[Die Facharztprüfung Allgemeinmedizin – Perspektiven von Prüfenden auf Status Quo und Weiterentwicklung: Eine explorative, qualitative Studie]
Andreas Christian Dreher 1Christine Becker 1
Marco Roos 2
Attila Altiner 1
Simon Schwill 1
1 Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Deutschland
2 Universität Augsburg, Medizinische Fakultät, Abteilung für Allgemeinmedizin, Augsburg, Deutschland
Zusammenfassung
Hintergrund: Die Facharztprüfung beeinflusst in hohem Maße die Versorgungsqualität. Ziel der Studie war die Perspektiven von Prüfenden zu Status quo, Motivation, Vor- und Nachteilen, Veränderungsvorschlägen sowie Effekten der Kompetenzzentren Weiterbildung (KW) zu explorieren.
Material und Methoden: Prüfende wurden deutschlandweit rekrutiert und anhand eines selbstentwickelten Fragebogens in semi-strukturierten Video-Interviews befragt. Die Aussagen wurden Wort für Wort transkribiert und inhaltanalytisch ausgewertet.
Ergebnisse: Es nahmen 12 Prüfende aus 6 Bundesländern teil. Die durchschnittliche Interviewdauer betrug 33 Minuten (Min. 24 min, Max. 57 min). Als Vorteile wurde das Einzelprüfungssetting, die Sicherung des Mindeststandards sowie die Zeit- und Kosteneffizienz hervorgehoben. Als nachteilig wurde die begrenzte Aussagekraft mündlicher Prüfungen für die komplexen Handlungskompetenzen an Patient:innen gesehen. Der wahrgenommene Veränderungsbedarf variierte zwischen den Prüfenden. Vorgeschlagen wurden Schulungen, Erwartungshorizonte und praktische Prüfungsanteile. Zudem wurden longitudinale Assessments benannt.
Diskussion: Prüfende sehen Schwächen der Prüfung bezüglich Objektivität, Reliabilität, Validität und Kontextsensibilität in Bezug auf die Komplexität allgemeinmedizinischer Arbeitsweise, halten aber die Einschätzung des Mindeststandards der Facharztqualifikation für möglich. Es zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen praktischer Umsetzbarkeit und prüfungsdidaktischem Anspruch. Potenziale zur Weiterentwicklung bestehen in Prüfendenschulungen, regelmäßigem Austausch, gemeinsamen Erwartungshorizonten, einer geschärften Zieldefinition und longitudinalem Assessment (Portfolio mit regelmäßigen Teilprüfungen).
Schlussfolgerung: Die Facharztprüfung weist Entwicklungspotenzial auf. Vergleichbare Erwartungshorizonte, wie sie bei Prüfendenschulungen erlernt werden, strukturieren die Prüfung und könnten einfach implementiert werden.
Schlüsselwörter
Facharztprüfung, Prüfendenschulung, Weiterbildung, Kompetenzzentren Weiterbildung
Einleitung
Die Facharztprüfung Allgemeinmedizin steht am Ende von fünf Jahren Weiterbildung in Vollzeitäquivalent [1]. In Deutschland sind die Landesärztekammern für die Durchführung der Prüfungen zuständig, sie wird von den Ärztekammern organisiert und dient der formalen Anerkennung der fachärztlichen Kompetenz. Die Facharztprüfung ist die letzte Prüfung in der ärztlichen Laufbahn und das Bestehen erlaubt die eigenständige und eigenverantwortliche fachärztliche Tätigkeit. Sie ist ein Instrument zur Sicherstellung der fachärztlichen Qualifikation mit Auswirkung auf die medizinische Versorgungsqualität und Patientensicherheit [2], [3]. Es handelt sich in der Regel um eine mündliche Prüfung über mindestens 30 Minuten mit zwei (Fach-)Prüfenden und einem Prüfungsvorsitz. Klassischerweise handelt es sich um ein unstrukturiertes „kollegiales Fachgespräch“, das sich in Deutschland seit Jahrzehnten etabliert hat. Die Umsetzung kann je nach Region, Fachgebiet und individueller Prüfungspraxis variieren.
Die Einführung der fünfjährigen Weiterbildung und der Facharztprüfung für Allgemeinmedizin markiert einen zentralen Schritt zur fachlichen Gleichstellung der Allgemeinmedizin mit anderen medizinischen Fächern. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Facharztprüfungen Allgemeinmedizin gestiegen [4] und ist beispielsweise aktuell in Baden-Württemberg die häufigste abgenommene Facharztprüfung [5]. Die Nichtbestehen-Quoten in der Facharztprüfung sind in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, während beispielsweise die europäische Facharztprüfung Notfallmedizin Durchfallquoten bis 64% hat [6]. Ergänzend zur praktischen Weiterbildung unter Supervision existieren in Deutschland Kompetenzzentren Weiterbildung (KW) zur Steigerung der Qualität und Effizienz der Weiterbildung Allgemeinmedizin [7]. Hier wird die Weiterbildung durch Seminare mit Curriculum, Mentoring sowie der Teilnahme an einem Weiterbildungsverbund unterstützt.
