumnidichte in einem Umkreis von 6 km um die UW/H. Der Klebeeffekt hat eine Reichweite von ca. 30 km und die Erhöhung ist in dieser Entfernung 12-fach.
Schlussfolgerung: Die in dieser Studie vorgestellte Methodik bietet eine neuartige Möglichkeit, Alumni zu tracken und ihre räumliche Verteilung zu quantifizieren. Die hier präsentierte systematische Analyse bietet einen praktischen Rahmen für die Evaluierung von medizinischen Fakultäten und kann dazu beitragen, die potenziellen Auswirkungen, z. B. neu gegründeter medizinischer Fakultäten auf die lokale Gesundheitsversorgung, abzuschätzen. Somit kann diese Studie als Blueprint für ähnliche Ansätze zum Tracking von Alumni dienen.
Schlüsselwörter
medizinische Ausbildung, medizinische Fakultät, Berufswahl, ambulante Versorgung, Pipeline-Effekt, Tracking von Alumni, Ärzt:innendichte, GIS, Absolvent:innendichte
Einleitung
Die Sicherstellung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen steht vor erheblichen Herausforderungen und beträchtliche Anstrengungen haben sich dieser Thematik bereits gewidmet [1], [2], [3]. Ein zentraler Aspekt ist der zunehmende Mangel an Ärztinnen und Ärzten, insbesondere im hausärztlichen Bereich und in ländlichen Regionen. Die Zahl der hausärztlichen Einzelpraxen ist von 2010 bis 2024 im gesamten Bundesgebiet um fast 9000 Praxen gesunken (-25,8%; Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stand 2024, [https://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/17020.php]). Ein weiterer Trend ist der Wandel in den Berufspräferenzen junger Mediziner*innen [4]. Viele bevorzugen heutzutage eine Anstellung gegenüber der Selbstständigkeit in einer eigenen Praxis, was die Nachbesetzung von niedergelassenen Arztpraxen erschwert. Zudem entscheiden sich viele Angestellte für Teilzeitmodelle, was den Bedarf der Anstellungsverhältnisse erhöht. Laut Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) arbeiteten 2024 nur noch 57,5% der 143043 angestellten Ärzt*innen in Vollzeit. Dies sind 22% weniger als im Jahr 2014 (Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stand 2024, [https://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/16400.php]).
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Absolvent*innen-Tracking zunehmend an Bedeutung [5], [6], [7], [8]. Durch die systematische Erfassung und Analyse der beruflichen Werdegänge ehemaliger Studierender können wertvolle Erkenntnisse über deren Karrierewege und Entscheidungen gewonnen werden. Diese Informationen sind essenziell, um Ausbildungsprogramme gezielt weiterzuentwickeln und Anreize für bestimmte Tätigkeitsbereiche zu schaffen. Insgesamt ermöglicht ein Absolvent*innen-Tracking nicht nur eine bessere Planung und Steuerung der medizinischen Ausbildung, sondern trägt auch dazu bei, langfristige Strategien zur Sicherung der medizinischen Versorgung, beispielsweise im ländlichen Raum, zu entwickeln.
Studien konnten ein Aufwachsen in ländlicher Umgebung und ländliche Ausbildung als förderliche Faktoren für eine Tätigkeit im ländlichen Raum zeigen [9], [10], [11], [12], [13], [14]. Weiterhin spielt der Standort der medizinischen Fakultät [15], [16] oder des Ausbildungskrankenhauses [17], [18] eine Rolle, da in der Nähe der Ausbildungsstätten erhöhte Ärzt*innendichten verzeichnet werden. Dieser Effekt wird als Klebeeffekt (engl. local retention effect) oder Pipeline-Effekt bezeichnet. Da bisherige Studien sich auf gemittelte Daten ganzer Kreise oder Städte beziehen (Daten von Kommunen etc.) [15], [16], [17], [18], [19], [20], ist eine kleinschrittige Quantifizierung des Ballungseffektes an den Ausbildungsstätten nicht möglich. Dies setzt ein Tracking auf der Ebene der einzelnen Individuen voraus, wie es in dieser Studie durchgeführt wurde. Hier stellen wir eine Methode zur Quantifizierung der Stärke und Reichweite des Klebeeffektes anhand von Alumni des Modellstudiengangs Medizin der Universität Witten/Herdecke (UW/H) vor. Obwohl die UW/H im Zentrum der Metropolregion Ruhrgebiet liegt und die von den UW/H-Alumni erhobenen Daten keine direkten Angaben zur Stärke des Klebeeffektes in ländlichen Gebieten liefern, stellt die Methodik einen validen Ansatz zur detaillierten Quantifizierung dieses Effektes dar.
