[Selbstvertrauen durch Lehre: Geschlechterunterschiede in der Selbsteinschätzung dermatologischer Kompetenzen von Medizinstudierenden und Lerneffekte]
Ines Heinen 1Julian Kött 2
Inga Hansen-Abeck 2
Rachel Sommer 3
Christine Blome 3
Isabel Heidrich 2
Martin Härter 1
Matthias Augustin 3
Stefan W. Schneider 2
Nina Booken 2
Finn Abeck 2
1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie (IPMP), Hamburg, Deutschland
2 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Hamburg, Deutschland
3 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP), Hamburg, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: Die Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung ist zentral für die medizinische Ausbildung, da sie die Identifikation eigener Stärken und Schwächen ermöglichen und Fehlentscheidungen vorbeugen kann. Frühere Studien zeigten, dass Studentinnen ihre Kompetenzen tendenziell unterschätzen, während Studenten ihre Fähigkeiten eher realistisch bewerten oder zur Überschätzung neigen. Ziel der vorliegenden Studie war es, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbsteinschätzung dermatologischer Kenntnisse und Fähigkeiten bei Medizinstudierenden zu untersuchen und diese mit objektiven Testergebnissen zu vergleichen.
Methodik: Im Rahmen eines Seminars zu Hauterkrankungen bei Skin of Color (SoC) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nahmen im Wintersemester 2024-25 insgesamt 142 Studierende (57,7% weiblich) an einer quasi-experimentellen Prä-Post-Fragebogenerhebung teil. Neben einem Multiple-Choice-Test (MC-Test) zu acht dermatologischen Blickdiagnosen wurden vor und nach dem Seminar Selbsteinschätzungen auf einer 6-stufigen Likert-Skala erhoben.
Ergebnisse: Zu Beginn bewerteten die Studentinnen ihr Wissen über anatomische und physiologische Unterschiede zwischen Hauttypen (p<0,001, η2=0,078) und über Skalen zur Bestimmung von Hauttypen (p<0,001, η2=0,085) sowie ihre diagnostischen Fähigkeiten von Hauterkrankungen bei SoC signifikant schlechter als die Studenten (p<0,001, η2=0,075), obwohl sich in dem objektiven MC-Test keine Unterschiede zeigten (p=0,905). Am Ende des Seminars zeigten sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede mehr.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass gezielte Lehre und Feedback das Selbstvertrauen und die realistische Selbsteinschätzung insbesondere von Studentinnen
Schlüsselwörter
Selbstvertrauen, Geschlechterunterschiede, Selbsteinschätzung, Prüfungsleistung, dermatologische Kompetenzen, Blickdiagnosen
Einleitung
Die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung ist ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Ausbildung [1]. Die eigene Leistung valide beurteilen zu können, ist sowohl für Medizinstudierende als auch für Ärzt*innen wichtig, da dieser Prozess die Identifizierung individueller Stärken und Schwächen ermöglicht [2]. Die Überschätzung der eigenen Kompetenzen kann das Risiko klinischer Fehlentscheidungen erhöhen, während eine Unterschätzung in Verbindung mit erhöhter Ängstlichkeit die Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen kann [1], [3]. Daher ist eine kontinuierliche Selbstreflexion in der Medizin unverzichtbar, um eine hochwertige Patient*innenversorgung gewährleisten zu können [4]. In der Literatur sind geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbsteinschätzung von Medizinstudierenden beschrieben: Während Frauen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu unterschätzen, schätzen Männer ihre Kompetenzen überwiegend realistisch ein oder tendieren zur Überschätzung [1], [2], [5]. Bisherige Untersuchungen basieren zumeist auf Objective Structured Clinical Examination (OSCE) [1]. Genderunterschiede wurden bspw. bei Basiskompetenzen in der Gesprächsführung mit Studierenden im 1. Semester [6], beim Umgang von Studierenden aller Jahrgänge mit Menschen mit Behinderungen [7] sowie in Psychiatrie-Prüfungen im letzten Studienjahr [8] gefunden.
Ziel dieser Studie war es, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbsteinschätzung von dermatologischen Kenntnissen und von Diagnosefähigkeiten bei Medizinstudierenden zu untersuchen und mit objektiven Testergebnissen eines MC-Tests zu Blickdiagnosen zu vergleichen.
Methodik
Die Fragebogenstudie im quasi-experimentellen Prä-/Post-Design mit Medizinstudierenden wurde zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 ohne Kontrollgruppe und ohne Randomisierung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt. Die Vollerhebung erfolgte im Rahmen eines 90-minütigen Seminars zu Hauterkrankungen bei Skin of Color (SoC) [9], das in der Regellehre im 7. Fachsemester im integrierten Modellstudiengang Humanmedizin iMED stattfand [10]. Aufgrund der Vollerhebung wurde auf eine a-priori Power Analyse verzichtet. Die Studie wurde von der lokalen psychologischen Ethikkommission am UKE genehmigt (LPEK-0688).