Generell sollten Prüfungen objektiv, valide, reliabel [8], [9] und kontextsensibel sein [3]. In der medizinischen Ausbildung wird der Prüfung zur Steuerung des Lernprozesses eine große Bedeutung zugeschrieben (assessment drives learning) [10], [11]. Zudem haben kompetenzorientierte, praktische und standardisierte Prüfungsformate an Bedeutung gewonnen [12], [13] und konnten sich an vielen Universitäten etablieren. Konzepte von Competency-Based Medical Education (CBME) und Entrustable Professional Activities (EPAs) rücken stärker in den Fokus [14]. Auch die Musterweiterbildungsordnung (MWBO) hat sich in der Neuauflage [1] kompetenzorientiert ausgerichtet, aber das Prüfungsformat wurde in seiner ursprünglichen Form beibehalten. Die aktuelle Facharztprüfung ist aus testtheoretischer Sicht nicht ausreichend, um Kompetenzorientierung und praktische Fertigkeiten valide abzubilden [15]. Im Sinne des Constructive Alignments [16] sollten Lern- und Kompetenzziele, Weiterbildungsaktivitäten und Prüfungsformate aufeinander abgestimmt sein, um zielgerichtetes Lernen zu fördern. Gegenwärtig ist von einem begrenzten Alignment von MWBO und der derzeit meist unstrukturierten mündlichen Prüfung auszugehen. Aus prüfungsdidaktischer Sicht ist eine grundlegende Weiterentwicklung der Facharztprüfung für ein besseres Alignment mit den Kompetenzzielen der neuen MWBO angezeigt.
Die Facharztprüfung bildet den Abschluss der allgemeinmedizinischen Weiterbildung und beeinflusst damit die Versorgungsqualität. Eine Umfrage unter Ärzt*innen in Weiterbildung und Fachärzt*innen für Allgemeinmedizin ergab keinen Wunsch nach Veränderung [17]. Ziel der explorativen Studie war es zu erfassen, wie Prüfende den Status Quo der aktuellen Prüfung bewerten, welche Motivationen ihrer Prüfungstätigkeit zugrunde liegen, welche Vor- und Nachteile sie dem bestehenden Format zuschreiben, welche Weiterentwicklungsbedarfe sie identifizieren, welche Qualifikationen für Prüfende notwendig sind und inwiefern Effekte der Kompetenzzentren Weiterbildung (KW) auf die Prüfung wahrgenommen werden.
Material und Methoden
Art der Studie und Setting
Es wurde eine qualitative Studie mit semi-strukturierten Interviews mit Prüfenden für Allgemeinmedizin durchgeführt. Der qualitative Ansatz wurde mit dem Ziel der tiefergehenden Erfassung von Erfahrungen und wahrgenommener Herausforderungen in ihrer Komplexität und Kontextgebundenheit gewählt. Innerhalb eines Zeitraums von 16 Wochen wurden von Dezember 2024 bis April 2025 die Rekrutierung, die Interviews und die anschließende Datenanalyse durchgeführt. Die Berichterstattung basiert auf den konsolidierten Kriterien für die Berichterstattung über qualitative Forschung (COREQ) (siehe Anhang 1 [Anh. 1]) [18].
Teilnehmende und Rekrutierung
Alle Befragten waren Prüfende für Allgemeinmedizin und wurden via E-Mail kontaktiert. Es bestand keine öffentlich zugängliche Liste von Prüfenden in Deutschland oder Netzwerk von Prüfenden, sodass die Rekrutierung nach purposive sampling gezielt bezüglich Bundesland, Prüfungserfahrung und Geschlecht erfolgte.
Prüfende wurden sowohl über bestehende berufliche Netzwerke (Kompetenzzentren Weiterbildung, Fachkongresse) als auch durch gezielte Identifikation bislang nicht bekannter Personen anhand von Prüfungsprotokollen kontaktiert. Einzelne Teilnehmende waren den Forschenden aus dem beruflichen Umfeld bekannt. Es bestand jedoch kein hierarchisches oder anderweitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Forschenden und Teilnehmenden. Es wurden 40 Prüfende kontaktiert, wovon sich 13 zurückmeldeten und 12 bei einem Interview teilnahmen.