Der Modellstudiengang Medizin der UW/H ist seit jeher durch problemorientiertes Lernen (POL), seine ausgeprägte Praxisnähe, hohe Patient*innen-Zentriertheit sowie der Möglichkeit des integrierten Begleitstudiums Anthroposophie geprägt [21], [22]. Seit der Aufstockung auf 84 Studierende pro Semester ab dem Sommersemester 2019 leistet die UW/H auch zahlenmäßig einen wachsenden Beitrag zur Begegnung des aufkommenden Mangels an Ärzt*innen. Diese Studie zeigt den Verbleib der Absolvent*innen der Jahre 1999 bis 2008 hinsichtlich der beruflichen Tätigkeit. Der Vergleich mit den bundesweiten Häufigkeiten aus der Bundesärztestatistik [https://www.bundesaerztekammer.de/baek/ueber-uns/aerztestatistik/2024] ermöglicht eine direkte Einordnung der ermittelten Zahlen. Die durchgeführte geografische Analyse unter Verwendung freier Software und offener Geodaten zeigt ein methodisches Potenzial auf, das auch für andere Fakultäten eine interessante Grundlage zur Bearbeitung eigener Fragestellungen bieten kann. Das Vorgehen dieses Alumni-Trackings kann als Orientierung für zukünftige Studien dieser Art gesehen werden, da ein solches Tracking auch in anderen Bereichen und Studiengängen zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.
Methoden
Online-Recherche
Zur Erhebung des beruflichen Verbleibs von Absolvent*innen des Medizinstudiums an der UW/H wurde eine Online-Recherche durchgeführt, wie sie für derartige Untersuchungen üblich ist und aufgrund der oft niedrigen Rückläufe von Online-Befragungen meist die besten Ergebnisse liefert [7], [8], [23], [24], [25], [26], [27]. Die Recherche erfolgte primär über Suchmaschinen wie Google. Dabei wurden Kombinationen aus dem Namen der Absolvent*innen sowie spezifischen Schlüsselwörtern wie „Arzt“, „Praxis“ oder „Universität Witten/Herdecke“ verwendet. Zusätzlich wurden berufsorientierte Netzwerke wie LinkedIn und XING durchsucht, da diese Plattformen häufig aktuelle berufliche Informationen enthalten [28]. Eine Klassifizierung bezüglich der Sicherheit des Rechercheergebnisses (sicher, nicht sicher, Person nicht gefunden) während der Recherche stellt eine einfache und effiziente Möglichkeit zur Steigerung der Datenqualität dar. In den als unzuverlässig eingestuften Suchergebnissen konnte eine Person mit dem entsprechenden Namen identifiziert werden, eine zuverlässige Zuordnung als Absolvent*in der UW/H war jedoch nicht möglich. In zuverlässigen Suchergebnissen wurden die Personen als Absolvent*innen der UW/H identifiziert, z. B. anhand eines Online-Lebenslaufs. Nur Daten von Absolvent*innen, deren Suchergebnisse als zuverlässig eingestuft wurden, wurden in die Analyse einbezogen. Für die vorliegende Pilotstudie wurden die Abschlussjahrgänge vom Sommersemester 1999 bis zum Sommersemester 2008 untersucht. Dadurch liegt eine ausreichende Zeit nach der Approbationserteilung zur Weiterbildung und beruflichen Orientierung vor, um die berufliche Tätigkeit unabhängig der hohen initialen beruflichen Fluktuationsraten untersuchen zu können. [29], [30].