Der Fragebogen wurde von den Studierenden zu Beginn und am Ende des Seminars ausgefüllt und betraf die Diagnosestellung von acht Hauterkrankungen bei SoC: Psoriasis vulgaris, atopische Dermatitis, Tinea, Varizellen, Vitiligo, Melasma, Melanom und Keloid. Den Studierenden wurde für jede Hauterkrankung für jeweils 20 Sekunden ein Foto gezeigt. Anschließend sollten die Studierenden die richtige Blickdiagnose aus sechs Antwortmöglichkeiten in einem MC-Test ankreuzen. Im Seminar wurden diese Erkrankungen durch weitere Fotos und Fallberichte erklärt. In den zwei MC-Tests und im Seminar wurden jeweils unterschiedliche Fotos gezeigt.
Die Studierenden schätzten außerdem ihr Wissen über anatomische und physiologische Unterschiede zwischen hellerer und dunklerer Haut, über Skalen zur Einteilung von Hauttypen nach Fitzpatrick (Typen I-VI) und ihre Fähigkeit zur Diagnosestellung für Hauterkrankungen bei SoC ein. Dafür wurden drei selbst formulierte Items mit einer Likert-Skala von 1 bis 6 (Wissen/Fähigkeit „sehr gering“ bis „sehr hoch“) genutzt.
Alle Studierenden wurden vor der Befragung aufgeklärt. Die Teilnahme war freiwillig, anonym und ohne Aufwandsentschädigung. Nichtteilnahme hatte keinerlei negativen Konsequenzen. Nur komplett ausgefüllte Fragebögen wurden ausgewertet.
Die Datenanalysen (ANOVA und gepaarter t-Test) erfolgten mit IBM SPSS Statistics Version 29. Das α-Niveau von 5% wurde nach Bonferroni-Adjustierung für multiples Testen auf p=0,005 festgelegt.
Ergebnisse
Von 172 Studierenden im Semester besuchten 151 das Seminar (87,8%), 142 Studierende (94,0%) nahmen an der Befragung teil, davon waren 57,7% weiblich (n=82) und das mittlere Alter lag bei 25,2±2,6 Jahren (Range 21-35). Zu Beginn des Seminars schätzten die Studentinnen ihr Wissen zu anatomischen und physiologischen Unterschieden bei unterschiedlichen Hauttypen sowie zu Skalen zur Hauttypen-Einteilung signifikant geringer ein als die Männer (Unterschiede: w: 1,93±0,90, m: 2,52±1,14, F(1, 140)=13,008, p<0,001, η2=0,078; Hauttyp-Skalen: w: 1,98±0,97, m: 2,65±1,26, F(1, 140)=11,839, p<0,001, η2=0,085). Auch die eigene Fähigkeit zur Diagnosestellung von Hauterkrankungen bei SoC wurde von Studentinnen anfangs niedriger bewertet (w: 1,74±0,75, m: 2,23±0,98, F(1, 140)=8,300, p<0,001, η2=0,075). Im ersten MC-Test zeigte sich jedoch kein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern (w: 4,37±1,65, m: 4,40±1,73, p=0,905). Nach dem Seminar zeigten sich weder bei den Selbsteinschätzungen noch im MC-Test signifikante Unterschiede zwischen den Studierenden (siehe Abbildung 1 [Abb. 1] und Tabelle 1 [Tab. 1]). Die Studierenden zeigten vom 1. zum 2. MC-Test (prä: 4,38±1,68; post: 7,40±1,17) einen signifikanten Zuwachs an korrekten Antworten (MDiff 3,02±0,14, 95%-KIDiff [2,75; 3,30], t(141)=-21,732, p<0,001, d=1,657) – ohne Geschlechterunterschiede (w: 3,16±1,67, m: 2,83±1,64, F(1, 140)=1,338, p=0,249). Die psychometrische Prüfung der drei selbst formulierten Items ergab wie erwartet maximal akzeptable Cronbachs-Alpha-Werte, da sie Selbsteinschätzungen von Wissen und Fähigkeiten abfragten und somit inhaltlich sehr divers waren. Die Items wiesen wie erwartet bei der Post-Befragung eine höhere interne Reliabilität auf als bei der Prä-Befragung (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]).
Abbildung 1: Ergebnisse der Studierenden (n=142, w=82, m=60) in den Fragen zur Selbsteinschätzung und bei den MC-Tests vor (Prä) und nach (Post) dem Seminar
1A: Selbsteinschätzung bzgl. der Kenntnis von Skalen zur Einteilung von Hauttypen (Wissen über Hauttypskalen), des Wissens zu anatomischen und physiologischen Unterschieden zwischen hellerer und dunklerer Haut (Wissen über Unterschiede) sowie der Fähigkeit zur Diagnosestellung für Hauterkrankungen bei SoC (Fähigkeit zur Diagnosestellung).