Entwicklung des Instruments, Interviewleitfaden
Nach einer Literaturrecherche (NIH/PubMed®: „specialist exam“, „board certification“, „resident assessment“, „postgradual medical education assessment“) wurde ein Interviewleitfaden von einer Gruppe von vier Forschenden (ACD, CB, MR, SS) entwickelt, die sowohl in qualitativer Forschung als auch in Allgemeinmedizin und Didaktik erfahren waren.
Der Kern-Zyklus [19] diente als theoretisches Framework zur Strukturierung der Studie, da er die systematische Verknüpfung von Bedarfsanalyse, Zieldefinition, Lehr-/Lernaktivitäten und Assessment beschreibt. Sowohl ein Needs Assessment der Zielgruppe der Prüfenden als auch eine Einordnung entlang des Kern-Zyklus im Kontext der Weiterbildung wurden in der Entwicklung des Interviewleitfadens berücksichtigt.
Die Interviews waren leitfadengestützt, um eine systematische Abdeckung der zentralen Themenfelder zu gewährleisten. Gleichzeitig wurden freie Assoziationen und vertiefende Rückfragen im Interview ermöglicht.
Der Interviewleitfaden wurde mittels Think-Aloud-Technik validiert [20]. In dieser Methode verbalisieren die Teilnehmenden ihre Gedankenprozesse, kognitiven Strategien und Entscheidungsvorgänge. Anschließend wurde der Interviewleitfaden mit zwei Interviews pilotiert und geringfügig angepasst (siehe Anhang 2 [Anh. 2]). Der Interviewleitfaden umfasst Fragen zur Soziodemographie und Erfahrung als Prüfende, Einschätzungen der aktuellen Facharztprüfung, Veränderungsperspektiven sowie Fragen zu möglichen Effekten durch die Kompetenzzentren Weiterbildung.
Datenerhebung
Die Interviews wurden über Zoom® (San Jose, California USA, Version 6.3.0) von ACD (Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Arzt in fortgeschrittener Weiterbildung Allgemeinmedizin, Prüfer für Psychologische Psychotherapeut*innen und Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen, mehrjährige Erfahrung in Interviewführung und qualitativer Datenanalyse) durchgeführt. Eingangs wurden die Teilnehmenden über den Hintergrund der Studie und die Rolle des Forschenden informiert. Keine dritte Person (Nicht-Teilnehmende) war am Arbeitsplatz des Forschers und im privaten Umfeld der Prüfenden anwesend. Es wurde eine Audioaufnahme aufgenommen. Feldnotizen wurden angefertigt, um relevante Beobachtungen während der Interviewdurchführung zu dokumentieren. Die Transkripte wurden den Prüfenden nicht zur Korrektur gegeben.
Qualitative Datenanalyse
Die Interviews wurden Wort für Wort transkribiert und papierbasiert analysiert. Die Transkripte wurden gesichtet und induktiv-deduktiv angelehnt an Kuckartz kategorisiert [21] und von zwei Forschern (ACD, SS) unabhängig voneinander analysiert. Anschließend wurden Kategorien und Zitate verglichen und bei Bedarf angepasst. Bei Unklarheiten wurde zu dritt (CB) das Material gesichtet, um einen Konsens zu finden. Während der Auswertung fand kontinuierlich eine Reflexion von persönlichen, interpersonalen, methodischen und kontextbezogenen Faktoren statt, welche die Analyse beeinflussen könnten.
Ergebnisse
Interviewdurchführung
Es wurden n=12 Interviews zwischen Dezember 2024 und April 2025 durchgeführt. Die durchschnittliche Interviewdauer betrug 33 Minuten (Minimum 24 min, Maximum 57 min). Die Durchführung erfolgte ohne technische Probleme. Kein Interview musste wiederholt werden. Das Kategoriensystem wurde nach zwei Interviews überprüft und keine weiteren Anpassungen waren notwendig. In den letzten Interviews ergaben sich keine neuen Aspekte (Codes), sodass von einer meaning saturation ausgegangen wurde und keine weitere Rekrutierung erfolgte.
Soziodemographische Daten und Prüfungserfahrung
Die soziodemographischen Daten sind in Tabelle 1 [Tab. 1] dargestellt. Alle an der Studie beteiligten Prüfenden waren Fachärzt*innen (FÄ) für Allgemeinmedizin und besaßen relevante Expertise in der Durchführung von Facharztprüfungen. In den befragten Bundesländern gab es den Unterschied, ob der Prüfungsvorsitz fachfremd oder facheigen ist. Zudem war es zwischen den Bundesländern nicht einheitlich, ob die Prüfung auf Tonband aufgenommen wurde.