Vergleich mit der deutschen Ärztestatistik
Im Gegensatz zu vielen anderen Studien, welche den Verbleib zumeist isoliert für die eigene Institution oder einen kleinen Kreis kooperierender Institutionen betrachten [8], wurde die Datenerfassung in dieser Studie gezielt an die von der Bundesärztekammer veröffentlichten Daten der Ärztestatistik angepasst, wodurch eine direkte Vergleichbarkeit mit den bundesweiten Daten gewährleistet ist. Für die berufliche Tätigkeit erfolgte der Vergleich mit der Ärztestatistik von Dezember 2024, da diese dem Zeitpunkt der Recherche am nächsten kommt. Weiterhin wurden Ergebnisse aus früheren deutschen Arztstatistiken in Abbildung 1 [Abb. 1] aufgenommen, um die Trends im Gesundheitswesen der letzten 30 Jahre zu veranschaulichen. Ähnlich wie bei der Ärztestatistik wurden stationär tätige Ärzt*innen nach Vorliegen einer Leitungsfunktion kategorisiert (leitend: Direktor*innen und Chefärzt*innen). Die ambulant tätigen Ärzt*innen wurden den Kategorien niedergelassen und angestellt zugeordnet. Außerdem wurden die Kategorien Behörden und andere für die nicht in der Gesundheitsversorgung tätigen Alumni erstellt.
Abbildung 1: Heatmap zur Häufigkeit beruflicher Tätigkeiten von UW/H-Alumni im Vergleich zur Ärztestatistik in Deutschland
Die Farbcodierung der Heatmap reicht von Dunkelblau (Minimalwert) bis Dunkelrot (Maximalwert). Signifikant von der UW/H-Kohorte abweichende Häufigkeiten sind mit Sternen markiert (Z-Test für zwei Anteile; *: p=0,05; **: p=0,01; ***: 0,001).
Geografische Analyse beruflicher Tätigkeiten
Der Ort der Niederlassung bzw. Anstellung (Anschrift, Postleitzahl, Stadt und Land) wurde ebenfalls erhoben, um die geografische Verbreitung analysieren zu können. Die geografische Verteilung der Tätigkeitsstätten wurde mit dem Geoinformationssystem QGIS (Version: 3.40.5-Bratislava) analysiert und visualisiert. Für die Darstellung der Landes- und Kreisgrenzen Deutschlands wurden offene Daten des OpenStreetMap-Projektes vom Bundesamt für Kartografie und Geodäsie (Datenlizenz Deutschland – Version 2.0) verwendet (Länder: [https://gdz.bkg.bund.de/index.php/default/open-data/verwaltungsgebiete-1-2-500-000-stand-31-12-vg2500-12-31.html]; Kreise: [https://gdz.bkg.bund.de/index.php/default/digitale-geodaten/verwaltungsgebiete/verwaltungsgebiete-1-5-000-000-stand-01-01-vg5000-01-01.html]). Für die Einfärbung der Kreise nach Ärzt*innendichte (Ärzt*innen je 100000 Einwohner*innen) wurden die Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung [https://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/16402.php] verwendet. Die Landesgrenzen der an die Bundesrepublik Deutschland angrenzenden Länder wurden von Geographical Information Systems for the COmmission of European Community (GISCO) über die Website Eurostat bezogen [https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/gisco/geodata/administrative-units/countries]. Die Umwandlung der Anschriften der Tätigkeitsstätten in geografische Koordinaten erfolgte mit dem Python Plug-In MMQGIS von Michael Minn [https://plugins.qgis.org/plugins/mmqgis/]. Die Berechnung der linearen Entfernung (Luftlinie) dieser Tätigkeitsstätten von der UW/H erfolgte mit der Distanzmatrix-Funktion von QGIS. Die Analyse der Alumnidichte in Abhängigkeit von der Entfernung des Tätigkeitsortes zur Alma Mater erfolgte durch die Bestimmung der Häufigkeit von Alumni in den Bereichen definierter konzentrischer Kreise um die UW/H. Dies wird in Abbildung 2 A [Abb. 2] angedeutet. Die genauen Längen der Radien der Kreise, welche die ringförmigen