1B: Summe korrekter Diagnosen von Dermatosen bei SoC in den MC-Tests
Tabelle 1: Deskriptive Angaben (M: Mittelwert, SD: Standardabweichung) der Studierenden insgesamt (n=142) sowie nach Geschlechtern geteilt
Ergebnisse der ANOVA mit Geschlecht als Gruppenvariable inklusive Mittelwertdifferenz (M-Diff) zwischen den Gruppen, 95%-Konfidenzintervall der Mittelwertdifferenz (95%-KIM-Diff) sowie Effektstärke Eta2 (η2) der Unterschiede in den Selbsteinschätzungen und Ergebnissen in den MC-Tests der Studentinnen (n=82) und der Studenten (n=60) vor (Prä) und nach (Post) der Seminarteilnahme. In der letzten Zeile wird noch der Zuwachs an korrekten Antworten vom 1. zum 2. MC-Test mit je acht Blickdiagnosen von Dermatosen bei SoC dargestellt. 
Tabelle 2: Ergebnisse der Reliabilitätsanalyse auf Basis von Cronbachs Alpha (α) der drei selbst formulierten Items zu selbst eingeschätztem Wissen und zu selbst eingeschätzten Fähigkeiten in der Prä- und der Post-Befragung (jeweils n=142)
Diskussion
Dies ist unseres Wissens die erste Untersuchung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Selbsteinschätzung dermatologischer Fähigkeiten in Kombination mit MC-Tests bei Medizinstudierenden.
Die Studentinnen unterschätzten zu Beginn des Seminars ihre Fähigkeiten im Vergleich zu Studenten signifikant, obwohl ihre objektive Leistung vergleichbar war. Dieses Muster ist vergleichbar mit früheren Studien [1], [2], [5], [11]. Diese Diskrepanz verschwand am Ende des Seminars, da die Frauen – möglicherweise bedingt durch einen Zuwachs an Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit – ihre Kompetenzen analog zu den Männern bewerteten. Frühere Studien zeigten, dass Studentinnen unter Bedingungen von Unsicherheit – wie hier durch das neue Thema SoC und den 1. MC-Test gegeben – niedrigere Selbstwirksamkeitswerte aufweisen [11]. Studentinnen schätzten ihre Fähigkeiten zu Beginn vorsichtiger ein, die aktive Auseinandersetzung mit Dermatosen bei SoC erhöhte jedoch ihre Selbsteinschätzung. Lehrende sollten sich der möglichen, geschlechtsspezifischen Selbstunterschätzung bewusst sein. Weitere Einflussfaktoren auf die anfänglich niedrigere Selbsteinschätzung der Studentinnen sind möglich, wurden aber hier nicht erfasst und sollten daher weiter untersucht werden, z.B. welche Elemente in der Lehre zur Förderung des Selbstvertrauens und einer realistischen Selbsteinschätzung beitragen – besonders bei Frauen.
Limitationen
Das quasi-experimentelle Design ohne Kontrollgruppe lässt keine streng kausalen Schlussfolgerungen zu. Da die Studierenden zweimal einen MC-Test zu acht Erkrankungen beantworteten, können Lerneffekte durch die Testwiederholung nicht ausgeschlossen werden. Es handelt sich um eine monozentrische Studie am UKE, was die Generalisierbarkeit einschränkt. Des Weiteren ist die Selbsteinschätzung im Rahmen eines Seminars nicht deckungsgleich mit der späteren Handlungskompetenz im Patientenkontakt. Obwohl ein kurzfristiger Lernzuwachs bei den Blickdiagnosen nachgewiesen wurde, bleibt die Frage nach der langfristigen Retention des Wissens offen. Variablen wie Ängstlichkeit oder Selbstvertrauen wurden nicht erhoben, könnten aber konfundierend gewirkt haben und sollten daher zukünftig einbezogen werden.
ORCIDs der Autor*innen
- Ines Heinen: [0000-0001-7361-4554]
- Julian Kött: [0000-0003-2073-3909]
- Inga Hansen-Abeck: [0009-0007-5579-4337]
- Rachel Sommer: [0000-0002-3080-497X]
- Christine Blome: [0000-0002-1163-1639]
- Isabel Heidrich: [0000-0001-6894-1913]
- Martin Härter: [0000-0001-7443-9890]
- Matthias Augustin: [0000-0002-4026-8728]
- Stefan W. Schneider: [0000-0002-4679-7137]
- Nina Booken: [0009-0005-7692-9240]
- Finn Abeck: [0000-0001-7823-0736]
Interessenkonflikt
Die Autor*innen erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.
Literatur
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