Tabelle 1: Soziodemographische Daten der Facharztprüfenden, die an der qualitativen Studie teilnahmen (N=12)
Motivation für Prüfendentätigkeit
Die Motivation für die Tätigkeit als Prüfende ist überwiegend von idealistischen und intrinsischen Motiven getragen und in Tabelle 2 [Tab. 2] dargestellt. Die Aufwandsentschädigung, welche den Praxisausfall nicht kostenneutral kompensiert, wurde als mögliche Barriere in der Rekrutierung neuer Prüfender gesehen.
Tabelle 2: Motivationsgründe für die Tätigkeit als Facharztprüfende
Vor- und Nachteile aktueller Prüfungsform
Die berichteten Vor- und Nachteile der aktuellen Prüfungsform sind in Tabelle 3 [Tab. 3] gegenübergestellt. In Anhang 3 [Anh. 3] sind repräsentative Ankerzitate dargestellt. Die aktuelle Facharztprüfungsform hat aus Sicht der meisten Prüfenden organisatorische Stärken und inhaltliche Vorteile. Als großen Vorteil sieht die Mehrheit der Prüfenden die gute Durchführbarkeit der Prüfung bei geringem Zeitaufwand und praktischer Umsetzbarkeit. Die Prüfung durch Fachkolleg*innen ermögliche eine fachlich fundierte Qualitätskontrolle auch bezüglich des Prüfens von Haltungen. Das Setting einer persönlichen Einzelprüfung und den Gestaltungsspielraum als Prüfende in der Fragen- und Themenauswahl wurde von einigen Prüfenden als Vorteil gesehen.
Tabelle 3: Vor- und Nachteile aktueller Facharztprüfungsform in der Wahrnehmung von Facharztprüfenden
Gleichzeitig wurden verschiedene Nachteile benannt. Die eingeschränkte Objektivität von mündlichen Prüfungen wurde von der Mehrheit der Prüfenden bemängelt. Die Validität der mündlichen Prüfung für die praktische Arbeit mit Patient*innen wurde insbesondere vor dem Hintergrund der komplexen Langzeitbetreuung multimorbider Patient*innen in der Allgemeinmedizin kritisch hinterfragt.
Als strukturelle Nachteile wurden von einigen Prüfeneden der späte Prüfungszeitpunkt mit begrenztem Einfluss auf die Weiterbildung sowie die Unsicherheit als Prüfende und der Aufwand bei Nichtbestehen genannt. Im Kontext der Vor- und Nachteile wurde betont, dass nicht abgebildete Kompetenzen dennoch vorhanden sein können und die Prüfung nur begrenzt geeignet ist, in der verfügbaren Zeit umfassend und vertieft Kompetenzen zu erfassen:
Kriterien für Prüfende
Alle Prüfenden benannten, dass sie von den zuständigen Kammern ernannt wurden und ihnen zumindest kein transparentes Verfahren bekannt sei, wie Prüfende ausgewählt würden. In Tabelle 4 [Tab. 4] sind die von den Prüfenden berichteten Kriterien, die sie für die Auswahl von Prüfenden anlegen würden.
Tabelle 4: Benannte Kriterien für Prüfende im Fach Allgemeinmedizin aus Sicht der Prüfenden
Inwiefern objektive Kriterien die persönliche Eignung von Prüfenden widerspiegeln könnten, wurde von mehreren Prüfenden kritisch hinterfragt. Als mögliches Verfahren wurde von einem Prüfer beispielsweise ein kollegiales Gespräch (Prüfendenprüfung) vorgeschlagen, in dem anhand von Fallbesprechungen und der Interaktion die fachliche und persönliche Eignung von Prüfenden besser eingeschätzt werden könne.
Veränderungsperspektiven
Die Prüfenden zeigten verschiedene Sichtweisen (siehe Tabelle 5 [Tab. 5]), inwiefern es bei der aktuellen Prüfungsform Veränderungsbedarf gibt. Teilweise wurde der Status quo als ausreichend gut bewertet und eine „Verschulung“ nach Prüfungskriterien der Universität abgelehnt. Die Mehrheit setzte den Fokus auf die Optimierung und Weiterentwicklung der bestehenden Prüfungsform. Hier wurden insbesondere vorher gemeinsam konsentierte Erwartungshorizonte zur Verbesserung des aktuellen Prüfungsprozesses benannt. Zudem wurde von manchen Prüfenden die Ergänzung der Prüfung sowohl um eine schriftliche als auch praktische Prüfung überlegt. Drei Prüfende äußerten den Wunsch nach internationalem Vorbild ein longitudinales Assessment, um Prozesse und Kompetenzen besser abzubilden. Es wurde von einem Prüfer zudem benannt, inwiefern ein solches Assessment auch auf freiwilliger Basis stattfinden könnte. Der Impact einer Veränderung der Prüfung auf die Weiterbildung wurde unterschiedlich eingeschätzt. Während einige wenig Potential hierin sehen, sahen andere eine deutliche Chance hierin:
Tabelle 5: Perspektiven von Facharztprüfenden auf Veränderung der aktuellen Prüfungsform
Generell waren sich die Mehrheit der Prüfenden einig, dass der Fokus auf der Weiterentwicklung und Verbesserung der Weiterbildung und nicht auf einer komplizierten Prüfung.