Flächen eingrenzen, sind: 6, 12, 22, 33, 47, 60, 80, 106, 150, 184, 212, 237, 260, 280, 300, 318, 336, 353, 368, 383, 397, 411, 424, 437, 450, 462, 474, 486, 498, 509, 520 km. Die Analyse erfolgte unabhängig von den geografischen Koordinaten aufgrund der zuvor ermittelten linearen Entfernung in Excel durch automatisiertes Auszählen mit der ZÄHLENWENN-Funktion (z. B.: =ZÄHLENWENN(C$2:C$78;"<"&$B96)-ZÄHLENWENN(C$2:C$78;"<"&$B95); C$2:C$78: Bereich mit den ermittelten linearen Distanzen, B95: Innenradius des ringförmigen Bereichs, B96: Außenradius des ringförmigen Bereichs).
Abbildung 2: Alumnidichte und Klebeeffekt
A) Definierte ringförmige Bereiche zur Quantifizierung der Alumnidichte in Abhängigkeit von der Entfernung zur UW/H. B) Ermittelte Alumnidichte. Die graue gestrichelte Linie zeigt die hypothetische Alumnidichte bei einer homogenen Verteilung über Deutschland an.
Datenauswertung und -visualisierung
Die Datensammlung, Auswertung und Visualisierung erfolgte mit Excel (Microsoft Office Professional Plus 2016) und QGIS (Version: 3.40.5-Bratislava) für geografische Daten. Die statistische Signifikanz zweier Raten (vgl. Abbildung 1 [Abb. 1]) wurde mit dem Z-Test für 2 Proportionen analysiert und multiple Vergleiche erfolgten mit dem Kruskal-Wallis Test.
Ethikvotum
Die Studie wurde von der Ethik-Kommission der Universität Witten/Herdecke genehmigt (Projektnummer: S-114/2025).
Ergebnisse
Berufliche Tätigkeit
Von den 333 UW/H-Alumni konnten 176 (52,9%) sicher identifiziert werden. Obwohl der Frauenanteil der 333 Alumni bei 59,5% liegt, sind nur 48,3% der über die Recherche identifizierten Alumni weiblich. Der nach wie vor höhere Anteil der eheschließungsbedingten Namensänderungen bei Frauen [31] wird für dieses Ungleichgewicht in der Auffindbarkeit bei der Online-Recherche maßgeblich verantwortlich sein. Von den 176 identifizierten Personen waren zum Zeitpunkt der Recherche 175 berufstätig. Die nachfolgenden Ergebnisse basieren auf diesen 175 berufstätigen Alumni. Nur 5 Alumni (2,9%) sind nicht in der Gesundheitsversorgung tätig, sondern arbeiten in Behörden bzw. als Studiengangskoordinator*innen. Dies liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt (Ärztestatistik 2024; p=0,0379). Die übrigen 170 Alumni verteilen sich zu etwa gleichen Teilen auf die ambulante (87 Personen) und die stationäre (83 Personen) Gesundheitsversorgung (vgl. Abbildung 1 [Abb. 1]). Die Alumni der UW/H treten damit signifikant seltener eine Karriere außerhalb der Gesundheitsversorgung an als der bundesweite Durchschnitt (verglichen mit der Ärztestatistik 2024; p=0,0059). Die Häufigkeit der ambulant tätigen Ärzt*innen innerhalb der UW/H-Alumni ist gegenüber dem Bundesdurchschnitt um ca. 26% erhöht (Ärztestatistik 2024; p=0,004). Dies liegt an dem hohen Anteil niedergelassener Ärzt*innen, der mit 41,1% deutlich höher ist als im Bundesdurchschnitt (24,4%; Ärztestatistik 2024; p<0,000000). In der stationären Versorgung zeigen sich insgesamt keine Unterschiede, wobei die Alumni der UW/H häufiger eine leitende Position als Direktor*in oder Chefarzt/Chefärztin innehaben (Ärztestatistik 2024; p=0,00024). Von diesen 16 Alumni mit Führungspositionen in der stationären Gesundheitsversorgung sind lediglich zwei Personen weiblich (12,5%). Der Frauenanteil der angestellten Alumni in der ambulanten Gesundheitsversorgung ist mit 80% (12 von 15 Personen) hoch. In den anderen beiden Kategorien sind die Geschlechtsverhältnisse ausgeglichen (Frauenanteile: stationär (angestellt): 47,8%, ambulant (niedergelassen): 51,4%).