Effekte der Kompetenzzentren Weiterbildung
Die Hälfte der interviewten Prüfenden weiß von den Prüflingen (z.B. aufgrund aktiver Nachfrage oder Bekanntheit über Seminare im KW), ob sie im Kompetenzzentrum waren und können Effekte der KWs als deutliche Tendenzen verorten.
Diese Prüfenden benannten, dass Teilnehmende des KW einen besseren Prüfungserfolg hätten und in der Herangehensweise an die Fragen eine bessere Methodenkompetenz und Struktur zeigen würden. Zudem schreiben sie den Teilnehmenden des KW mehr praktische Handlungskompetenz zu. Gleichzeitig wird die Abgrenzung zu anderen Faktoren als schwierig erachtet. Beispielsweise wurde die diversifizierte Weiterbildung mit verschiedenen ambulanten Rotationen als deutlicher Prädiktor für eine bessere Performance bei der Prüfung benannt. Die Prüfenden stellten klar, dass Nicht-Teilnehmende am KW ebenfalls sehr gute Prüfungen ablegen können. Ein von ihnen wahrgenommener Trend zeigt, dass die Mehrheit der Nichtbestehenden nicht am KW Weiterbildungen besucht habe:
Diskussion
Die qualitative Studie zeigt den Status quo der Facharztprüfung mit ihren Vor- und Nachteilen sowie Weiterentwicklungspotentialen und Effekten der Kompetenzzentren Weiterbildung auf. Es konnten die Perspektiven der Prüfenden auf die Prüfungsform, auf Veränderungsmöglichkeiten sowie Qualifikation von Prüfenden explorativ erfasst werden.
Der demographische Wandel der Ärzt*innen [22] macht auch bei den Prüfenden nicht halt und vor dem Hintergrund der steigenden Facharztanerkennungen in der Allgemeinmedizin lässt sich ein Bedarf für die Rekrutierung und Qualifizierung neuer Prüfender ableiten. Bezüglich der Motivation für die Prüfungstätigkeit wurden vor allem intrinsische und fachbezogene Motive benannt. Ausreichende finanzielle Anreize zur Kompensation von Sprechstundenausfällen könnte die Rekrutierung weiterer Prüfender erleichtern.
Es besteht eine Ambiguität in der Haltung zur Facharztprüfung durch die Prüfenden. Die Prüfenden waren sich einig, dass sie in der Prüfung den Mindeststandard einer Facharztqualifikation eruieren können, wenngleich sie deutliche Einschränkungen in Hinblick auf Objektivität, Reliabilität, Validität und Kontextsensibilität sahen. Dies deckt sich mit internationalen Untersuchungen zu mündlichen Prüfungen. Memon et al. [23] zeigen in ihrem Review auf, dass in vielen Ländern mündliche Prüfungen in den postgraduellen Weiterbildungen traditionell etabliert sind, wenngleich manche Länder aufgrund der eingeschränkten testtheoretischen Güte andere Prüfungsformate eingeführt haben. In der Schweiz wird beispielsweise eine schriftliche Prüfung mit 120-MC-Fragen durchgeführt, was mit einer erhöhten Objektivität einhergeht [24]. Burch et al. [25] sehen die Evidenzbasierung der Prüfungsformate in Hinblick auf internationale Vergleichbarkeit bezüglich ihrer Aussagekraft kritisch. Entsprechend der Miller-Pyramide [15] können in mündlichen Prüfungen vor allem kognitive und Methodenkompetenzen („weiß es“ (knowledge), „weiß wie“ (competence)) geprüft werden, wohingegen Handlungskompetenzen („zeigt es“ (performance), „macht es“ (action)) nicht in mündlichen Prüfungen adäquat abgebildet werden können. Die Überprüfung des eigenständigen professionellen Handelns stellt das genuine Ziel der Facharztprüfung als Abschluss von Aus- und Weiterbildung dar.
Bezüglich Veränderungsimplikationen bestand unter den Prüfenden eine deutliche Meinungsheterogenität. Es lässt sich unter den Prüfenden wenig Anreiz für Veränderung eruieren. Fink et al. [17] konnten unter Ärzt*innen in Weiterbildung in einer Umfrage ebenfalls wenig Interesse an einer Veränderung der aktuellen Prüfungsform feststellen. Derzeit gibt es keine Hinweise auf eine Bottom-Up-Initiative zur Veränderung der aktuellen Prüfung, weder von Prüfenden noch von Ärzt*innen in Weiterbildung. Gleichzeitig wurden kurzfristige und leicht implementierbare Optimierungen der aktuellen Prüfungsform mit Prüfendenschulungen, regelmäßigem Austausch (Qualitätszirkel für Prüfende) und gemeinsam konsentierten Erwartungshorizonten benannt. Dies könnte die Durchführungsobjektivität, die Auswertungsobjektivität und die Interpretationsobjektivität erhöhen. Beckers et al. [26] zeigten in einer Analyse von Gedächtnisprüfungsprotokollen der Facharztprüfung Innere Medizin, dass die Varianz der Prüfungsinhalte und Kompetenzstufen relativ groß ist und empfehlen Blueprints wie in den USA für gleiche Prüfungsbedingungen für alle Kandidat*innen. In verschiedenen europäischen Ländern durchlaufen Prüfende bereits vor ihrem ersten Einsatz eine Prüfendenschulung. In Südbaden durchgeführte Prüfungsschulungen [28] erfuhren eine große Akzeptanz durch die teilnehmenden Prüfenden.
Diese sahen die Notwendigkeit, Minimalstandards für Prüfungen festzulegen und Anforderungsniveau und Bewertungskriterien zu vereinheitlichen, um Validität und Reliabilität der Prüfungen zu verbessern.
Auf Basis der von den Prüfenden in der Studie benannten Qualifikationskriterien lässt sich ein Absolvierendenprofil von Prüfendenschulungen ableiten, das die Grundlage für die Weiterentwicklung entsprechender Lehr- und Lernziele für Prüfendenschulungen bilden kann. Die Schulungen sollten sowohl die Durchführungskompetenz und das Wissen über unterschiedliche Prüfungsformate vermitteln, als auch Raum für eine reflexive Diskussion zwischen praktischer Umsetzbarkeit und prüfungsdidaktischem Anspruch bieten. Für eine Restrukturierung der Prüfung, die machbar gelebt wird, ist die konsequente Integration von Prüfenden notwendig.
Analog zur Verpflichtung für die Neubeantragung einer Weiterbildungsbefugnis einen Train-the-Trainer-Kurs zu besuchen [29] könnte die Verpflichtung einer kompakten Prüfendenschulung für neue Prüfende empfohlen werden. Solche Schulungen sind beispielsweise in Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien üblich [27]. Um Unsicherheiten und Verwaltungsaufwand bei Nichtbestehen für die Prüfenden zu reduzieren, könnten sie gezielt zu Abläufen geschult werden, während vorab erstellte Erwartungshorizonte eine belastbare und nachvollziehbare Entscheidungsgrundlage bieten. In der Musterweiterbildungsordnung 2018 sind ausschließlich formale Aspekte der Prüfung beschrieben [1]. Vor dem Hintergrund der Transition hin zur Kompetenzorientierung der neuen Musterweiterbildungsordnung wäre eine entsprechende kompetenzorientierte Ausrichtung des Prüfungsformats zielführend. Vorschläge zu strukturierten mündlichen Prüfungen für ein qualitativ höheres und einheitliches Niveau existieren [30]. Für eine kontinuierliche Sicherstellung des Weiterbildungsprozesses sind formative Assessments (assessment for learning) besser geeignet als summative Prüfungen (assessment of learning). In der psychotherapeutischen Ausbildung in Deutschland gibt es beispielsweise eine Zwischenprüfung und eine Abschlussprüfung. Letztere besteht aus einem schriftlichen MC-Teil sowie einer mündlich-praktischen Fallprüfung [https://www.gesetze-im-internet.de/psychthappro/BJNR044800020.html]. International haben sich in der Allgemeinmedizin formative Assessments beispielsweise in Dänemark und den Niederlanden [31], [32] bewährt und es wird auf eine summative Abschlussprüfung verzichtet. In Frankreich dokumentieren Weiterzubildende ihre Kompetenzentwicklung in einem Portfolio, das von Mentor*innen (référent pédagogique) kontrolliert wird [33]. Khan et al. [34] zeigen in ihrem Review ebenfalls Vorteile von formativem Assessment für die Verbesserung der individuellen Lernkurve in der Urologie auf. Kompetenzen sollten kontinuierlich durch formativ-praktische Assessments wie Mini Clinical Examination (Mini-CEX), Direct Observation of Procedural Skills (DOPS) oder Portfolios erfasst und rückgemeldet werden [35]. Hier zeigen sich in den letzten Jahren entrustable professional activities (EPAs) vielversprechend, um die Handlungskompetenzen in der Miller-Pyramide aussagekräftig abzubilden [36], wenngleich eine Studie aus den Niederlanden in EPAs einen größeren Vorteil als Lerninstrument und weniger als Prüfungsinstrument in der Allgemeinmedizin sieht [37]. Thiessen et al. [38] entwickelten ein Best-Practice-Modell für die Facharztprüfung mit Triangulierung durch verschiedene Methoden, Blueprinting, Festlegung von Fragestellungen und Erwartungshorizont, Qualitätskontrolle und nachgelagerten Lerneffekten für Prüflinge. Der erhöhte Prüfungsaufwand geht entsprechend mit höheren Kosten und mehr Personalaufwand einher [27].