Geografische Verteilung der Tätigkeitsorte
Die geografische Verteilung der im Gesundheitswesen tätigen Alumni wurde mit einem Geoinformationssystem analysiert und visualisiert (vgl. Abbildung 3 [Abb. 3]). Dabei wurden 168 Alumni des europäischen Festlands berücksichtigt und die Tätigkeitsorte (Standort der Klinik/Praxis) in Abhängigkeit der Zugehörigkeit zu einer der vier Gruppen der Ärztestatistik hinterlegt. Die Alumni sind deutschlandweit verteilt, allerdings zeigt sich eine starke Häufung im dicht besiedelten Ruhrgebiet, besonders im Umkreis der UW/H. Weitere Häufungen sind in Berlin und dem an Deutschland angrenzenden Teil der Schweiz rund um Zürich und Basel zu verzeichnen. Eine Verbindung der in Berlin und Basel arbeitenden Alumni zu den dortigen anthroposophischen Kliniken (GKH Havelhöhe bzw. Klinik Arlesheim) wurde wegen der Möglichkeit eines Begleitstudiums in anthroposophischer Medizin an der UW/H überprüft, konnte aber nicht festgestellt werden. Neben vereinzelten Niederlassungen in ländlichen Kreisen wie z. B. Altenkirchen, Havelland, Sigmaringen oder dem Herzogtum Lauenberg, ähneln die Verbreitungsmuster der UW/H-Alumni dem Eingangs erwähnten bundesweiten Muster mit einer vermehrten Tätigkeit in Metropolregionen oder Metropolnähe.
Abbildung 3: Geografische Verteilung der Standorte der beruflichen Tätigkeiten der UW/H-Alumni. 
Die allgemeine Ärzt*innendichte der Kreise ist durch die graue Hinterlegung angegeben und die Punktgröße impliziert die Anzahl der Alumni an einem Standort.
Quantifizierung des Klebeeffektes
Da Alumni vermehrt in der Nähe der Alma Mater tätig sind [15], [18] und eine genaue Quantifizierung der Reichweite dieses Effektes bislang nicht existiert, bestimmten wir die Alumnidichte in Abhängigkeit von der Entfernung zur UW/H. Bei einer homogenen Verteilung der 168 Alumni in ganz Deutschland würde die Alumnidichte bei 0,00047 Alumni/km2 liegen (graue Linie in Abbildung 2 B [Abb. 2]). Die ermittelten UW/H-Alumnidichten der ringförmigen Bereiche liegen innerhalb eines Umkreises von 60 km über diesem theoretischen Wert (r0 bis r60=0,00531 Alumni/km2). Bereits innerhalb dieses 60 km-Radius nimmt die Alumnidichte vom innersten Kreis mit einem Radius von 6 km (r0 bis r6=0,09726 Alumni/km2) bis zum Ring von 47 bis 60 km Radius (r47 bis r60=0,00275 Alumni/km2) um das 35-fache ab. Die Dichte außerhalb dieses 60 km Radius ist 3,6-mal niedriger als die der theoretischen Gleichverteilung (r60 bis r520=0,00013 Alumni/km2). Damit zeigt sich eine starke Konzentration innerhalb eines sehr kleinen Umkreises von 12 km um die UW/H (Faktor der Dichtezunahme gegenüber der theoretischen Gleichverteilung: r0 bis r6: 207; r6 bis r12: 94; r12 bis r22: 16; r22 bis r33: 12; r33 bis r47: 1,8; r47 bis r60: 5,8). Der Rückgang des Konzentrationsfaktors mit zunehmender Entfernung von der UW/H scheint in allen vier Gruppen beruflicher Tätigkeiten ähnlich zu sein. Die durchschnittlichen Entfernungen der UW/H zum Ort der beruflichen Tätigkeit betragen 222±184 km (ambulant (niedergelassen)), 261±192 km (ambulant (angestellt)), 223±139 km (stationär (leitend)) und 220±189 km (stationär (nicht-leitend)), wobei sich die vier Gruppen nicht signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-Test, p=0,76521).