Es zeigt sich eine Ambivalenz zwischen dem Bewusstsein für die Schwächen der aktuellen Prüfungsform und der Motivation für eine grundlegende Reform. Aus prüfungstheoretischer Perspektive erscheint eine Weiterentwicklung jedoch sinnvoll, um ein besseres Alignment zwischen Kompetenzzielen und Prüfungsformaten zu erreichen. Vor dem Hintergrund der Bedeutung von Prüfungen sowohl für Lernprozesse als auch für die Qualitätssicherung in der medizinischen Versorgung ist eine solche Anpassung aus prüfungsdidaktischer Sicht erforderlich. Mehrere Prüfende betonten zugleich Implementierungsaspekte, insbesondere die begrenzte Verfügbarkeit von Prüfenden und die praktische Umsetzbarkeit.
Ein longitudinales formatives Assessment (Portfolio-basiert mit Logbuch) mit praktischen Prüfungsanteilen könnte in Deutschland ebenfalls die Qualität und Effizienz in der Weiterbildung stärken. Derzeit wird dies teilweise über Weiterbildungsbefugte und das Logbuch erfasst, eine unabhängige Prüfungsinstitution zur triangulierenden Kontrolle wäre jedoch vorteilhaft. Da viele Prüfungskandidat*innen über Verlaufs- oder Quereinstieg [39] nicht primär in der Allgemeinmedizin sozialisiert sind, könnte ein formatives Assessment frühzeitig Feedback zu ihrer Neuorientierung und den Lernzielen für die verbleibende Weiterbildungszeit geben. Nach internationalem Vorbild gibt es auch Progress Tests [40] in der Weiterbildung, die den Ärzt*innen in Weiterbildung Rückmeldung über ihren Lernfortschritt und zukünftige Lernziele geben. Es wäre also auch eine freiwillige Verpflichtung zu formativen Assessments zur Rückmeldung über den eigenen Lernfortschritt denkbar.
Ein Teil der Prüfenden konnte den Teilnehmenden der KW eine bessere Prüfungsperformance und eine geringere Nichtbestehens-Quote zuschreiben. Diese Tendenzen lassen sich als potenzielle Effekte der Kompetenzzentren Weiterbildung (KW) interpretieren. Gleichzeitig ist ein Selektionseffekt von besonders motivierten Ärzt*innen in Weiterbildung und weitere Faktoren (z.B. bessere Vernetzung) zu diskutieren. Bemerkenswert ist insbesondere die Feststellung, dass zumeist Prüflinge mit Nichtbestehen in der Prüfung keine Weiterbildungen im KW besuchten.
Stärken und Limitationen
Es handelt sich um eine qualitative Erhebung von Prüfenden mit sowohl langjähriger Prüfungserfahrung als auch wenig Prüfungserfahrung, was die Aussagekraft der Studie untermauert. Gleichzeitig sind verschiedene Limitationen aufzuführen. Die qualitative Befragung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da nicht Prüfende aus allen Bundesländern befragt wurden. Die Gesamtzahl der Prüfenden für Allgemeinmedizin in Deutschland ist derzeit nicht bekannt. Die Stichprobe umfasste sowohl wenig erfahrene, als auch überwiegend erfahrene Prüfende und dürfte die Zusammensetzung von Prüfungsgremien plausibel abbilden. Es ist ein möglicher Selektionsbias zu diskutieren, da die Rekrutierung teilweise über bestehende Netzwerke erfolgte und sich vor allem schon bekannte Prüfende zurückmeldeten. Es ist anzunehmen, dass möglicherweise universitär vernetzte Prüfende neuen Prüfungsformaten offener gegenüber eingestellt sind. Zudem ist im Kontext der Interviews eine Beeinflussung durch soziale Erwünschtheit zu diskutieren.
Die berichteten Effekte der Kompetenzzentren Weiterbildung sind als explorativ zu interpretieren, da nicht alle Prüfenden die Teilnahme der Prüflinge entsprechend einordnen konnten und somit wahrscheinlich nicht alle relevanten Perspektiven erfasst wurden.
In weiteren Studien sollte im Mixed-Methods-Design die Einschätzung der Umsetzbarkeit und des Mehrwehrts für die Weiterbildung zur Veränderung der Facharztprüfung sowie die Effekte der Kompetenzzentren weiter untersucht werden.
Schlussfolgerungen
Die Prüfenden zeigen ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Schwächen der aktuellen Prüfungsform und reflektieren kritisch deren Objektivität, Reliabilität und Validität im Hinblick auf die Komplexität allgemeinmedizinischer Tätigkeit. Hinsichtlich zielführender Veränderungen besteht Meinungsvielfalt, jedoch wird die Einschätzung des Mindeststandards der Facharztqualifikation in der aktuellen Form aus der Perspektive der Prüfenden als möglich erachtet. Aus prüfungsdidaktischer Sicht sollte die Zieldefinition der Facharztprüfung geschärft, das Alignment von Kompetenzzielen der Musterweiterbildungsordnung und Prüfungsformat verbessert und zur Qualitätssicherung in der Weiterbildung ein longitudinales Assessment mit praktischen Prüfungsanteilen erwogen werden. Für eine zeitnahe Veränderung erscheinen flächendeckende Prüfendenschulungen, regelmäßiger Austausch unter den Prüfenden und konsentierte Erwartungshorizonte geeignet.
Anmerkungen
Ethische Genehmigung und Einwilligung zur Teilnahme
Die Studie entsprach der Deklaration von Helsinki. Alle Teilnehmer haben ihre schriftliche Einwilligung zur Teilnahme an der Studie und zur pseudonymisierten Verwendung ihrer Daten erteilt. Die Studien wurden von der Ethikkommission der Medizinischen Universität Heidelberg, Alte Glockengießerei 11/169115 (S711/2023), genehmigt. Die Studien wurden in Übereinstimmung mit den lokalen Rechtsvorschriften und institutionellen Anforderungen durchgeführt. Die Teilnehmer haben ihre schriftliche Einwilligung nach Aufklärung zur Teilnahme an dieser Studie erteilt.
Verfügbarkeit von Daten und Materialien
Die in diesem Artikel vorgestellten Datensätze sind nicht frei zugänglich, da die Teilnehmer gemäß den Anforderungen des europäischen Datenschutzrechts über die Datenschutzrichtlinien informiert wurden und zugestimmt haben, dass die pseudonymisierten Daten dem Projektteam zur Verfügung stehen und am Studienzentrum gespeichert werden. Anfragen bezüglich des Zugriffs auf die Datensätze sind an Simon Schwill (simon.schwill@med.uni-heidelberg.de) zu richten.
Förderung
Die Autor*innen erklären, dass für die Forschung, die Erstellung und/oder die Veröffentlichung dieses Artikels finanzielle Unterstützung gewährt wurde. Der KWBW Verbundweiterbildungplus® wird durch öffentliche Mittel gemäß § 75a des Sozialgesetzbuchs V, Anhang, gefördert.
Beitrag der Autor*innen
ACD war an der Ideenfindung, der Konzeption und Methodik sowie an der Erhebung, Analyse und Interpretation der Daten und der Erstellung des ersten Entwurfs beteiligt. CB war an der Erhebung, Analyse und Interpretation der Daten beteiligt. MR war an der Methodik sowie an der Analyse der Daten beteiligt. AA war an der Auswertung der Daten und der Überprüfung des Manuskripts beteiligt. SS war an der Idee und der Finanzierung der Studie, an der Konzeption und Methodik sowie an der Analyse und Auswertung der Daten und der Erstellung des ersten Entwurfs beteiligt.
ORCIDs der Autor*innen
- Andreas Christian Dreher: [0009-0003-6688-8807]
- Christine Becker: [0009-0009-4802-5761]
- Marco Roos: [0000-0003-1596-5908]
- Attila Altiner: [0000-0002-2429-933X]
- Simon Schwill: [0000-0002-0954-2194]
Danksagung
Wir möchten uns bei allen teilnehmenden Hausarztprüfer*innen, allen KWBW-Praxen und Partner*innen für ihre Teilnahme bedanken. Die Studie wurde auf der Jahrestagung der DACH-Gesellschaft für medizinische Ausbildung in den Gesundheitsberufen 2025 in Düsseldorf vorgestellt.
Interessenkonflikt
ACD, CB und SS erklären, dass sie in die Organisation des Weiterbildungsprogramms KWBW eingebunden sind. Alle Autoren erklären, dass bei ihnen keine Interessenkonflikte bestehen.
Literatur
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