Diskussion
Das Tracking ehemaliger Studierender ist für die Evaluierung von Studiengängen und curricularen Anpassungen [6], [7], [28], [32], [33], [34], aber auch für die Bestimmung des Erfolgs einzelner Projekte und Kurse, wie z. B. Landarztprogrammen oder Sommerschulen [5], [35], von großer Bedeutung. Durch die Berücksichtigung weiterer Parameter, wie z. B. Prüfungsergebnisse oder Studiendauer können weitere spannende Erkenntnisse gewonnen werden [36].
Ein Absolvent*innen-Tracking ist mit verschiedenen Herausforderungen verbunden. So nimmt die Erreichbarkeit der Alumni im Zeitverlauf ab, da sich Kontaktdaten ändern und oft nicht aktualisiert werden. Auch Alumni-E-Mail-Adressen werden weniger genutzt oder abgerufen, was eine zuverlässige Kommunikation erschwert [37]. So verwundert ein eher niedriger Rücklauf bei einer Datenerhebung via Umfragen nicht [10], [12], [26], [27]. Die Alternative sind zeit- und somit personalintensive Recherchen, welche aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und beruflichen Social Media Präsenz (z. B. Linkedin oder XING) immer höhere Trefferquoten von zumeist über 60% ermöglichen [7], [24], [25]. Ohne eine permanente und ebenfalls aufwendige Aktualisierung der Alumni-Datenbanken werden höhere Trefferquoten, z. B. aufgrund von Namensänderungen im Zuge von Eheschließungen, nur schwer zu erreichen sein. Auch wenn die Recherchen überwiegend von Aushilfskräften mit niedrigen Stundenlöhnen durchgeführt werden (wie auch in dieser Studie), können hohe Kosten entstehen. So wurde allein für die Recherchearbeit der Aushilfen für das Alumni-Tracking des 10000 PhD-Projekts der Universität von Toronto 50000 kanadische Dollar ausgegeben [25]. Eine weitere Problematik beim Tracking von Absolvent*innen ist die fehlende Vergleichbarkeit der einzelnen Studien [8]. Eine Orientierung an bundesweiten Bestandserfassungen, wie z. B. der Ärztestatistik, stellt eine gute Möglichkeit zur Verbesserung der Vergleichbarkeit verschiedener Studien dar. Ein einheitliches, zentrales, bundesweites Vorgehen (z. B. durch ein Miterfassen der Studienuniversitäten und Tätigkeitsorte in der Ärztestatistik der Bundesärztekammer mit einer anschließenden, automatisierten Analyse auf der Ebene der einzelnen Fakultäten), könnte allen medizinischen Fakultäten auf effizienterem Wege eine wichtige Rückmeldung zum Outcome der jeweiligen Fakultäten geben.
Alumni-Tracking Studien sind meist auf eine Analyse der beruflichen Tätigkeiten ausgerichtet. Eine Analyse des geografischen Verbleibs ist seltener und basiert oft auf offiziell zugänglichen gemittelten Daten von Behörden oder Kreisverwaltungen [15], [16], [17], [18], [19], [20]. Die hier untersuchte Analyse der Alumni-Verteilung auf der Ebene der einzelnen Tätigkeitsorte konnte erstmals den starken Ballungseffekt (Klebeffekt) im unmittelbaren Umfeld der Ausbildungsstätte zeigen. Die Verteilung der Alumni und der Klebeeffekt hängen auch von den lokalen Gegebenheiten ab. Liegt eine medizinische Fakultät z. B. in einer Stadt im ländlichen Raum, so wird das potentielle Fehlen von Kliniken außerhalb der Stadt unweigerlich zu einer drastischen Reduktion der Dichte der angestellten Alumni führen. Die UW/H liegt dagegen mitten im dicht besiedelten Ruhrgebiet mit hohem Bedarf für Mediziner*innen. Da UWH-Absolvent*innen vor allem in dicht besiedelten Regionen mit akademischem Umfeld (z. B. Ruhrgebiet, Berlin, Zürich/Basel) vertreten sind, lässt sich die allgemeine Präferenz von Medizinstudierenden für Ballungsräume [1], [2], [3] bestätigen. Die beobachtete Konzentration von Alumni rund um die UW/H basiert daher auf den soziokulturellen Merkmalen der Region. Die Tatsache, dass die Alumnidichte innerhalb eines Radius von etwa 20 km um mehr als das Zehnfache abnimmt, trotz des großstädtischen Charakters des untersuchten Gebiets und der Präsenz von bis zu etwa 60 Kliniken als potenzielle Arbeitgeber, deutet darauf hin, dass der Klebeeffekt zusätzlich zur beobachteten Konzentration von Alumni in unmittelbarer Nähe der UW/H beiträgt. Um die Reichweite des Klebeeffektes besser einschätzen zu können, sind weitere Studien dieser Art in anderen Regionen mit unterschiedlichen lokalen Gegebenheiten nötig. Fakultäten im ländlichen Raum sind hier besonders interessant. So kann der Einfluss unterschiedlicher lokaler Gegebenheiten auf den Klebeeffekt und somit die Bedeutung des Standortes einer medizinischen Fakultät auf die lokale Ärzt*innendichte besser abgeschätzt werden. Eine medizinische Fakultät im ländlichen Raum könnte nicht nur aufgrund des Klebeeffektes einen Mehrwert für entsprechende Regionen bieten. Da die Studierenden während des Studiums mehrere Jahre ein Leben im ländlichen Raum führen würden und dies ein wesentlicher Prädikator für eine spätere Tätigkeit in ländlichen Räumen ist [9], [10], [11], [12], [13], [14], könnte dies zusammen mit dem Klebeeffekt synergistisch wirken. Eine starke Integration umliegender Kliniken und Praxen in die Ausbildung stellt eine weitere Möglichkeit zur langfristigen Stärkung der lokalen Versorgungslage dar.
Die Analyse des beruflichen Verbleibs der 175 Alumni zeigt eine überdurchschnittlich hohe Tätigkeitsrate im ambulanten Bereich, besonders bei den Niederlassungen. In der stationären Versorgung sind Führungspositionen unter den Alumni mehr als doppelt so häufig wie im aktuellen Bundesdurchschnitt (Ärztestatistik 2024). Dies könnte mit der kompetenzorientierten Lehre [21] zusammenhängen, da Kommunikations- und Teamfähigkeiten entscheidende Führungskompetenzen sind [38]. Die Möglichkeit eines Auffindungs-Bias sollte bei der Interpretation der hier dargestellten Häufigkeiten der beruflichen Tätigkeiten ebenfalls bedacht werden, da einzelne Gruppen, wie z. B. Direktor*innen und Chefärzt*innen, eine höhere Online-Auffindbarkeit haben könnten und so zu einer Überschätzung führen könnten. Der niedrige Frauenanteil in den Führungspositionen deckt sich mit dem vorherrschenden Gender Gap im klinischen Setting [39], [40].
Wir möchten darauf hinweisen, dass die Ergebnisse dieser Studie nur schwer verallgemeinert werden können. Der Modellstudiengang der UWH unterscheidet sich vom Lehrplan staatlicher Universitäten. POL ist der führende Ansatz für die Lehre, und die klinische Ausbildung findet dezentral in zahlreichen kooperierenden Kliniken statt, die über ein großes geografisches Gebiet verteilt sind, und nicht in einem zentralen Universitätsklinikum [21], [22]. Darüber hinaus werden die Studierenden nicht auf der Grundlage ihrer Noten ausgewählt, sondern durchlaufen ein spezielles Auswahlverfahren mit mehreren Interviews, in denen neben ihrer akademischen Eignung auch ihre Einstellung und Motivation bewertet werden [41]. Die Unterschiede bei der Auswahl und Ausbildung der Studierenden könnten einen erheblichen Einfluss auf ihren beruflichen Werdegang haben. Bei der Interpretation der beobachteten Verteilung der Alumni muss auch die Lage der UW/H im Zentrum eines großen Ballungsraums berücksichtigt werden. Daher werden weitere Fakultäten dazu ermutigt, vergleichbare Studien durchzuführen, um unser Verständnis der Wege nach dem Abschluss und der regionalen Verteilung der Alumni zu verbessern. Wenn eine größere Anzahl von Alumni erfasst werden kann, beispielsweise in größeren Fakultäten, könnte es auch statistisch möglich sein, einzelne medizinische Fachgebiete zu analysieren. Darüber hinaus könnten weitere Studien die Motivationen der Alumni für ihre jeweiligen Karriereentscheidungen (Tätigkeitsbereich und Wahl des Standorts) analysieren, um unser Verständnis der beruflichen Entscheidungsfindung von Studierenden zu verbessern.
Schlussfolgerungen
Zwei wesentliche Aspekte charakterisieren den hier vorgestellten Ansatz zum Tracking ehemaliger Medizinstudent*innen. Einerseits ermöglicht die Kombination mit der bundesweiten deutschen Ärztestatistik die Einordnung der erhobenen Ergebnisse. Andererseits erlaubt das geografische Tracking der Arbeitsorte der Alumni auf individueller Ebene erstmals die Quantifizierung der Stärke und Reichweite des Klebeeffektes und ermöglicht die Einschätzung der Bedeutung des Standorts einer medizinischen Fakultät. Der Klebeeffekt sollte auch in ländlichen Regionen quantifiziert werden, um das Verständnis dieses Effektes unter verschiedenen regionalen Gegebenheiten zu verbessern. Diese Erkenntnisse sind von großer Bedeutung sowohl für die Evaluierung medizinischer Fakultäten als auch für die Auswahl der Standorte neuer medizinischer Fakultäten oder Lehrkrankenhäuser zur Verbesserung der lokalen medizinischen Versorgung.
Danksagung
Die Autor*innen bedanken sich bei Anke Bauske (Leiterin des Studierendensekretariats, UW/H) für die Bereitstellung der Listen mit den Namen der Absolvent*innen.
Anmerkungen
Beitrag der Autor*innen
R.H. konzipierte und entwarf das Studiendesign; S.M., S.C.R. und R.H. führten die Online-Recherche durch; R.H. analysierte die Daten; R.H., M.H. und A.H. interpretierten die Forschungsergebnisse; R.H. erstellte die Abbildungen und verfasste den Manuskriptentwurf; R.H., A.H. und M.H. redigierten und überarbeiteten das Manuskript; R.H., S.M., S.C.R., A.H. und M.H. genehmigten die endgültige Fassung des Manuskripts.
ORCIDs der Autor*innen
- Robin Herbrechter: [0000-0002-2857-9136]
- Stefanie Mattern: [0009-0008-0274-8262]
- Sophie-Charlotte Rosenberger: [0009-0000-0367-6506]
- Annika Haupt: [0009-0000-6090-3576]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
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